""

„Late Presenter“: Viele HIV-Infizierte gehen zu spät zum Arzt – mit Folgen

Unwissen, Scham oder Verdrängung: Eine bedeutende Zahl von Betroffenen reagiert nicht rechtzeitig. Aber auch Mediziner erkennen manchmal die Symptome nicht. Von Özlem Yilmazer

Viele fürchten sich vor dem Stigma: Etwa 50 Prozent der neu diagnostizierten HIV-Infizierten sind sogenannte Late Presenter (Foto: Djscho (Joachim Frewert) /pixelio.de)

Viele fürchten sich vor dem Stigma: Etwa 50 Prozent der neu diagnostizierten HIV-Infizierten sind sogenannte Late Presenter (Foto: Djscho (Joachim Frewert) /pixelio.de)

Immer noch wird eine hohe Zahl von HIV-Infizierten nicht oder erst spät diagnostiziert – das hat nach Ansicht von Experten vielseitige Folgen. „Die Gruppe stellt inzwischen ein ziemliches Problem dar“, sagt HIV-Fachmann und Mediziner, Georg Härter, von der Universitätsklinik Ulm.

„Dabei ist die frühe Diagnose nicht nur essenziell, um Ansteckungen zu vermeiden, sondern auch für einen optimalen Therapiestart“, ergänzt Härter.

Experten nennen sie „Late Presenter“

Hochrechnungen des Robert Koch-Instituts (RKI) zufolge sind gut die Hälfte neu diagnostizierter Fälle sogenannte Late Presenter (siehe auch Kasten unten). Das sind Infizierte, die bei der Diagnose bereits ein deutlich geschwächtes Immunsystem aufweisen oder eine Aids-Erkrankung entwickelt haben, also schon therapiebedürftig sind. 2012 gab es in Deutschland nach RKI-Angaben insgesamt etwa 3400 Neuinfektionen.

Sowohl aus der Sicht der Präventionsmedizin als auch auf der Kostenseite habe eine späte Diagnose Auswirkungen, erklärt Härter. „Es ist in diesen Fällen auch so, dass die HIV-Infektion Symptome zeigt, oder Aids eben auch Krankenhausaufenthalte notwendig macht – das verursacht Kosten.“ Auch Krankheitstage und Arbeitsausfälle kämen hinzu.

Hat der Patient bereits Aids-Symptome wie bestimmte Formen der Lungenentzündung, ist er trotz moderner Medizin von einem höheren Sterblichkeitsrisiko betroffen, wie der Leiter der Sektion Infektiologie und Klinische Immunologie in Ulm sagt. Die Therapie spreche häufig nicht so gut an, weil die Infizierten kränker seien.

HIV-Infektion: immer noch ein Stigma

Die Zahl der Late Presenter sei in den vergangenen Jahren zwar konstant, aber hoch geblieben. Für diese Entwicklung gebe es verschiedene Gründe. „Ich sehe eine potenzielle Gefahr, weil die HIV-Infektion leider immer noch stigmatisierend ist und daher einige das verdrängen oder sich nicht trauen, das beim Hausarzt anzusprechen“, beschreibt Härter seine Erfahrung als Oberarzt in der Klinik und Referent für Ärztefortbildungen.

Es sei sehr wichtig, Medizinerkollegen für das Thema zu sensibilisieren, Warnsymptome zu erkennen und mit den Patienten einen HIV-Test zu besprechen. Es gebe Fälle, in denen auf HIV hinweisende Symptome wie Fieber, Lymphknotenschwellungen, Durchfall, Nachtschweiß oder Gewichtsverlust nicht mit dem Virus in Verbindung gebracht worden seien.

Niedergelassene Ärzte schulen

Aber auch jede Geschlechtskrankheit sollte hellhörig machen und zu Nachfragen bei den Patienten führen, sagt Härter. „Aufgrund der erhöhten Zahlen von Late Presentern raten die Aids-Gesellschaften, niedergelassene Ärzte um das Wissen zu schulen, wie kann ich HIV oder Aids vielleicht früher diagnostizieren.“

(dpa)

Das sind Late Presenter

Ein Late Presenter ist nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) jemand, dessen HIV-Infektion erst zu einem Zeitpunkt festgestellt wird, an dem er schon längst eine Therapie benötigt hätte.

Dazu zählen HIV-Infizierte mit klinischen Symptomen und jene ohne Symptome aber mit einer hohen Zahl an Viren im Blut. In manchen Fällen kommen Betroffene erst zum Arzt, wenn sie schon eine der Aids-definierenden Erkrankungen wie Tuberkulose entwickelt haben.
Das Fortschreiten der Erkrankung kann heute weitestgehend aufgehalten werden, wenn die Therapie rechtzeitig begonnen wird. Einer Hochrechnung zufolge sind gut 50 Prozent der neu diagnostizierten HIV-Infizierten Late Presenter.

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

KOMMENTAR SCHREIBEN