Krank statt entgiftet – Lebensgefährliche Ayurveda-Pillen

Ethno-Naturmedizin-Trip: Eine Kur in der Ayurveda-Hochburg Sri Lanka endete für mehrere Deutsche beinahe tödlich. Von Dorothea Hülsmeier

Sri Lanka (Foto: Free Wind 2014/Shutterstock.com)

Sri Lanka (Foto: Free Wind 2014/Shutterstock.com)

Gewichtsverlust, Konzentrationsstörungen, Schmerzen und Leistungsknick: Die Patientin, die in die Sprechstunde des Hamburger Nierenarztes Tobias Meyer kam, hatte zahlreiche Beschwerden. In ihrem Blut wurden – in niedrigen Konzentrationen – Quecksilber, Arsen und Blei nachgewiesen. Zuvor hatte sie drei Wochen eine Ayurveda-Kur in Sri Lanka gemacht und Mittel eingenommen, die nach Rezepturen der traditionellen indischen Heilkunst hergestellt worden sein sollten.

Als Meyer die Ayurveda-Kügelchen, die mehrere Patienten aus Asien mitgebracht hatten, untersuchen ließ, war das Ergebnis schockierend: In einem Fall habe der Quecksilbergehalt einer Ayurveda-Pille den zulässigen Grenzwert um das 2,3-Millionenfache überschritten. „Die bestand praktisch nur aus Quecksilbersalz in Tablettenform“, sagt der Chefarzt an der Asklepios Klinik in Hamburg. Schwermetallvergiftungen seien nur schwer behandelbar. Vor allem im Nervengewebe könne es zu schweren Zellschäden kommen.

Quecksilber und Blei

Bundesweit sind in den vergangenen Monaten mehrere Vergiftungsfälle infolge belasteter Ayurveda-Mittel aufgetreten. Der Arzt Siddharta Popat aus dem rheinland-pfälzischen St. Katharinen behandelte sechs Patienten, die im gleichen Resort in Sri Lanka Ayurveda-Kuren gemacht hatten. Umfassende Blut- und Urintests hätten teilweise so hohe Werte an Quecksilber und Blei ergeben, „dass man fast vom Stuhl fällt“, sagt er. Die Behandlungsergebnisse seien aber „ermutigend“.

Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft Aachen wegen des Vorwurfs der gefährlichen Körperverletzung. Auslöser sei die Strafanzeige eines Aacheners gewesen. Er habe zusammen mit seiner Frau eine Ayurveda-Kur in einem Hotel in Sri Lanka gemacht, das offenbar von einer Deutschen geführt werde.

Ethno-Trendmedizin mit Risiko

Angesichts der Häufung der Berichte über Schwermetall-Vergiftungen rät sogar das Auswärtige Amt in seinen Reisehinweisen für Sri Lanka „dringend“, ayurvedische Behandlungen nur in Einrichtungen vorzunehmen, die bei der Sri Lanka Tourism Development Authority (SLTDA) registriert seien und „keinesfalls unzertifizierte ayurvedische Medikamente einzunehmen“.

Die traditionelle indische Ayurveda-Heilkunde ist in den vergangenen Jahren zur globalen Ethno-Trendmedizin geworden. Nicht nur mit Stirn-Ölguss, Massagen, Yoga, Einläufen und besonderer Ernährung soll der gestresste Körper gereinigt und das Wohlbefinden gesteigert werden. Es gibt auch spezielle Therapien, mit denen Krankheiten behandelt werden.

Doch Experten warnen eindringlich vor der ungeprüften Einnahme von medizinischen Präparaten in Asien. „Kurioserweise schalten viele Leute, wenn sie in den Urlaub fahren, ihren gesunden Menschenverstand ab“, sagt Christian Kessler, Forschungskoordinator an der Charité-Hochschulambulanz für Naturheilkunde in Berlin. Vor Ayurveda-Kuren am Strand von Sri Lanka oder Indien sollte man „gut im Vorfeld recherchieren“, was es für Anbieter seien, ob sie nationale Qualitätsstandards erfüllten und Prüfzertifikate verlangen.

In Europa verboten

„Man kann mittlerweile auch in Europa Ayurveda-Kuren machen – mit mehr Sicherheit“, sagt Kessler. Medizinische Schwermetall-Therapien seien in Deutschland absolut verboten. Aber auch in Indien und Sri Lanka seien sie ein „sehr kleiner und umstrittener Zweig der Ayurveda-Medizin“.

In Deutschland gelten Ayurveda-Produkte als Nahrungsergänzungsmittel, die Regeln für die Einfuhr sind streng. Buko Hartmann, Inhaber der auf den Import und die Herstellung ayurvedischen Produkte spezialisierten Firma Amla bei Hamburg, sagt, dass metallhaltige Präparate „heute von seriösen Ayurveda-Ärzten auch in Indien nicht mehr benutzt werden, weil das Risiko einfach zu groß ist“. In Europa seien solche Mittel „völlig verboten und kommen auf gar keinen Fall legal in den Markt“.

Mangelnde Auflagen und Hygienevorschriften

Amla importiert Kräuter aus Indien und lässt sie von einem zertifizierten Labor auf Schwermetalle, Bakterien, Schimmelpilzgifte und Pestizide prüfen. In Deutschland werden daraus Kapseln, Tabletten oder Pulver gemacht. Kontrolliert werde die Produktion auch vom Bundesministerium für Verbraucherschutz und dem Veterinäramt, sagt Hartmann.

Vergleichbare Kontrollen gebe es nicht in Asien, sagt Martina Sofia Thurner, Geschäftsführerin des Verbandes Europäischer Ayurveda-Mediziner. Zwar gebe es in Indien inzwischen ein Prüfsystem, aber viele Mittel würden noch häufig aus Traditionen heraus in der Familie hergestellt. „Viele gehen für Ayurveda-Kuren ins Ausland, weil sie günstiger sind als in Deutschland“, sagt Thurner. „Die Behandlungen dort sind natürlich anders, auch weil die Auflagen und Hygienevorschriften andere sind.“

(dpa)

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