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Kreativ, aber skrupellos: Neuromarketing – die unterschätzte Gesundheitsgefahr

In vielen Läden riecht es gut, wenn Verkaufsstrategen am Werk sind. Doch für viele Menschen ist das die Hölle. Und wer noch nicht Allergiker ist, der kann es möglicherweise bald werden.

Neuromarketing: Kunden im Visier (Foto: Asam)

Neuromarketing: Kunden im Visier (Foto: Asam)

Düfte sind unsichtbar und begegnen einem im Alltag überall. Ob es gut oder schlecht riecht, entscheidet darüber, ob wir entspannen und bleiben oder lieber schnell flüchten. Das machen sich zunehmend auch Geschäftsleute zunutze und beduften in Läden gezielt ihre Artikel und Verkaufsräume.

Eine Praxis, die umstritten ist. „Duftstoffe stehen im Allergieranking nach den Metallen auf Platz zwei“, sagt Prof. Thomas Fuchs von der Uniklinik Göttingen. Sie spielen für uns eine große Rolle“, erläutert das Vorstandsmitglied im Ärzteverband Deutscher Allergologen (ÄDA).

Verkaufsstrategen und Neuromarketing

Duftstoffe – ob künstlichen oder natürlichen Ursprungs – werden in vielen Bereichen eingesetzt. Öffentliche Toiletten duften nach Zitrus, in der Massagepraxis glimmt ein Räucherstäbchen. Auch im zwischenmenschlichen Kontakt kommt es darauf an, ob man „sich gut riechen kann“.

Wenn Verkaufsstrategen den Geruchssinn ins Visier nehmen, heißt das Neuromarketing. „Grundsätzlich sollen Düfte einen für die Marke charakteristischen Geruchseindruck vermitteln und die positiven Eigenschaften eines Produktes verstärken“, heißt es bei Vertretern der Herstellerfirmen.

Künstliche Gerüche fördern den Umsatz

„Dabei macht man sich zunutze, dass Gerüche besonders gut erinnert werden“, beschreibt der Mediziner Wolfgang Straff vom Umweltbundesamt (UBA) das Vorgehen. Der Duft soll unverwechselbar sein, die eine Filiale einer Modekette genau so riechen wie die andere.

„Es werden in der Regel Düfte eingesetzt, die einen angenehm frischen Eindruck schaffen“, sagt Straff. Man bleibt länger im Geschäft und atmet die veränderte Luft ein.

„Dabei kommt es zu einem aerogenen Hautkontakt“, erklärt Fuchs. Die Duftmoleküle berühren nicht nur die Haut, sondern beim Einatmen auch die Schleimhäute der Atemwege. Und das macht dem Allergologen Sorgen: „Je früher und öfter man mit potenziell allergieauslösenden Stoffen in Kontakt kommt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, eine Allergie zu bekommen“, sagt er.

Echte Probleme für Allergiker und Asthmatiker

Auch der Deutsche Allergie- und Asthmabund (DAAB) kritisiert die Beduftung von Innenräumen. „Wir bekommen verstärkt Rückmeldung von Betroffenen, dass Duftstoffeinsatz negativ auffällt“, erläutert die Chemikerin Sylvia Pleschka vom DAAB.

Das reicht von Beschwerden über Unwohlsein bei den oft sensibel reagierenden Allergikern bis hin zu Berichten über echte Atemprobleme bei Asthmatikern. Pleschka kritisiert am Duftstoffeinsatz vor allem, dass nur sehr wenig darüber bekannt ist: „Es gibt keine Langzeitstudien.“

Umweltbundesamt kritisiert Geschäfte

Eine Kundin begutachtet die Ware eines Kaufhauses  – und wird möglicherweise von Gerüchen beeinflusst. (Foto: Jörg Carstensen dpa/lnw)

Eine Kundin begutachtet die Ware eines Kaufhauses – und wird möglicherweise von Gerüchen beeinflusst. (Foto: Jörg Carstensen dpa/lnw)

Beim Umweltbundesamt sieht man vor allem kritisch, dass die belastete Luft – so die Erfahrung – verstärkt auf den Konsumenten einwirkt.

„Weil es gut riecht, bleibt man unbewusst länger. Und das in einem Geschäft, in dem die Luft durch neue, meist chemisch behandelte Kleidung und unzureichende künstliche Belüftung eh schon schlecht ist“, beschreibt Straff die Situation. Das Ziel müsse sein, viel zu lüften.

Wer an Asthma leidet oder aufgrund von Allergien erfahrungsgemäß empfindlich auf belastete Luft reagiert, dem bleibt nicht viel übrig, als in die saubere Außenluft zu flüchten.

Mundschutz hilft Betroffenen nicht

Unwohlsein, Husten, Kopfschmerzen und Kreislaufprobleme sind laut Pleschka Anzeichen für einen drohenden Asthmaanfall. Auch bei Allergien muss als erstes saubere Luft her. „Ein handelsüblicher Mundschutz hilft Allergikern nicht“, sagt Fuchs.

Sensible Menschen müssen Geschäfte mit besonders dicker Luft zur Not meiden und zum Beispiel auf deren Onlineshops ausweichen. Denn rechtlich ist dem Duftstoffeinsatz in Geschäften kaum eine Grenze gesetzt. Während es für Lebensmittel, Kosmetika und auch für die Beduftung von Spielzeug Richtlinien gibt, kann in Innenräumen unkontrolliert versprüht werden, was nicht giftig ist.

Verzicht auf Duftstoffe gefordert

„Wir fordern einen Verzicht auf den Einsatz von Duftstoffen“, sagt Pleschka. Solange das nicht durchsetzbar ist, sollte es nach Ansicht des DAAB für Innenräume zumindest eine Hinweispflicht geben.

Bei einer Umfrage aus dem Jahr 2009 zeigte sich, dass das kaum ein Geschäft tut: Von 132 waren es ganze zwei, die per Aushang auf den künstlichen Geruch hinwiesen.

Auch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz (BAuA) in Dortmund befürwortet laut ihrem Sprecher Jörg Feldmann den Dufteinsatz nicht. Die Sorge gilt den Angestellten, die den Duftstoffen permanent ausgesetzt sind.

Ein Experiment mit Menschen

„Das ist ein Riesenexperiment“, sagt auch Allergologe Fuchs. Er kennt Allergieprobleme durch Duftstoffe zum Beispiel bei Friseurinnen oder Kosmetikern, bei denen im Extremfall der Beruf aufgegeben werden muss.

Die Bundesanstalt für Risikobewertung (BfR)sieht insbesondere die Beduftung von Spielzeug kritisch. „Wenn es intensiv und komisch riecht, sollte man vorsichtig sein oder am besten ganz die Finger davon lassen“, sagt Bärbel Vieth, beim BfR zuständig für die Sicherheit von verbrauchernahen Produkten.

Immerhin ist hier der Duftstoffeinsatz per Richtlinie geregelt, Hinweise auf den Verpackungen sind Pflicht.

Kinder sind besonders gefährdet

Bei Initiativen, die Innenräume von Schulen mit Duftstoffen zu behandeln, sind ebenfalls Kinder die Betroffenen. Das sieht Silvia Pleschka vom DAAB mit großer Sorge: „Statistisch gesehen sitzt in jeder Klasse mindestens ein Kind mit Asthma“, warnt sie.

Und Fuchs warnt: „Je früher man Kontakt zu solchen Stoffen bekommt, desto eher ist der Weg zum Allergiker gebahnt.“ Kinder brauchen also – mehr noch als Erwachsene – vor allem eins: natürlich frische und saubere Luft.

(dpa)

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