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Lieber ein kaputtes Bein als kaputte Menschen: Wie Popow den Hass kennenlernte

Dennoch zieht der Paralympics-Sieger nach seinem Aus bei „Let’s Dance“ eine durchweg positive Bilanz – und kündigt eine Überraschung an. Von Holger Schmidt

Paralympics-Sieger Heinrich Popow und die Profitänzerin Katrhin Menzinger in der RTL-Tanzshow „Let's Dance“. (Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Paralympics-Sieger Heinrich Popow und die Profitänzerin Katrhin Menzinger in der RTL-Tanzshow „Let’s Dance“. (Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Der Sehnenriss in der Schulter war für Heinrich Popow kein Grund hinzuwerfen: „Damit habe ich seit der dritten Show getanzt.“ Die Fraktur im rechten Fuß schleppte der zweimalige Paralympics-Sieger seit der vierten Sendung und damit über sechs Shows mit sich herum. Und auch, dass nach jeder Sendung der Stumpf blutete, hielt den 33-Jährige nicht zurück:

„Den Mädels in den hohen Schuhen ging es schließlich auch nicht anders.“

Doch auch die größte Kämpfernatur kommt irgendwann an ihre Grenzen. Am Dienstag gab Publikumsliebling Popow seinen Ausstieg aus der RTL-Show bekannt (ROLLINGPLANET berichtete). „Der Schmerz über diese Nachricht ist größer als die körperlichen Schmerzen“, sagte er. „Aber ich musste den Rat der Ärzte befolgen.“ Durch die Verletzung im gesunden Fuß belastete Popow das Bein der Prothese stärker. Ein Nervenstrang entzündete sich, das Bein wurde taub. „Am Ende war es wie Handstand mit eingeschlafenem Arm“, sagt Popow der Deutschen Presse-Agentur.

„Auf einer Welle der Euphorie“

Doch Popow verlässt die Show auch als Gewinner. Über neun Freitage hinweg wurden der gebürtige Kasache und seine Partnerin Katrin Menzinger immer weitergewählt. Zunächst dank guter Bewertungen der eigentlich strengen Jury, in den letzten beiden Sendungen trotz der jeweils schlechtesten Wertungen durch das Votum der Zuschauer, die den erfrischend offenen Sportler in ihr Herz geschlossen hatten.

Heinrich Popow und seine Tanzpartnerin Katrhin Menzinger während eines Fototermins in Köln beim Training für die RTL-Tanzshow „Let’s Dance“. (Foto: Henning Kaiser/dpa)

Heinrich Popow und seine Tanzpartnerin Katrhin Menzinger während eines Fototermins in Köln beim Training für die RTL-Tanzshow „Let’s Dance“. (Foto: Henning Kaiser/dpa)

Es gab auch die andere Seite, „einen Mega-Shitstorm“, wie Popow es nennt.

„Es gab ganz üble Kommentare wie: ,Sollen wir Dir das gesunde Bein auch noch rausreißen, dass Du endlich aufhörst zu tanzen?‘ Aber auf zehn solcher Kommentare kamen 1000 positive. Und deshalb waren es unbeschreibliche Wochen für mich.“

Popow fühlte sich „wie auf einer Welle der Euphorie“. Die ihn von
Sendung zu Sendung trug. „Gerade in den letzten Wochen habe ich damit gerechnet, dass es irgendwann für mich vorbei ist. Aber wer weiß, wie weit mich diese Welle noch hätte tragen können.“

Überraschender Rücktritt vom Rücktritt

Deshalb hat er seine Mission eindeutig erfüllt.

„Ich bin sicher, dass nun viele Menschen einen anderen Blick auf Amputationen haben“,

erklärt er. „Und auch mir hat es unglaublich viel gebracht. Ich habe in 25 Jahren mit der Prothese immer daran gedacht, welche Bewegung ich machen muss. Durch das Tanzen sind meine Bewegungen nun automatisiert.“ Deshalb überlegt der Orthopädie-Technikmechaniker, der für den Prothesenhersteller Otto Bock durch die Welt fliegt und schon Amputierte in Kuba, Indien, China, oder Brasilien zum Sport brachte, „Tanz in das Reha-Programm einzubauen“.

In Sachen Fernsehen ist er durch „Let’s Dance“ auf den Geschmack gekommen. „Durch solche Shows kann man viel bewegen“, sagte er, für alles will er sich künftig aber nicht hergeben: „Das Dschungelcamp braucht gar nicht erst anzurufen. Aber wenn es Formate gibt, in denen nicht mit der Würde des Menschen gespielt wird und man trotzdem ein Podium bekommt, für sein Thema zu kämpfen, bin ich der Erste, der dabei ist.“

Und im Sport wird er wohl auch länger als geplant dabei sein. Ursprünglich wollte Popow seine Karriere nach der Leichtathletik-WM im Juli in London beenden. Doch da sein Start nun akut gefährdet ist, denkt er schon weiter. „Sollte ich in London nicht starten können, mache ich weiter bis zur Heim-EM 2018 in Berlin.“ Und: „Ob ich in London starten kann, entscheidet sich beim MRT in der kommenden Woche. Aber ich werde meine Karriere sicher nicht im Wohnzimmer beenden, sondern auf dem Platz.“

(dpa)

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1 Kommentar

  • Joachim Rimer

    Wow… Respekt vor diesem Mann!
    Ich bin nun kein Fan derartiger Shows, aber ich finde ein jeder soll doch die Dinge machen, an denen er/sie Freude empfindet.
    Das es dann Leute gibt, die Freude am „negativ Kommentieren“ haben, kann ich weder nachempfinden noch gutheissen.

    24. Mai 2017 at 20:47

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