Kranke zum Lachen bringen: Humor will gelernt sein

Medizin für Seele und Körper – die Klinikclown-Szene in Deutschland ist stark im Kommen. Von Grit Büttner

Ines Vowinkel (l) als Klinikclown „Fine“ und Kerstin Daum (r) als „Kiki“ gehen über einen Flur der Kinderstation der Helios Klinik Schwerin (Mecklenburg-Vorpommern). Seit neun Jahren bringen die Clowns einmal in der Woche den Stationsbetrieb durcheinander. In bunten Kostümen, mit der Gitarre im Anschlag und lustigen Sprüchen auf den Lippen, wirbeln sie durch Klinikflure und Kinderzimmer. (Foto: Jens Büttner/dpa)

Ines Vowinkel (l) als Klinikclown „Fine“ und Kerstin Daum (r) als „Kiki“ gehen über einen Flur der Kinderstation der Helios Klinik Schwerin (Mecklenburg-Vorpommern). Seit neun Jahren bringen die Clowns einmal in der Woche den Stationsbetrieb durcheinander. In bunten Kostümen, mit der Gitarre im Anschlag und lustigen Sprüchen auf den Lippen, wirbeln sie durch Klinikflure und Kinderzimmer. (Foto: Jens Büttner/dpa)

Wenn Clowns die Schulbank drücken, sieht das spaßig und schweißtreibend zugleich aus. Mit roten Nasen im Gesicht mühen sie sich, eine Umarmung im Zeitlupentempo mit ulkigen Verrenkungen zu vollführen. Dann überraschen sie ihr Gegenüber mit komischen Fingertricks oder einem minutenlangen Handkuss. Sie tanzen, singen, schlüpfen immer wieder in andere Rollen. Bis Sonntag trainierten elf professionelle Klinikclowns aus Deutschland drei Tage lang in Raben Steinfeld bei Schwerin ihr Können.

Den Workshop leitete der Holländer Ton Kurstjens. Der 57 Jahre alte Komiker gibt seit fast 30 Jahren Kurse in ganz Europa. Mit den deutschen Clowns trainierte er „Entschleunigung“ und „Kontaktknüpfen“ – beides sei wichtig für die Arbeit im Krankenhaus, sagt er. Langsamkeit in der Bewegung nennt Kurstjens „Salamisieren“ und meint damit, vorsichtig und bedächtig Stück für Stück in Zeitlupe zu spielen – um maximale Spannung und Aufmerksamkeit zu erlangen und das Publikum nicht zu überfordern.

Humor und Zeitlupe

„Ich als Clown bin oft zu schnell“, sagt die Schwerinerin Ines Vowinkel mit Künstlernamen „Fine“. Kontakte zu Patienten ließen sich aber besser herstellen, wenn diese auch Zeit hätten, ihre Gefühle auszudrücken, Ängste und Sorgen loszuwerden oder entspannt zu lachen. „Du musst die Atmosphäre beim Patienten spüren, sensibel wahrnehmen, was das Kind oder die alte Frau gerade fühlt und braucht“, meint Gertrud Timpen-Thurner alias „Gertrüüüd“ aus Lübeck.

Anke Klöpsch, Clown „Pfefferlise“ aus Leipzig, wollte im Trainingscamp vor allem Input, Ideen, Tipps und neue Methoden erfahren, wie sie sagt. Ihre Kollegin Angela Rechlin, die sich Gesundheits-Clown „Jacky Paff“ nennt, findet gefühlvolles Agieren wichtig. „Dazu gehört auch, dass man weinen darf.“ Traurigkeit sei ein Teil vom Annehmen des Schicksals. Dabei sei Humor in Zeitlupe authentisch und wirkungsvoll. Langsamkeit lasse dem Patienten die Chance, sich selbst mit einzubringen.

Nur wenige ehrenamtlich tätig

Der Moderator und Arzt Eckart von Hirschhausen (2.v.r.) in der Theaterwerkstatt der Von Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel in Bielefeld (Nordrhein-Westfalen) mit professionellen Klinikclowns und Klinik- und Hospitzmitarbeitern. Von Hirschhausen propagiert schon seit langem die therapeutische Wirkung von Humor im Gesundheitswese. (Foto: Bernd Thissen/dpa)

Der Moderator und Arzt Eckart von Hirschhausen (2.v.r.) in der Theaterwerkstatt der Von Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel in Bielefeld (Nordrhein-Westfalen) mit professionellen Klinikclowns und Klinik- und Hospitzmitarbeitern. Von Hirschhausen propagiert schon seit langem die therapeutische Wirkung von Humor im Gesundheitswese. (Foto: Bernd Thissen/dpa)

Die Klinikclown-Szene in der Bundesrepublik ist nach Angaben der Stiftung „Humor hilft heilen“ mit rund 60 Vereinen stark im Kommen. Schätzungsweise 500 Künstler arbeiten in Krankenhäusern, Reha-Einrichtungen, Altenheimen und Hospizen. Die meisten von ihnen sind professionell tätig, nur wenige ehrenamtlich. Der Dachverband Clowns in Medizin und Pflege Deutschland überprüft Qualitätskriterien, wirbt um Spenden und fördert Seminare.

Während der Einsatz von Klinikclowns in den Niederlanden und der Schweiz flächendeckend realisiert ist, hinken andere europäische Länder hinterher. In Deutschland werden Clowns-Visiten fast nur über Spenden finanziert. Vergangenes Jahr reichte der Dachverband beim Bundestag eine Petition mit mehr als 800 Unterschriften für eine Initiative zu Gesetzesänderungen ein. Kranken- und Pflegekassen sowie Sozialversicherungsträgern soll es ermöglicht werden, den Einsatz von Clowns im Gesundheitswesen zu vergüten.

Clowns steigern Glückshormon

Eine Pilotstudie von Greifswalder und Berliner Wissenschaftlern ergab Anfang dieses Jahres, dass Clowns-Besuche bei kranken Kindern das als „Kuschel- oder Glückshormon“ bekannte Oxytocin signifikant ansteigen lassen. Der neuronale Botenstoff bewirkt Studien zufolge die Reduktion von Stress, es dämpft Aggressivität, fördert Empathie und Vertrauensseligkeit.

Kursleiter Kurstjens weiß aus langjähriger Erfahrung um die positive Wirkung von heiterer Zuwendung und Spaß am Krankenbett, wie er sagt. „Clowns verleihen Kindern Kraft.“ Diese Möglichkeit könnten auch Ärzte, Schwestern und Eltern noch mehr nutzen, auch wenn es manchmal schwer fällt. „Da sind viele Dinge am Clowning, die für jeden gut wären, so wie Aufmerksamkeit, Zeit nehmen, empathisch sein“, sagt der Experte. „Humor, das ist doch ein Gottesgeschenk!“

(dpa)

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