""

Lehrer kurz vor dem Nervenzusammenbruch: Wie Inklusion geht, steht noch in keinem Schulbuch

Möglichst viele behinderte und nicht behinderte Kinder sollen gemeinsam lernen – aber wie? Die derzeitige Diskussion in Rheinland-Pfalz ist typisch für das Thema „inklusive Schulen“.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sieht rot, wenn sie von Politikern keine klare Ansage bekommt.

Beim Ausbau des gemeinsamen Unterrichts für behinderte und nicht behinderte Kinder in Rheinland-Pfalz mangelt es nach Ansicht der Lehrergewerkschaft GEW an einer klaren Zielsetzung. „Letztendlich fehlt uns nach wie vor ein klares Konzept, wo es hingehen soll“, sagte der Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Klaus-Peter Hammer, heute in Mainz.

Klaus-Peter Hammer, Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) (Pressefoto)

Zwar seien die Politiker grundsätzlich auf dem richtigen Weg, aber sie „zieren sich seit Jahren, deutlich zu sagen, in welche Richtung es geht“. Die Gewerkschaft fordert daher von der Landesregierung klare Aussagen zur Weiterentwicklung der Schwerpunktschulen (allgemeinbildende Schulen, in denen behinderte gemeinsam mit nichtbehinderten Kinder lernen). Auch müsse das Land dafür sorgen, dass die Schulen gut ausgestattet seien und Lehrer mehr Beratung bekämen. Sonst bestehe die Gefahr der Überforderung.

Zu wenige qualifizierte Lehrer

An den sogenannten 229 Schwerpunktschulen in Rheinland-Pfalz fehlten rund 500 qualifizierte Lehrkräfte an allen Schulen, an denen behinderte Kinder lernten, kritisierte die GEW. Auch der Verband Bildung und Erziehung (VBE) forderte eine bessere Ausstattung der Schulen und die Definition klarer Ziele.

Das Bildungsministerium wies die Kritik zurück. Der inklusive Unterricht werde bereits in 229 Schwerpunktschulen im Grundschulbereich und in der Mittelstufe angeboten, im kommenden Schuljahr sollen mehr als 20 hinzukommen. Es werde schon jetzt „eine hohe Integrationsleistung erbracht“, heißt es beim Ministerium.

Die Bertelsmann-Stiftung habe die Situation der Schulen in Rheinland-Pfalz, in denen behinderte Kinder unterrichtet werden, untersucht, so das Ministerium. Dabei sei ein Mehrbedarf von 200 Lehrkräften ermittelt worden, den die Landesregierung „bis zum Ende der Legislaturperiode“ decken wolle. Außerdem werde das Schulgesetz geändert, damit Eltern von behinderten Kindern die Wahl hätten, ob sie ihr Kind auf eine Förderschule oder eine Schwerpunktschule schickten. (ROLLINGPLANET berichtete: Inklusion: Grüne wollen Regelschulen für behinderte Kinder öffnen)

Wahlrecht hilft nichts, wenn die Bedingungen schlecht sind

Nach Auffassung der GEW bringt den Eltern von behinderten Kindern ein solches verbrieftes Wahlrecht jedoch nicht viel. Solange die Bedingungen für behinderte Kinder an den Schwerpunktschulen schlechter seien als an Förderschulen, würden die Eltern ihre Kinder notgedrungen weiter auf eine Förderschule schicken. Langfristig müsse es aber das Ziel sein, dass alle behinderten Kinder gemeinsam mit nicht behinderten Kindern zur Schule gehen könnten.

Im Schuljahr 2010/2011 besuchte jeder fünfte beeinträchtigte Schüler in Rheinland-Pfalz eine Regelschule. Nach Ansicht der GEW geht die Entwicklung zu langsam voran.

Die GEW und der Verband Bildung und Erziehung (VBE) begrüßten aber die Pläne von Rot-Grün, dass die Eltern behinderter Kinder in Rheinland-Pfalz bald eine Schulform frei wählen können. Bisher dürfen Eltern nicht entscheiden, ob ihr behindertes Kind in eine Förder- oder Regelschule kommt. Die Grünen im Landtag hatten dazu eine Entscheidung im nächsten Jahr angekündigt. „In dem Punkt stehen wir an der Seite der Grünen“, sagte der VBE-Landesvorsitzende Gerhard Bold.

CDU und Philologen sind gegen die totale Inklusion

Die Klagen über die Defizite an den Schwerpunktschulen seien zwar berechtigt, sagte CDU-Bildungsexpertin Bettina Dickes. Damit jedes Kind die individuell beste Förderung finden könne, dürfe es aber keine „einseitigen und vereinheitlichenden Lösungen“ geben. Ähnlich äußert sich der Verband Deutscher Realschullehrer, der ebenfalls für einen Erhalt der Förderschulen plädiert.

Der Philologenverband Rheinland-Pfalz warf derweil GEW und VBE vor, sie versuchten die Debatte über die Inklusion von Behinderten für die Einführung einer generellen Einheitsschule zu missbrauchen. Er lehnt eine totale Inklusion ab und warnt davor, in einen „Inklusions-Aktionismus“ zu verfallen. Kinder mit Behinderungen müssten zwar gefördert werden, jedoch nicht zwingend in Regelschulen, erklärte der Landesvorsitzende des Verbands der Sprach- und Literaturwissenschafter, Malte Blümke.

Derzeit haben gut 18.000 von insgesamt 442.000 Schülern an den allgemeinbildenden Schulen im Land einen sonderpädagogischen Förderbedarf. 19 Prozent von ihnen sind in diesem Schuljahr auf eine Regelschule gegangen, die übrigen 81 Prozent besuchten eine Förderschule.

(dpa/lrs/dapd)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

2 Kommentare

  • Dr. Carsten Rensinghoff

    Inklusion ist ein Thema, das auf großer Flamme kocht. In Nordrhein-Westfalen haben die Fraktion der SPD und die Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN hierzu einen Antrag verfasst, den ich mir erlaubt habe kritisch zu kommentieren. Diese Kommentierung ist über die URL http://www.lokalkompass.de/witten/politik/kurze-replik-zum-antrag-zusammen-lernen-zusammenwachsen-eckpunkte-fuer-den-weg-zur-inklusiven-schule-in-nrw-d183978.html abrufbar.

    30. Juni 2012 at 12:34
  • Dagmar Manthey

    Ich bin seit 25 Jahren Grundschullehrerin mit Leib und Seele und bevor ich überhaupt wusste, was das Wort Inklusion für den schulischen Bereich genau bedeuten soll, habe ich viele Kinder , die zum Teil in Regelschulen als nicht oder nur schwer beschulbar galten in Zusammenarbeit mit den Eltern und außerschulischen Angeboten zur „Schultüchtigkeit“ gebracht. Individualisierung und Differenzierung ( von lernschwach bis hochbegabt) gehören seit jeher zur Grundschule. Dass die Kinder von heute mit immer vielfältigeren Defiziten auf diversen Gebieten zu uns kommen, ist wohl auch unumstritten. Ich betrachte es aber nach wie vor als positive Herausforderung meinen Unterricht diesen Erfordernissen anzupassen. Die vielen Änderungen Vorschriften und Tests, die uns in den letzten 5 Jahren vorgesetzt werden, machen dieses Arbeiten nicht leichter. Dass nur ein Drittel eines Lehrerjahrgangs das normale Pensionsalter erreicht, spricht wohl Bände.
    Das heißt für mich Inklusion – natürlich. Wie schon immer, aber zuerst müssen endlich mal die Rahmenbedingungen stimmen. Das ist eigentlich ganz einfach. Je nach Grad der Besonderheit eines zu inkludierenden Kindes müssen a u s r e i c h e n d e, speziell für die Art dieses Förderbedarfs ausgebildete und entsprechend dotierte Fachkräfte den Lehrern zur Seite stehen.
    Dabei ist besonders der V e r t r e t u n g s f a l l dieser Lehrkräfte zu berücksichtigen. Denn sollte der Fall eintreten, dass keine dieser Kräfte zur Verfügung steht, muss für das betreffende Kind, den Klassenverband und die„ normale“ Lehrkraft eine praktikable und vernünftige Lösung bereitstehen. Der reguläre Unterricht für die gesamte Klasse darf auf gar keinem Fall darunter leiden. Wir haben eine große V e r a n t w o r t u n g f ü r j e d e s Kind, das uns anvertraut ist.

    Es darf und sollte nicht mal wieder geschehen, dass Durchhalteparolen wie- die Lehrer müssten nur genug Einsatz zeigen, dann würde man (Frau) das schon schaffen- zum Einsatz kommen.
    Ich glaube, ich spreche Im Namen vieler Kollegen , wenn ich sage die Grenze unserer Belastbarkeit ist schon lange überschritten. Wir sind schon mehr als geschafft.
    Also wenn hier neue Wege gegangen werden sollen, dann bitte sollten diese Wege vielleicht dieses Mal viel mehr mit den Kollegen aus der Praxis ( Vollzeitlehrer!!!) g e m e i n s a m geplant werden.

    2. Juli 2012 at 19:49

KOMMENTAR SCHREIBEN