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Lieblinks (46): Zwischen Inklusion und Nixklusion

Das neue Blog von Kirstenmalzwei liefert jeden Montag eine neue Geschichte zum Thema – wer steckt dahinter?

(Illustration: Kirstenmalzwei)

(Illustration: Kirstenmalzwei)

Kirstenmalzwei sind Kirsten Ehrhardt aus Walldorf und Kirsten Jakob aus Ulm. Beide haben Kinder mit Behinderung und sind in Elterninitiativen für Inklusion in Baden-Württemberg aktiv. So erleben und hören sie eine Menge Inklusives und weniger Inklusives. Darüber schreiben sie jetzt jede Woche. Immer montags gibt es eine neue Folge.

„In den Geschichten geht es nur sehr selten um unsere eigenen Kinder“, betont Kirsten Erhardt gegenüber ROLLINGPLANET. „Bei ,Der Junge‘ und ,Das Mädchen‘ handelt es sich nicht um dieselben, sondern um verschiedene Kinder. Alle Geschichten sind wahr. Die Ereignisse haben sich so oder ähnlich – nicht nur in Baden-Württemberg – zugetragen. Um die Beteiligten zu schützen, sind sie manchmal etwas verändert worden. Dass sich der eine oder die eine darin wiedererkennt, ist natürlich nicht zu verhindern.“

ROLLINGPLANET wünscht den beiden Autorinnen möglichst viele Leser/innen – und vielleicht entsteht daraus ja einmal ein Büchlein: http://kirstenmalzwei.blogspot.de

(RP/PM)

Fußball
Leseprobe: Eine herrliche Geschichte von Kirstenmalzwei.

Er ist in der Fußball-AG angemeldet.
Er spielt schon lange im Dorfverein.
Nun also auch in der Schule.
„Schwierig…“, findet der Sportlehrer und fordert eine Begleitperson.
Also stehen jetzt 7 Kinder, der Sportlehrer und die FSJler in der Halle.
Die Mutter sitzt auf der Tribüne und schaut zu.
Der Sportlehrer erklärt die Übung.
Dann wendet er sich an die FSJlerin: „Und Du kickst mit dem Jungen den Ball hin und her.“
„Ach herrje“, denkt die Mutter.
Der Junge hampelt nur rum.
Drei Nachmittage lang geht das so.
Der Junge hampelt immer mehr rum.
Beim vierten Mal stellt der Sportlehrer rot-weiße Hütchen in der Halle auf.
Der Junge läuft begeistert hinter ihm her und sammelt sie alle wieder ein.
Der Sportlehrer ruft der FSJlerin zu: „Er soll damit aufhören!“
Dann verteilt er die Hütchen neu.
Der Junge sammelt sie alle wieder ein.
Der Sportlehrer brüllt die FSJlerin an: „Aufhören, endlich aufhören!“
Jetzt geht die Mutter in die Halle.
„Lass die Hütchen stehen“, sagt sie zum Jungen. Und die Hütchen bleiben stehen.
Der Sportlehrer ist empört. „Sie untergraben meine Autorität“, sagt er zur Mutter.
„Da gibt es nichts, was untergraben werden könnte“, sagt die Mutter und setzt sich wieder auf die Tribüne.

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1 Kommentar

  • Sabine Bodenmüller

    Guten Tag ,
    Mit großem Interesse habe ich heute in der Heidenheimer Zeitung die Südwestumschau gelesen.
    Ich bin selbst Pädagogin und arbeite schon seit vielen Jahren mit Kindern deren Probleme in Form von Entwicklungsverzögerung , seelische Behinderung bis hin zur Lernbehinderung reichen. Ich leite eine Grundschulförderklasse. So manches Kind ging den Weg der Inklusion. Zum Teil sehr erfolgreich. Nun habe ich den Bericht aufmerksam gelesen und vermisste eine entscheidende Tatsache. Es wird immer nur die negative Seite aufgezeigt, warum Inklusion nicht funktioniert. Die Frage, was ist für das einzelne Kind wichtig und auch sinnvoll fehlt. Das Beispiel, mit dem Tisch im Schulflur hat mich besonders erregt. Ich habe die Erfahrung gemacht, hätte der Brandschutz bei mir die Tische verboten, wäre es eine Katastrophe für ein Kind gewesen. Es handelt sich um ein Kind mit Downsyndrom und starker geistiger Behinderung. Dieses Kind hielt es in seiner Klasse nicht aus. Es wurde in einer Kleingruppe im Flur unterrichtet. Der Entwicklungsstand entsprach dem eines zweijährigem. Beschult wurde es bereits in Klasse zwei. Die Lieblingsbeschäftigung dieses Kindes war Bauklötze zu stapeln um sie dann lautstark umzuwerfen. Im Klassenverband fühlte sich das Kind nicht wohl. Es wollte immer aus dem Raum. Es stellt sich die Frage: Wo bekommt dieses Kind die Möglichkeit, seine Ressourcen, die es sicher hatte zu entwickeln? Hinzu kam noch, dass es nicht genügend Inklusionslehrer gab und der Junge jedes Jahr einen neuen FSJ`ler hatte. Am Ende stand dann doch die Schule für geistige Behinderte. Vier wertvolle Jahre sind verloren gegangen.
    Vor 20 Jahren hatte ich eine Schülerin, ohne Lese und Rechenzentrum. Da es an der Schule eine Küche gab, in der Schüler integriert wurden, stellte man sehr schnell fest, das dieses Mädchen ein großes Talent für Kochen hatte. Sie wurde in der Schule für geistig Behinderte auf das Leben vorbereitet. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten und Talente. Heute ist die inzwischen 28 jährige in einer Großküche beschäftigt und führt ein nahezu selbstständiges Leben. Was wäre diesem Mädchen entgangen, wäre sie an einer Schule gewesen, wo Inklusion betrieben worden wäre ohne auf das wesentliche zu schauen. Kochen ist in einer Grundschule nicht im Lehrplan.
    Ich bin kein Inklusionsgegner. Nein, es muss auf das einzelne Kind und seine Talente geschaut werden. Die müssen gefordert werden um einen Platz in unserer Gesellschaft zu haben . In meinem Beispiel der kochbegabten Schülerin wird deutlich, das die Schule ohne Inklusion ihr einen Weg bereitet hat, das sie nun mitten im Leben steht. Das eine schließt das andere nicht aus.
    Ich würde mich freuen, wenn auch solche Geschichten gehör finden würden.
    Lieben Gruß
    Sabine Bodenmüller

    7. Februar 2017 at 10:23

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