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Verstehen, was der Bundestag macht – in Leichter Sprache

Millionen Menschen in Deutschland haben eine Lernschwäche oder können nicht richtig lesen. Auch sie dürfen wählen und wollen sich über Politik informieren. Helfen soll dabei ein neues Angebot des Bundestages und anderer Behörden. Von Miriam Schmidt

Eine Übersetzerin für Leichte Sprache der Lebenshilfe Bremen (Foto: Carmen Jaspersen dpa/lni)

Lange Bandwurmsätze, komplizierte Zusammenhänge und haufenweise Fremdwörter – Politik ist oft nicht leicht zu verstehen. Besonders schwer haben es Menschen mit einer Lernschwäche wie Gabi Zehe. „Ich hatte das schon mal bei den Wahlzetteln, die man in den Wahllokalen bekommt – dass man sich fragt, was bedeuten die Parteien überhaupt“, sagt die Berlinerin. Damit auch Menschen mit Lernschwäche mitreden und sich informieren können, gibt es die Leichte Sprache. Sie setzt sich nach und nach auch in der Politik durch.

Seit einigen Wochen hat der Bundestag Internet-Seiten in Leichter Sprache. Dort wird unter anderem erklärt, was das Parlament macht, wer dort arbeitet und welche Aufgaben die Mitarbeiter haben. „Bundes-Tag ist der Name für ein großes Haus in Berlin“, heißt es zum Beispiel.

Ab März 2014 Pflicht

Ein solches Angebot ist ab März 2014 für Behörden wie Ministerien oder den Bundestag Pflicht. Das ist in der „Verordnung zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik nach dem Behindertengleichstellungsgesetz“ (BITV 2.0) festgelegt, die im September 2011 in Kraft getreten ist.

Mit dem neuen Angebot will der Bundestag Menschen, denen das Lesen und Lernen schwer fällt, helfen, die Abläufe der Gesetzgebung zu verstehen, wie Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) sagte. In Gebärdensprache – auch Teil der Verordnung – soll es 2013 ein Angebot geben. Die Bundesregierung zum Beispiel bietet jetzt schon beides an.

Was ist Leichte Sprache?

Leichte Sprache – das heißt kurze Sätze, einfache Wörter und große Schrift. Schwere Begriffe werden erklärt, Bilder unterstützen den Text. Abkürzungen und Fremdwörter werden vermieden. „Wir arbeiten auch viel mit Bindestrichen, wenn es lange Wörter sind“, erklärt Zehe, die bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Berlin Texte in Leichter Sprache prüft.

Die lernschwache Gabi Zehe prüft einen Text in Leichter Sprache (Foto: Jana Ritchie/dpa)

Konzentriert beugen sich Zehe und ihr Kollege Jörn Raffel über ihre Texte. Mit grünen und roten Textmarkern kennzeichnen sie Wörter, die sie nicht verstehen. Jeden Abschnitt besprechen sie mit Elisabeth Rott und Christina Völz vom Büro für Leichte Sprache. „Durch den Dialog wird offenbar, wo die Schwierigkeiten sind“, sagt Völz.

Viele unterschiedliche Gruppe betroffen

In Deutschland gibt es nach Angaben des Netzwerks Leichte Sprache mehrere hunderttausend Menschen mit Lernschwierigkeiten, dazu Millionen Analphabeten. Auch Migranten sowie Ältere und Gehörlose sind eine Zielgruppe. „Das, was wir machen, ist für viele Menschen anwendbar“, sagt Petra Schneider vom Netzwerk.

Die Betroffenen würden häufig durch zu komplexe Sprache ausgeschlossen, beklagt das Netzwerk. „Wenn ich mitreden will, muss ich die Chance dazu haben“, sagt Schneider. Das Angebot des Bundestages und anderer Institutionen sei da nur ein Anfang. „Im Vergleich zu dem, was es in nicht Leichter Sprache gibt, ist das ein Tropfen auf dem heißen Stein.“

Raffel und Zehe prüfen, ob Texte in Leichter Sprache verständlich sind. „Ob das wirklich gut ist oder ob man da noch was Besseres draus machen kann“, erklärt Raffel. „Ohne Prüfer ist es keine Leichte Sprache“, sagt Völz. „Manchmal ist man als Übersetzer ganz zufrieden, aber die Prüfer merken, da fehlt noch was.“

Auch geistig Behinderte haben Wahlrecht

Die Bundestagsabgeordnete Ulla Schmidt (SPD) setzt sich für die Leichte Sprache ein. „Es wird oft vergessen, dass auch geistig behinderte Menschen ein Wahlrecht haben und an demokratischen Prozessen teilnehmen“, sagt die frühere Gesundheitsministerin. „Auch sie brauchen Zugang zu Informationen.“ Gerade in der Politik hält Schmidt das für sinnvoll. «Es wäre auf jeden Fall nicht schädlich für die Politik, wenn sie lernen würde, in Leichter Sprache zu formulieren.“

(dpa)

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2 Kommentare

  • Marcus R.

    „Ab März 2004 Pflicht“ ?
    Ich denke mal sie meinen „Ab März 2014 Pflicht“ !
    … scheint aber wohl nicht wichtig zu sein,
    wenn es bis jetzt keiner gemerkt hat.

    lg
    Marcus

    4. April 2014 at 02:33
    • ROLLINGPLANET
      Rollingplanet

      Danke für den Hinweis. Wir haben den falschen Zwischentitel korrigiert.

      4. April 2014 at 10:10

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