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„Life“ – ein einzigartiges Comic-Buch für Blinde und Sehende

ROLLINGPLANET-Interview mit dem Berliner Interaction-Design-Studenten Philipp Meyer, dem das vielleicht weltweit erste Werk dieser Art gelang. Von Lothar Epe

Philipp Meyer hält sein „Life“ in der Hand – es ist vermutlich einer der ersten Comics für Blinde und Sehende (alle Fotos: Philipp Meyer)

Philipp Meyer hält sein „Life“ in der Hand – es ist vermutlich einer der ersten Comics für Blinde und Sehende (alle Fotos: Philipp Meyer)

Es ist schwierig, wenn nicht gar fast unmöglich, Comics und Zeichengeschichten in die Braille-Sprache für blinde Menschen zu übersetzen. Für den 24-jährigen Berliner Interaction Design-Studenten Philipp Meyer war das eine Herausforderung, an der er beinahe gescheitert wäre, die er aber dann doch meisterte.

Gemeinsam mit einem blinden Ansprechpartner und Nota, einem in Kopenhagen ansässigen Institut für blinde Menschen, realisierte Meyer ein tastbares Comic-Buch – das aufgrund eines genialen Kniffs (siehe Interview unten) sowohl Blinde als auch Sehende erfassen können. Sieben Wochen benötigte benötigt Meyer dafür. Das Werk heißt „Life“ und erzählt auf wenigen Seiten vom – Leben, genauer gesagt: vom Anfang und Ende eines Protagonisten. ROLLINGPLANET sprach mit Meyer über seine Arbeit.

Was ist Interaction Design?

Interaction Design oder IxD – auf Deutsch Interaktionsgestaltung – ist eine vergleichsweise junge Designdisziplin, die Ende der 1980er Jahre ins Leben gerufen wurde. Ein Interaction Designer gestaltet all das, was der Benutzer sieht, hört und fühlt, wenn dieser mit einer Anwendung oder einem Endgerät interagiert. So stellt sich unter anderem auch die Frage, welche neuen Bedienelemente jenseits der gängigen Eingabegeräte wie Maus, Tastatur und Touch-Screen sinnvoll sein können.

Ob im Mobiltelefon, in der Spielkonsole oder im Navigationssystem: Der Computer ist aus dem modernen Leben nicht mehr wegzudenken. Interface Designer sollen die Welt des Users anwenderfreundlich machen und Wege finden, komplizierte Technik klar und einfach zu gestalten.

„Interfacedesigner machen aus digitaler Umgebung lebenswerte Heimat“, erklärt die Fachhochschule Potsdam, an der Meyer studiert.

Interview mit Philipp Meyer: „Einfache Kreise stellen Charaktere dar“

Philipp Meyer

Philipp Meyer

Was ist Dein konkretes Berufsziel?

Wohin die Reise nach dem Studium geht, weiß ich noch nicht.

Du hast in diesem Jahr ein Comic-Buch für Blinde entwickelt. Wie bist Du auf diese Idee gekommen? Viele werden die Vorstellung haben, dass es wenig Sinn macht, einen Comic für Blinde zu machen.

Das Buch ist im Rahmen eines Auslandsemesters in Malmö entstanden. In einem Kurs über Comics. Der Kurs hatte also nicht unbedingt einen direkten Bezug zu meinem Studium. Ich denke aber, dass man aus allen Disziplinen etwas lernen kann. Die Methoden, die ich in meinem Studium gelernt habe, konnte ich sehr gut für die Erstellung des Comics anwenden. Meine Kommilitonen haben normale Comics gemacht. Ich fand es jedoch spannend, das Medium allen Menschen zugänglich zu machen.

Die Idee, einen Comic für Blinde zu entwickeln, sah ich als Herausforderung an, ich hatte so etwas vorher nicht gesehen. Mir gefiel auch der soziale Aspekt der Idee. In der Tat haben die meisten geglaubt, solch ein Vorhaben sei unmöglich, aber gerade das hat mich noch mehr motiviert.

Bei einem „Tactile Comic“ geht es ja irgendwie um die Darstellung von Bildern, die ertastbar sind. Wie müssen wir uns das genau vorstellen?

Ich habe bewusst auf die Darstellung von Bildern im eigentlichen Sinn verzichtet. Mir erschien es nicht adäquat, einfach eine Szenerie in das Papier zu pressen und diese dann ertastbar zu machen. Stattdessen setzte ich auf diese einfachen Kreise, die Charaktere darstellen. Die Bilder entstehen dann im Kopf des Lesers.

Der Comic soll ja, wenn ich das richtig verstanden habe, sowohl fūr Blinde als auch fūr Nichtblinde lesbar sein. Da aber die wenigsten Sehenden über Kenntnisse der Blindenschrift verfügen: Wie soll das funktionieren?

Richtig, der Comic ist lesbar für Blinde und Nichtblinde. Der Titel und die kurze Einleitung auf der Vorderseite ist in Braille und normalem Text gedruckt. Im Comic selber kommen nur vier Ziffern zum Einsatz, welche die Leserichtung in den ersten vier Rahmen angeben.

Diese Ziffern sind in der Tat nur in Braille gedruckt. Ein Nichtblinder erhält die Information für die Leserichtung jedoch aus dem Abstand der Rahmen zueinander. Die oberen beiden Rahmen sind nah nebeneinander. Danach liest man die beiden Rahmen darunter, die einen Abstand zu den oberen beiden Rahmen haben. Der Rest des Comics beruht auf den einfachen Kreisformen, die keinerlei versteckte Informationen beinhalten. Der Comic ist also in der Tat für sehende und Nichtsehende in gleicher Weise zu lesen.

Comic 0
Comic 1
Welchen Bezug hattest Du zu blinden Menschen, bevor Du mit der Arbeit begonnen hast?

Ich kannte keine blinden Menschen. Für das Projekt habe ich also Neuland betreten und musste erst einmal einiges lernen.

Auf welche besonderen Schwierigkeiten bist Du bei der Durchführung dieses Projektes gestoßen?

Ich musste zahlreiche Hürden überwinden. Ich hatte zwischenzeitlich das Projekt fast aufgegeben. Das Wichtigste war, dass ich den Sprung weg von einfachen taktilen Illustrationen hin zu den abstrakten Formen gemacht habe. Diese haben mir das Geschichten erzählen ermöglicht und von da an habe ich an die Realisierung geglaubt.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit der Organisation Nota?

Ich bin zu Nota am ersten Tag des Projekts gegangen, da ich dachte, es sei eine einfache Bibliothek für Blinde. Ich hoffte, ich könnte dort direkt in Kontakt kommen mit Blinden. Nach einem kurzen Gespräch mit einer Projekt-Koordinatorin wurde mir dann ein Projektvertrag angeboten, der es mir ermöglichte, mit Blinden in Kontakt zu treten und weiter an dem Projekt zu arbeiten.

Wie waren die bisherigen Reaktionen nach der Veröffentlichung Deines Projektes?

Ich habe bis heute nur positive Reaktionen zu dem Projekt gehört. Vor allem in Design-Kreisen kommt das Projekt sehr gut an. Aber auch Michael, mein erster blinder Ansprechpartner hier in Dänemark, hatte viel Freude an dem Projekt. Nach und nach höre ich auch immer wieder Positives von Menschen, die sich mit Barrierefreiheit auseinandersetzen.

Gibt es Pläne für eine Fortsetzung von „Life“?

Momentan nicht. Ich würde mich freuen, wenn das Comic-Medium jedoch eventuell hilfreich bei Lehrzwecken für Blinde sein kann oder weitere Geschichten erzählt werden. Es wäre schön, wenn das Projekt andere Gestalter inspiriert, mehr in soziale Designrichtungen zu gehen. Vielleicht werde ich auch noch einmal eine weitere Geschichte erzählen, mal sehen.

Vielen Dank für das Interview.

Weitere Infos auf Philipp Meyers Webseite, auf der man auch in dem Buch „Life“ blättern kann: www.hallo.pm/life

(RP)

Für blinde und sehbehinderte Menschen
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1 Kommentar

  • Angelika Stoof

    in Schweriner Museum gibt es ein Buch für Blinde und Sehende, das Buch ist mit einem Siebdruck versehen sodass Blinde die Werke ertasten können, außerdem kann man mit einem Stift die Werke akustisch erklärt bekommen und es ist auch in Brailleschrift ausgelegt.

    14. Oktober 2013 at 13:30

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