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Kulturreisen nach Sansibar von Gehörlosen für Gehörlose

Auf der ostafrikanischen Insel kann man nicht nur Urlaub erleben – sondern auch ein besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl.

Frau auf Sansibar (Foto: Hilfe für Sansibar)

Frau auf Sansibar (Foto: Hilfe für Sansibar)

Seit kurzem spielt auf der zu Tansania (Ostafrika) gehörenden Insel Sansibar – ungefähr achteinhalb Flugstunden von Frankfurt entfernt – eine Gruppe von gehörlosen Menschen eine aktive Rolle im Tourismus. Gemeinsam mit dem niederländischen Reiseveranstalter Wesemann-Travel ermöglichen sie es gehörlosen und hörenden Reisenden, das tropische Inselreich im Indischen Ozean aus einer ganz speziellen Perspektive zu entdecken.

„Die Kulturreisen zu Gehörlosen-Gemeinschaften in aller Welt eignen sich nicht nur für Reisende mit Beeinträchtigung, sondern stehen auch Hörenden offen, die authentische Erlebnisse suchen und sich mit ihren Gastgebern auf einer Augenhöhe sehen“, berichtet Susanna Hagen, Mitbegründerin der Agentur für Nachhaltigen Tourismus – Respontour. Gleichzeitig ermöglichten sie den oft armutsgefährdeten und unterprivilegierten Gehörlosen-Gemeinschaften, ihren Lebensunterhalt auf würdige Art zu verdienen oder zumindest den Lebensstandard ihrer Familien zu erhöhen.

Integration in die Gemeinschaft und Kultur

Marktplatz (Foto: Dieter Schütz/pixelio.de)

Marktplatz (Foto: Dieter Schütz/pixelio.de)

„Die offene Art, mit der uns Asha, ihre Freundinnen Zainab und Amina, der stets lächelnde Gehörlosen-Guide Zubeir sowie der Gebärden-Dolmetsch Abdalla empfing, nahm uns jede Scheu“, erzählt Hagen von ihrem Aufenthalt auf Sansibar. Asha ist stolze Mutter von sechs hörenden Kindern und die Schlüsselfigur des Kiziwi (Gehörlosen)-Projekts, das von einem Dutzend Menschen betrieben wird. Seit sie sich von ihrem hörenden Ehemann scheiden ließ, weil er sich weigerte, Gebärdensprache zu lernen, gilt die etwa 40-jährige auf Sansibar auch als unumstrittene Pionierin in Sachen Frauenrechte.

„Das Faszinierende an dem Aufenthalt war die Einführung in die bislang völlig fremde Kultur der Gehörlosen“, berichtet Hagen. „Ob beim Einkauf am quirligen Fischmarkt, beim Feilschen um die schönsten Kangas (traditionellen Stoffe) oder beim Üben der Gebärdensprache, für das man eigens ein bebildertes Büchlein bekommt, ist man stets ein Teil der Gruppe.“ Beeindruckt hat die Reiseexpertin Hagen auch das gemeinsame Kochen in der Familie. „Dort wo es zu Verständigungsproblemen kam, setzten unsere Gastgeber auf Augenkontakt und vor allem auf viel Lachen.“

Gebärdensprache und Lebensgefühl

Auf Sansibar leben 1,16 Mio. Menschen. Die Bewohner sind unterschiedlicher ethnischer Herkunft. Gesprochen wird Swahili, das in weiten Gebieten Ostafrikas verbreitet ist; außerdem ist Englisch Amtssprache. Weiterhin wird in vielen Gegenden Arabisch gesprochen – und einige wie Asha eben die Gebärdensprache.

„Weltweit existieren mehr als 200 unterschiedliche Gebärdensprachen,“ erklärt Hagen. „Während einige Gebärden durchaus international verständlich sind, orientieren sich die meisten am Klang der jeweiligen Landessprache. Neben einer eigenen Etikette, speziellen Kunstformen, Denkrichtungen und Werten ist die Zeichensprache aber nur eine von vielen Elementen, durch die sich die Gehörlosenkultur auszeichnet. Wer Teil einer Gehörlosen-Gemeinschaft ist, sieht das nur ganz selten als physisches Defizit, sondern eher als ein ganz spezielles Lebensgefühl.“

Reisen und soziales Netzwerk

„Während es normalerweise sehr schwer ist, auf Reisen rasch zu einem sozialen Netzwerk Zutritt zu bekommen und ein Teil von ihm zu werden, passiert das bei Gehörlosen fast automatisch“, weiß Jos Wesemann, einer der Geschäftsführer des Unternehmens. „Aber auch für kulturinteressierte Menschen mit Gehör, und selbst für jene, die nichts mit Gehörlosen zu tun haben, kann das ein sehr interessantes Reiseerlebnis sein“, ergänzt Hagen.

Der Enthusiasmus dieser Menschen, ihr Organisationstalent und die Authentizität dieser Treffen beeindruckten Wesemann so sehr, dass dieser sich vornahm, Touren mit diesen Menschen zu organisieren. Einen Teil der Einnahmen investiert er in lokale Projekte – vorwiegend für Ausbildung -, um die Berufschancen und den Lebensstandard der Gehörlosen-Gemeinschaft zu verbessern.

Nach dem erfolgreichen Start des Tansania-Programms möchte Wesemann eine Stiftung ins Leben rufen, die das Bewusstsein für die Kultur Gehörloser erhöht und einen internationalen Austausch ermutigen soll. Neben Tansania sollen noch andere Destinationen ins Programm aufgenommen werden. Israel, aber auch Städteziele wie Rom oder Berlin sind geplant.

(pte/RP)

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