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Krankenkassen-Skandal: Terror-Anrufe und Ablehnungen in bis zu 40 Prozent der Fälle

Versicherer ignorieren in hunderttausenden Fällen ärztliche Atteste und Verordnungen – selbst der Gesundheitsminister ist empört.

Arbeitsunfähig geschrieben? Hat die Krankenkasse Sie schon angerufen? (Foto: Rainer Sturm/pixelio.de)

Arbeitsunfähig geschrieben? Hat die Krankenkasse Sie schon angerufen? (Foto: Rainer Sturm/pixelio.de)

Krankenkassen lehnen jährlich in hunderttausenden Fällen Zahlungen an ihre Versicherten für Krankengeld, Reha oder Hilfsmittel ab. Das geht aus Daten des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) hervor (ROLLINGPLANET berichtete).

Während Patientenberater von einer wachsenden Zahl hilfesuchender Versicherter ausgehen, wies der MDK am Montag die Kritik zurück und wies auf rückläufige Zahlen bei den Negativ-Bescheiden über die vergangenen Jahre hin. Offensichtlich überzeugte dies jedoch nicht einmal Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP). Er sagte: „Es darf nicht zu einer massenweisen Ablehnung kommen. Das ist nicht in Ordnung.“ ROLLINGPLANET fasst nachfolgend den aktuellen Stand der Kontroverse zusammen.

Die Tricks der Krankenkassen

„Häufiger berichten Betroffene, dass Gutachten donnerstags in der Post sind – mit der Aufforderung, am Montag wieder arbeiten zu gehen“, berichtet Judith Storf von der Unabhängigen Patientenberatung. Für Widerspruch bleibe da wenig Zeit.
Auch das Verhalten des MDK stößt oft auf Unverständnis: „Patienten berichten, der Gutachter habe ihn nur zwei, drei Minuten in Augenschein genommen und fragen sich: ,Wie will der Arzt mich so schnell beurteilen?’“

Hörgeräte und Reha besonders oft abgelehnt

Im vergangenen Jahr gab es in knapp 1,5 Millionen Fällen von den einzelnen Kassen initiierte MDK-Gutachten zu ärztlich festgestellter Arbeitsunfähigkeit, wie der Medizinische Dienst des Kassen-Spitzenverbands mitteilte.

In gut 16 Prozent der Fälle urteilte der MDK, dass die Arbeitnehmer innerhalb der nächsten zwei Wochen wieder arbeiten könnten. In den beiden Vorjahren waren es noch rund 1,6 Millionen Gutachten – mit negativen Ergebnissen bei 16,9 Prozent.

Bei fast 700.000 Prüfungen zu Reha-Leistungen kamen die MDK-Ärzte 2012 in 39 Prozent der Fälle zu dem Ergebnis: medizinische Voraussetzungen nicht erfüllt. Für Hilfsmittel wie zum Beispiel Hörgeräte wurden fast 500.000 Gutachten geschrieben – negative Urteile gab es bei 37 Prozent.

Patienten sollten Bescheide nicht hinnehmen

Ulrike Mascher-VdKDie Präsidentin des Sozialverbands VdK, Ulrike Mascher (Foto: VdK), sagte der Nachrichtenagentur dpa, Patienten sollten sich auf keinen Fall damit zufriedengeben, wenn der MDK ein Hörgerät über den Festbetrag ablehnt oder eine Reha-Leistung. Entscheidungen zur Arbeitsunfähigkeit würden oft nach Aktenlage getroffen. „Bei Menschen mit psychischen Erkrankungen ist das fatal.“ Man könne Widerspruch einlegen.

Auffällig für die Berater: die vielen Streitigkeiten bei psychischen Erkrankungen wie Depression oder Burnout. „Die Krankheitsbilder werden häufiger infrage gestellt als zum Beispiel Darmkrebs“, kritisiert Judith Storf von der Unabhängigen Patientenberatung. Das bedrücke Betroffene zusätzlich.

Ältere Menschen werden abgeschoben

Beim VdK werden auch viele vorstellig, die Hilfsmittel wie Hörgeräte nicht im beantragten Rahmen bekommen – oder auch eine Reha.

Missstände sieht Mascher hier vor allem bei älteren Patienten: Statt Selbstständigkeit wieder zu lernen, kämen sie oft von der Klinik direkt ins Pflegeheim. „Die Krankenkasse muss eine Reha zahlen, den Nutzen hat aber die Pflegekasse“, so Mascher. „Das befördert nicht die Leidenschaft der Kasse, eine Reha zu zahlen.“

Die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD) hatte bereits mit ihrem Jahresbericht im Sommer auf die Vielzahl solcher Fälle hingewiesen. Laut UPD, Verbraucherzentrale und VdK haben viele Berater den Eindruck, dass es im Gegensatz zu früheren Jahren vermehrt Patientenbeschwerden aus diesen Gründen gibt.

Die Kassen können den MDK mit Gutachten beauftragen. Zahlen darüber, bei wie vielen Menschen die Versicherung dann etwa eine Krankschreibung aufhebt, gibt es laut GKV-Spitzenverband nicht.

Telefonterror: „Gehen Sie arbeiten!“

Die UPD-Beraterin Judith Storf sagte der dpa über solche Fälle bei psychischen Erkrankungen: „Der Leidensdruck dieser Betroffenen ist relativ hoch.“ Oft komme es vor, dass Krankenkassen Betroffene zuhause anriefen, um sie wieder zum Arbeiten zu bewegen.

Dörte Elß, Beraterin der Verbraucherzentrale Berlin, betonte: „Was nicht geht, ist das ständige Anrufen.“ Versicherte könnten schriftliche Mitteilungen verlangen. Elß sagte, es könne aber auch etwas Gutes haben, wenn sich eine Kasse um zügige Genesung kümmere.

Wenn die Krankenkasse anruft

Patienten sind krank zuhause – plötzlich klingelt das Telefon. Wer ist dran? Die Krankenkasse. Man solle doch wieder arbeiten gehen, heißt es. Laut Patientenberatern alles andere als ein Einzelfall.

Ein typischer Fall? Seinen schweren Bandscheibenvorfall hatte der Mann nach acht Wochen noch nicht los. Doch seine Krankenkasse war misstrauisch. Sie forderte den Ingenieur auf, den Medizinischen Dienst der Kassen (MDK) aufzusuchen. Aufgrund des MDK-Gutachtens hob die Kasse die Krankschreibung auf – obwohl der Mann in seinem Job in leere Industrietanks klettern muss und seinen Rücken nicht schonen kann.
Immer mehr – oft verzweifelte Versicherte – suchen laut Patientenberatern Hilfe, weil sie von ihrer Kasse wieder zur Arbeit gezwungen werden oder Leistungen nicht bekommen.
Der Fall des Rückenpatienten landete bei Judith Storf, einer Beraterin der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD). „Bei uns rief dann der Arbeitgeber an“, erzählt die in Bielefeld ansässige Storf. „Er sagte: Wir können das nicht zulassen, die Arbeit ist körperlich zu anstrengend.“

Beim Krankengeld wird es laut Mascher besonders heikel, wenn es Druck gibt. Beraterin Storf: „Die Sachbearbeiter der Kassen fragen etwa: Wie lange dauert es denn, bis Sie wieder arbeiten können?“ Es komme auch vor, dass Versicherte zu hören bekommen: „Stellen Sie sich nicht so an.“

Krankenkassen sagen: Alles halb so wild

Der Geschäftsführer des Medizinischen Diensts, Peter Pick, findet alles halb so wild. Er wies darauf hin, dass die begutachteten Fälle seit 2010 bei Arbeitsunfähigkeit, Reha und Hilfsmitteln leicht gesunken seien. Die Gutachten würden sorgfältig erstellt, sagte er – und verteidigt in bemerkenswerter Art Arschtritte:

Menschen, die psychische Leiden hätten, wieder in die Arbeitswelt zu integrieren, habe oft auch einen guten Effekt. Bei Leistungen wie Hilfsmitteln sei es oft so, dass es statt des ursprünglich vorgesehenen Produkts ein anderes oder etwa eine Physiotherapie gebe. „Diese Fakten bieten für überzogene Interpretationen keinen Anlass“, ergänzte Pick in einer Mitteilung.

„Es ist ein Skandal“

Gesundheitsminister Daniel Bahr (Pressefoto)

Gesundheitsminister Daniel Bahr (Pressefoto)

Die Gesundheitsexpertin der Linken, Martina Bunge, erklärte: „Es ist ein Skandal, wenn die Krankenkassen notwendige Leistungen verweigern.“ Die Regierung zwinge die Kassen über unsinnige Zusatzbeiträge zu einem Überlebenskampf.

MartinaBungeBunge (Foto: Die Linke) beklagte eine verfehlte Gesundheitspolitik: „Wer Zusatzbeiträge erhebt, verliert insbesondere die jungen und gesunden Versicherten. Hinzu kommt ein nicht ausreichend genauer Ausgleich zwischen den Krankenkassen, damit diese tatsächlich entsprechend ihrer Krankheitslast Gelder aus dem Gesundheitsfonds erhalten. So horten einige Krankenkassen Milliardenüberschüsse und andere kommen gerade so über die Runden. Da die Krankenkassen kaum etwas an ihren Einnahmen ändern können, versuchen sie die Ausgaben zu verringern. Womöglich wird genau den Kranken am ehesten eine Leistung verweigert, für die die Kasse zu wenig Geld aus dem Fonds erhält.“

Bahr will von dieser Systemkritik nichts wissen und forderte die Kassen zu einer Reaktion auf: „Wenn so etwas massenhaft vorkommt, ist es gut, dass Patientenvertreter das öffentlich machen.“

Der Bundespatientenbeauftragte Wolfgang Zöller (CSU) kritisiert in der morgen erscheinenden Ausgabe der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“, die Kassen informierten die Patienten nicht genug über die zuletzt ausgebauten Patientenrechte.

Die Unabhängige Patientenberatung hilft

Das bundesweite Beratungstelefon der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD) ist aus dem deutschen Festnetz kostenlos zu erreichen unter:
> 0800 0 11 77 22 (Deutsch)
> 0800 0 11 77 23 (Türkisch)
> 0800 0 11 77 24 (Russisch)
Der Andrang ist aber nach UPD-Angaben so groß, dass viele Anrufer nicht beim ersten Mal
drankommen.

(RP/Basil Wegener/dpa)

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5 Kommentare

  • Uwe Bönisch

    Politisch gewollt. Es wird verzögert, die Patienten werden mit Fragebögen bombadiert, der MdK wird bemüht, der arzt bekommt einen Fragebogen…aber alles zum Wohle des Patienten, oder ? P.S.: Ablehnungsquote bei Hilfsmitteln 38 % !!!

    19. August 2013 at 22:50
  • Brigitte Bührlen

    Die Kassen sind mittlerweile der „Staat im Staat“, die Politik hat die Kontrolle verloren.

    22. August 2013 at 18:51
  • Helge Joachim Blankenstein

    Aufgrund unserer Erfahrungen, in Bezug auch die Durchsetzung von Hilfsmittelversorgungen, hat sich herausgebildet, dass beim weitaus überwiegenden Anteil, der MDK aufgrund falscher oder unvollständiger Angaben der Kassen, Rentenbund oder andere Träger, entschieden hatten. Also nicht falsch. Nur die Grundlage war unzutreffend. Dieses kann man durchaus als grob Fahrlässig werten.

    Helge Blankenstein
    Institut Impuls

    23. August 2013 at 08:34
  • Gaby

    Mir wurde nach „angeblicher Information durch den Hausarzt“ (welche nie stattgefunden hat), das Krankengeld gestrichen – ich sei wieder arbeitsfähig.

    Ich habe Widerspruch eingereicht, da mich mein Arzt weiter AU geschrieben hatte.
    Nun stehe ich vom 9.9. – bis zum Ende der AU (23.9.) ohne Krankenversicherung da!

    Alg I bekomme ich auch nicht – keine Zuständigkeit!

    Wer zahlt jetzt meine Arztbesuche und meine Medikamente? Ich kann das nicht von den 700 Euro, was ich an Krankengeld bekommen hatte.

    Woher soll ein normaler Bürger wissen, dass nach $86a SGG ein Widerspruch gegenüber Versicherungen keine aufschiebende Wirkung entfaltet?

    16. September 2013 at 18:42
  • Hans-Georg

    Das ganze System der gesetzlichen Krankenkassen gehört auf den Prüfstand. Weg von der Vielzahl der heute noch vorhandenen gesetzlichen Krankenkassen samt ihrem Wasserkopf aus Verwaltungs-und Repressionsapparat. Jede dieser Kassen kämpft um neue Mitglieder. Nur um die bloße Existenz der Kasse zu rechtfertigen. Dies wird mit „günstigen“ Tarifen und „Bonusprogrammen“ versucht. Die Finanzierungslücken sollen dann durch Zusatzbeiträge und Einsparungen bei zu gewährenden Leistungen geschlossen werden. Druck auf eigentlich erkrankte Mitglieder um sie aus dem Leistungsbezug zu bekommen ist dann das erste Mittel der Wahl. Dabei leisten dann die Lohngutachter von MDK und SMD,die nicht „unabhängig“ sind sondern im Sold der Krankenkassen stehen,willfährig ihre Dienste. Dieser Zustand gehört auch beendet.
    Lohngutachter der Krankenkassen liefern in deren Auftrag Gefälligkeitsgutachten. Eine neutrale Bewertung von Krankheitsbildern und eine Schlußfolgerung zum Beispiel in Form von Behandlungsvorschlägen geht von den „Gutachtern“ und „Vertrauensärzten“ nicht aus.

    9. Juli 2017 at 23:53

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