""

Krankheit mit Tarnkappe: Immer mehr Erwachsene bekommen Keuchhusten

Stakkatoartige Hustenanfälle und keuchendes Einatmen mitten in der Nacht – nicht nur Kinder stecken sich mit Pertussis-Bakterien an. Von Markus Münch-Pauli

Quälende Hustenattacken kennzeichnen den Höhepunkt der Krankheit (Foto: dpa)

Quälende Hustenattacken kennzeichnen den Höhepunkt der Krankheit (Foto: dpa)

Er fängt ganz harmlos an. Und dann wird und wird man ihn nicht mehr los: Keuchhusten. „Man nennt ihn auch 100-Tage-Husten, er kann aber bis zu einem halben Jahr anhalten“, sagt Andreas Hellmann vom Bundesverband der Pneumologen (BdP).

Der Lungenfacharzt aus Augsburg ist besorgt, denn Pertussis – so der medizinische Name für Keuchhusten – erlebt gerade ein Comeback. Und das nicht nur als Kinderkrankheit, sondern auch bei Erwachsenen.

Ausgelöst wird die Krankheit von einem Bakterium, die Ansteckung erfolgt wie bei einer gewöhnlichen Erkältung. Selten gibt es Fieber, auch der Husten ist anfänglich nicht schlimm und unterscheidet sich nicht von einer grippalen Infektion.

„Bis das Keuchen losgeht, vergehen rund 14 Tage“, erläutert Hellmann. Dann werden die Nächte unruhig: Heftige Hustenanfälle unterbrechen den Schlaf.

Antibiotika helfen nur, wenn sie früh genommen werden

Gerade bei Kindern können diese Attacken auch zum Erbrechen führen. „Keuchhusten ist für Kinder sehr belastend und wenn er lange anhält, auch ein psychisches Problem“, ergänzt die Medizinerin Andrea Grüber, die sich beim Deutschen Grünen Kreuz (DGK) in Marburg mit Pertussis beschäftigt.

Nicht nur der Schlafmangel zerrt dann an den Nerven von Kindern und Eltern, sondern auch die Tatsache, dass nichts dagegen hilft. Denn eine Antibiotikatherapie schlägt nur an, wenn sie sehr früh begonnen wird.

Betroffene haben aber fast nur eine Chance, die Krankheit früh zu erkennen und den Arzt darauf hinzuweisen, wenn in ihrem Umfeld Keuchhusten auftrat. „Dann kann ein Abstrich vorgenommen werden, im späteren Verlauf liefert auch die Analyse einer Blutprobe aussagekräftige Ergebnisse“, sagt Hellmann.

Er empfiehlt, Antibiotika auch im späteren Verlauf des Keuchhustens einzunehmen. Denn sie verringern die Gefahr der Sekundärerkrankung. „Zehn bis zwanzig Prozent der Keuchhustenpatienten bekommen eine Lungenentzündung mit zum Teil kritischem Verlauf“, warnt er.

Bei Säuglingen kann es zum Atemstillstand kommen

Der Keuchhusten selbst ist vor allem für Säuglinge unter sechs Monaten eine echte Gefahr: Bei ihnen verläuft die Krankheit oftmals ohne den typischen Husten.

Es kann aber zum Atemstillstand kommen, der zum Tod führt. Wegen der Gefahr für Neugeborene, den Risiken von Komplikationen und der schweren Erkennbarkeit der Krankheit nehmen die Behörden Keuchhusten sehr ernst. Seit Frühjahr 2013 ist Pertussis deshalb eine meldepflichtige Erkrankung.

„Das Bordetella-pertussis-Bakterium sondert Toxine ab, die die eigentliche Krankheit erst auslösen“, erklärt Grüber. Die Gifte zerstören die Schleimhäute der Atemwege. Dadurch werden die stakkatoartigen Hustenanfälle ausgelöst, an deren Ende das charakteristische keuchende Einatmen steht. Erst langsam bildet sich die wichtige Schleimhaut wieder. Es ist also die Heilung, die so lange dauert.

Wirksamer Schutz nur mit einer Impfung

Einen wirksamen Schutz gegen Keuchhusten bietet nur eine Impfung. Und genau da liegt das Problem des Comebacks der Krankheit: Bis 1974 wurde in ganz Deutschland geimpft, die Fälle gingen deutlich zurück. Doch der Impfstoff war weniger gut verträglich als andere.

„Es wurde mit Ganzkeime-Impfstoffen geimpft“, erläutert die Epidemiologin Wiebke Hellenbrand vom Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin. Das heißt, das Immunsystem musste sich mit einem abgetöteten Pertussis-Bakterium auseinandersetzen und hatte danach genug Antikörper, um einer echten Infektion zu begegnen.

Aber: „Es kam oft zu Impffieber, und es gab den Verdacht, dass neurologische Schäden auftreten können, obwohl das nie bewiesen werden konnte“, erinnert sich Hellenbrand. Die Impfung wurde dann in Westdeutschland nicht mehr empfohlen, viele verbinden auch heute noch die alten Probleme mit einer Keuchhustenimpfung.

Auch eine andere Fehlannahme hält sich hartnäckig – die der lebenslangen Immunität. Dabei ist in der Medizin klar: Weder eine Erkrankung noch Impfungen schützen lebenslang vor Keuchhusten. Die steigenden Fallzahlen, besonders in den Jahren 2011 und 2012, zeigen das deutlich.

Viele Teenager fallen durchs Raster

Nun empfiehlt die Ständige Impfkommission am RKI, nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene gegen Keuchhusten zu impfen. „Das geschieht zusammen mit der nächsten Tetanusimpfung“, erklärt Hellenbrand. „Dabei wird ein neuer Totimpfstoff verwendet, der nur auf einem Teil des Erregers basiert.“ Die Impfung ist wesentlich besser verträglich und schützt mehrere Jahre. Wie lang genau und wann wieder geimpft werden muss, wird derzeit untersucht.

Besonders Erwachsene, die häufig mit Kleinkindern in Kontakt sind, sollten sich impfen lassen. „Gibt es einen Kinderwunsch, so sollte die Impfung im Idealfall vor der Schwangerschaft erfolgen“, rät Hellenbrand. Auch Oma, Opa und das nähere Umfeld gehen mit der kostenlosen Impfung auf Nummer sicher.

Da die Impfempfehlung für Erwachsene erst wieder seit 2009 gilt, ist die sogenannte Impflücke noch groß, es können sich also noch viele Menschen anstecken. Besonders Teenager, für die eine Auffrischungsimpfung empfohlen wird, fallen oft durchs Raster: Sie werden von den Kinderimpfungen nicht mehr erfasst, gehen aber häufig nicht von selbst zum Arzt.

Auch kursiert Kritik am aktuell eingesetzten, besser verträglichen Impfstoff: Warum sollte man sich impfen lassen, wenn man trotzdem erkranken kann? „Weil das Risiko deutlich abnimmt und die Verbreitung von Keuchhusten eingedämmt wird“, entgegnet Pneumologe Hellmann.

(dpa/tmn)


Gesundheit & Medizin
Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

KOMMENTAR SCHREIBEN