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Liebe Rollis, ist es denn im Wald wirklich schöner als im Zug oder in der Sauna?

ROLLINGPLANET beweist: Die Polizei ist nicht nur dafür da, um renitente Behinderte zu entfernen.

ROLLINGPLANET garantiert: Hier kontrollieren keine Schaffner der Deutschen Bahn (Rainer Klinke/pixelio.de)

ROLLINGPLANET garantiert: Hier kontrollieren keine Schaffner der Deutschen Bahn (Rainer Klinke/pixelio.de)

Wegen unser tendenziösen Berichterstattung glauben seit kurzem immer mehr ROLLINGPLANET-Leser/innen, dass die Polizei nur dafür da ist, um renitente Rollstuhlfahrer zu entfernen – sei es aus dem Zug oder aus der Sauna – oder sich auf Behindertenparkplätze zu stellen. Weit gefehlt! Sie sind unser Freund und Helfer! Hier kommt der Leistungsnachweis der vergangenen Tage.

Aus brennender Gartenlaube gerettet

Eine 90 Jahre alte Rollstuhlfahrerin ist am heutigen Sonntag von der einsatzbereiten Polizei – sie hatte Zeit, weil sie weder von der Deutschen Bahn noch von einem Therme-Betreiber gerufen wurde – und Feuerwehrleuten aus einer brennenden Gartenlaube in Hamburg-Hamm gerettet worden. Anschließend wurde die Frau mit einer Rauchgasvergiftung in ein Krankenhaus gebracht, sagte ein Sprecher der Hamburger Feuerwehr.

Die Frau habe ein Zimmer in der Gartenlaube bewohnt (warum macht sie denn auch so etwas? Warum lässt sie sich nicht in ein Altersheim einsperren?). Warum dort der Brand ausbrach, konnte der Sprecher zunächst nicht sagen. Die Einsatzkräfte seien per Hausnotruf alarmiert worden.

Polizei rettet Rollstuhlfahrer aus dem Wald

Ebenfalls heute hat die Polizei – die gerade Zeit hatte, weil sie weder für die Deutsche Bahn noch für einen Therme-Betreiber im Einsatz war – in Mecklenburg-Vorpommern einen 75-jährigen Rollstuhlfahrer aus einer Notlage im Wald befreit. Nach Polizeiangaben war er am Samstagabend nach dem Pilzesammeln nicht wieder in seine Seniorenresidenz zurückgekehrt.

Er hatte sich mit seinem Elektromobil in einem Waldstück bei Bad Saarow festgefahren und konnte sich nicht mehr aus der misslichen Situation befreien. Per Handy konnte der 75-Jährige dann Rettungskräfte auf seine Spur bringen.

Was wollt Ihr denn ständig im Wald?

Bereits am Donnerstag musste die sächsische Polizei an der Landesgrenze zu Brandenburg einen 48-jährigen Rollstuhlfahrer ebenfalls aus einem Waldstück retten. Er war von einer Landstraße abgekommen und von einer Böschung gestürzt. Unser Kollege beschloss dann erst mal, in aller Ruhe die Nacht zu genießen, um erst am Morgen per Notruf die Polizei zu alarmieren.

Da später sein Handy nicht mehr geortet werden konnte, mussten sich die Beamten in mühevoller Kleinarbeit zu dem Verunglückten vorarbeiten. Sie fanden diese Arbeit aber immer noch aufregender, als für eine Schaffnerin der Deutschen Bahn oder einen hygienebessenen Abteilungsleiter einer Therme tätig zu werden. Der Rollifahrer blieb unverletzt, war aber unterkühlt. Möglicherweise ist das aber ja immer noch besser, als sich bei der Deutschen Bahn oder in einer Sauna wegen Diskriminierung zu überhitzen.

Aller schlechten Dinge sind zwei

Ein 26-jähriger Hagener glaubt vermutlich immer noch, dass man behinderten Menschen keinen Rollstuhl klaut. Nachdem dem Gehbehinderten vor kurzem schon einmal das Ding unter seinem Arsch geklaut worden war, war es am Donnerstag wieder soweit. Da stellte er in Altenhagen (Nordrhein-Westfalen) seinen geliehenen Rollstuhl beim Besuch eines Bekannten in der Düppelstraße um 8 Uhr im Innenhof eines Mehrfamlienhauses ab.

Als er gegen 16 Uhr wieder nach Hause rollen wollte, war das 4.000 Euro teure Gerät (schwarz-graues Modell, rechtsseitig angebrachte Gangschaltung) weg. Die Polizei war – weil sie weder von der Deutschen Bahn noch von einem Therme-Betreiber gerufen wurde – sofort zur Stelle und sucht nun nach Zeugen: Telefon 02331/9862066.

Einsperren, Schlüssel abziehen – fertig

Österreich gehört an und für sich nicht so sehr zum Einzugsgebiet von ROLLINGPLANET. Heute machen wir eine Ausnahme, weil wir wissen, wie schwer sich die Deutsche Bahn, Therme-Betreiber und andere damit tun, Behinderte loszuwerden und wir seit jeher – auch im Ausland – nach konstruktiven Lösungen suchen.

Wie die Ösi-Polizei meldet (habt Ihr denn so viel Zeit? Gibt es bei Euch keine DB-Schaffner?), hat ein 35-jähriger Rollstuhlfahrer in Salzburg einen 49-jährigen Bekannten mehrere Tage bei sich übernachten lassen. Als es unserem Kollegen zu viel wurde und er seinen Gast bat, wieder auszuziehen, reagierte dieser – Deutsche Bahn: Achtung, so geht das! – konsequent: Er nahm dem Rolli Geld und Handy weg, schloss ihn in einen Vorraum ein, zog den Schlüssel ab, und erst danach verschwand er (siehe Salzburger Nachrichten).

Der nächste Polizei-Einsatz kommt bestimmt

Nachdem bekannt ist, dass sich Rollstuhlfahrer manchmal ziemlich dämlich anstellen – also sich in Wäldern verirren, Böschungen herunterkullern und trotz allem immer noch riskieren, mit der Deutschen Bahn zu reisen – sind wir überzeugt, dass die Polizei (sofern sie nicht gerade von einer Schaffnerin der Deutschen Bahn oder einem Therme-Betreiber gerufen wird) schon bald einen Rolli von einer Straßenlaterne in Kassel kratzen muss.

Dort hat es die Stadtverwaltung tatsächlich geschafft, ihre neuen Laterne nicht an der Seite, sondern mitten auf einem schmalen Gehweg am Wäldchen (!) so aufzustellen, dass man schon ziemlich alkoholfrei herumfahren muss, um mit seinem Stuhl nicht gegen die beleuchteten Slalomstangen zu knallen (siehe Hessische/Niedersächsische Allgemeine).

(RP/dpa/div)

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1 Kommentar

  • Blab

    Im Wald bin ich auch mal stecken geblieben. Aber dann kamen zwei nette Jogger vorbei. So musste die Polizei ihre Arbeit bei der Deutschen Bahn und in der Sauna nicht unterbrechen.

    30. September 2013 at 22:23

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