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Krüppel und Freaks willkommen: Behindert und verrückt feiern in Berlin

Am 13. Juli 2013 findet in Berlin die erste Disability und Mad-Pride-Parade in Deutschland statt. Worum geht es?

Rapperin Alice Dee wird bei der Abschlussveranstaltung  ein Konzert geben (Foto: Vice)

Rapperin Alice Dee wird bei der Abschlussveranstaltung ein Konzert geben (Foto: Vice)

1. Wann geht es los?

Am Samstag, 13. Juli 2013, ab 15 Uhr werden in Berlin unter dem Motto „Behindert und verrückt feiern“ mehrere hundert behinderte und „verrückte“ Menschen, sowie solche, die für „normal“ gehalten werden, vom Hermannplatz in Neukölln zum Kottbusser Tor in Kreuzberg ziehen.

Bei der Abschlusskundgebung spricht Prof. Dr. Theresia Degener, langjährige Aktivistin und stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für die Rechte von Menschen mit Behinderung der Vereinten Nationen. Darüber hinaus gibt es auf der Abschlussveranstaltung unter anderem ein Konzert mit der Rapperin Alice Dee sowie poetischen Performances.

2. Worum geht es?

Menschen mit Behinderung wollen sich selbst feiern und gegen Diskriminierungen, stereotype Zuschreibungen und Barrieren protestieren, erklären die Veranstalter:

„Auch in Deutschland gab und gibt es viele Menschen, die einen ,stolzen‘ Bezug auf sich und ihre oft negativ zugeschriebenen Eigenschaften haben. Danach sorgt nicht die Beeinträchtigung bzw. das Verrückt-sein an sich für Probleme. Vielmehr behindern zu enge Normvorstellungen, verkrustete Menschenbilder und alle Arten von technischen Barrieren das (Zusammen)Leben.“

Der Protest richtet sich gegen ein System, das Leistung zum einzigen Maßstab bei der Be- und Verurteilung von Menschen verwende, und gegen eine Gesellschaft, die sich Beeinträchtigung meist nur als Leid vorstellen kann, das durch Anpassung der beeinträchtigten und verrückten Menschen vermieden oder beseitigt werden müsse.

3. Wer sind die Organisatoren?

Die Parade wird von einem „Bündnis behinderter, verrückter und für normal gehaltener Menschen organisiert, die sich jenseits der etablierten Strukturen behindertenpolitisch und psychiatriekritisch engagieren“. Das Bündnis wurde vom „Arbeitskreis mit_ohne Behinderung“ (ak moB) initiiert.

Dieser Arbeitskreis besteht seit 2007 und beschäftigt sich gesellschaftskritisch mit den Themen Behinderung und Nichtbehinderung. Die meisten Mitglieder des Bündnisses seien selbst von Diskriminierungen betroffen.

Den Großteil der Finanzierung übernimmt die Bewegungsstiftung, die ihren Sitz in Verden (Niedersachsen) hat. Sie wurde von neun StifterInnen gegründet und wird inzwischen von über 130 Stifterinnen und Stiftern aus ganz Deutschland getragen.

4. Warum geht es auf die Straße?


Parade
Aus dem Aufruf zur Disability und Mad-Pride-Parade:
Wir wollen eine Gesellschaft, die bereit ist, Barrieren abzubauen, statt Menschen als „krank“, „gestört“ und „nicht normal“ auszusortieren! Wir verwahren uns dagegen, Experimentierfeld für problemorientierte Menschenverbesserungen zu sein. So, wie wir sind, sind wir richtig!
Also: Küsst den Wahnsinn wach, liebt Krummbeine und Spasmus, begehrt Krücken und Katheter! Malt Eurer Scham Pink und Glitzer auf die Wange und lasst sie laufen! Rollt, humpelt, tastet Euch vor – zum Hermannplatz.
Wir sind viele. Wir verstören und verführen. Unser Leben gehört uns! Unsere Körper gehören uns! Und zur Parade gehört uns auch die Straße!

5. Wer sind die internationalen Vorbilder?

Die Berliner „behindert und verrückt“-Parade ist die erste ihrer Art in Deutschland. Die Idee mit Pride Parades („Pride“: englisch für Stolz) Behinderung und Verrückt-sein zu feiern, ist aber nicht neu. In Chicago findet zum Beispiel bereits die zehnte Disability Pride Parade statt, und in Toronto wird seit 20 Jahren der „Mad Pride“ („Mad“: englisch für verrückt) gefeiert.

6. Warum sind auch Krüppel und Freaks angesprochen?

Im Aufruf zur Veranstaltung heißt es: „Freaks und Krüppel, Verrückte und Lahme, Eigensinnige und Blinde, Kranke und Normalgestörte – kommt mit uns raus auf die Straße und feiert die Disability & Mad Pride Parade 2013! Tanzt Barrieren weg! Hüpft aus den Schubladen! Scheißt auf Diagnosen!“

Wir wollen, erklärt das Vorbereitungsbündnis, „mit den Wörtern ,Krüppel‘ und ,Freak‘ explizit diejenigen Menschen mit Behinderungen angesprochen, die sich widerständig fühlen und sich nicht auf Mitleidstereotypen reduzieren lassen wollen. Die beiden Wörter sollen dieses Widerständige ausdrücken. Insofern ist es als emanzipatorische Selbstbezeichnung gemeint und als Einladung an alle, die sich nicht in aktuell dominierenden Bildern von Behinderung und psychischer Krankheit nicht wiederfinden.“

7. Wie barrierefrei ist die Parade?

An Barrierefreiheit ist bei der Parade gedacht. Sowohl am Start als auch am Ziel stehen barrierefreie Toiletten zur Verfügung. Menschen, die keine weiten Strecken laufen können, sind eingeladen, motorisiert durch die Parade gefahren zu werden. Alle Beiträge werden in die Gebärdensprache übersetzt. Darüber hinaus wird für die performativen Beiträge eine Audiodeskription angeboten.

Weitere Informationen: www.pride-parade.de

(PM)

Bilder von der Pride Parade
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1 Kommentar

  • Ivy Red Jacket

    schade da hab ich schon was vor

    21. Juni 2013 at 19:47

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