""

Löwinnen allein zu Haus

Bundesweit einzigartiges Projekt: Das „allfabeta Kontakt_Netz“ für allein erziehende Frauen mit Kindern mit Behinderung feiert 10-jähriges Jubiläum. Eine Betroffene erzählt aus ihrem Alltag.

Eine allein erziehende Mutter mit ihrem Kind. (Symbolfoto: Marcel Kusch/dpa)

Eine allein erziehende Mutter mit ihrem Kind. (Symbolfoto: Marcel Kusch/dpa)

Sie pflegen, bis sie fast nicht mehr können. Sie ringen um gerechten Unterhalt, bezahlbare Wohnungen, Teilzeit-Jobs, behindertengerechte Schulen und Kinderbetreuung. „Allein erziehende Frauen kämpfen wie Löwinnen für ihr Kind mit Behinderung“, berichtet Igball Selimi, die Projektleiterin des Münchner Kontaktnetzes allfabeta.

Durch die alleinige Verantwortung für das Kind seien die Mütter permanent angespannt und dauerbelastet: „Was passiert, wenn mir was passiert?“, ist die alles beherrschende Frage. Eine existenzsichernde Arbeit, soziale Kontakte oder einfach freie Zeit für sich sind in dieser Situation meist unmöglich. Die Folge: Viele der Frauen gleiten in finanzielle Notlagen, Einsamkeit und Isolation (siehe unten unser Interview mit einer „Löwin“).

Vielfach ausgezeichnet

Das Kontaktnetz allfabeta setzt genau hier an, bei Vernetzung, Empowerment, Hilfe zur Selbsthilfe und individueller Beratung. Es organisiert offene Treffs und Seminare, unterstützt mit Information und rechtlicher Aufklärung. „Wir gehen von den Stärken der Frauen aus“, erläutert die Geschäftsführerin Kira Wüsten das Konzept des Trägervereins siaf e.V. Vor allem der Austausch untereinander sei für die Frauen oft der erste Schritt aus dem gesellschaftlichen Abseits und dem Hamsterrad der Überlastung.

In den zehn Jahren seines Bestehens wurde das Projekt bereits mehrfach ausgezeichnet: mit dem AZ-Stern, dem Gesundheitspreis des AOK Bundesverbandes und dem Siegel für „Good Practice“ durch den Kooperationsverbund „Gesundheitliche Chancengleichheit“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Hohes Armutsrisiko

Allein in München leben rund 600 minderjährige Kinder mit Behinderung bei ihrer allein erziehenden Mutter. Wobei die Betreuung und Pflege meist auch im Erwachsenenalter weiter geht. Für den Familienunterhalt sind nach Berechnungen der Bertelsmann Stiftung 37,6 Prozent der Alleinerziehenden auf Hartz IV angewiesen. Das Armutsrisiko ist seit 2005 um 6,6 Prozent gestiegen. Da Behinderung generell ein zusätzliches Armutsrisiko bedeutet, dürften die Zahlen für alleinerziehende Frauen mit Kind mit Behinderung bei mindestens 50 Prozent liegen, so die Schätzungen von allfabeta.

Am Mittwoch (18. Oktober 2017) feiert allfabeta in München mit einem Festakt sein zehnjähriges Jubiläum. Grußworte spricht unter anderem Verena Bentele, Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen.

Adresse: allfabeta c/o siaf e.V., Sedanstr. 37, 81667 München, Tel. 089/458025–0, Fax 089/458025–13, Webseite: http://www.allfa-m.de/allfa_beta.htm

„Ich habe unheimlich große Angst vor Ablehnung“

Interview mit der allein erziehenden Beate Lessing über ihren Alltag als Löwin und ihre 11-jährige schwerbehinderte Tochter.

Beate Lessing ist Grundschullehrerin und arbeitet Vollzeit – ansonsten lebt sie sehr isoliert mit ihrem 11-jährigen Kind Sofia (alle Namen von der Redaktion geändert). Die Tochter hat ein fröhliches Gemüt, aber ist stark entwicklungsverzögert und auf dem Stand einer Vierjährigen. Ihre Diagnose ist bis heute unklar. Tags ist Sofia in „Dauer-Action“, nachts wacht sie oft auf. Ihre Mutter ist neben ihrer Arbeit rund um die Uhr für sie da. Zeit für sich selbst hat sie eigentlich nie. Wir haben bei Beate Lessing nachgefragt, wie ihr Alltag aussieht.

Wie schaffen Sie das, Vollzeit arbeiten und alleine ihre Tochter erziehen, die Tag und Nacht Aufmerksamkeit braucht?

Ich bin jede Woche froh, wenn das Wochenende kommt, damit ich entspannen und ein bisschen länger schlafen kann. Und ich hangle mich immer durch bis wieder Ferien sind, denn dann kann ich mich um all das kümmern, was liegen geblieben ist. Zeit für mich habe ich eigentlich nie.

Bei uns hat jeder Tag eine klare Struktur: Um Viertel vor sechs stehe ich auf, mache erst mich, dann Sofia fertig. Um halb sieben kommt eine Betreuerin, die auf Sofia eine Stunde aufpasst, bis sie um halb acht vom Bus abgeholt wird. Ich selbst muss auch kurz vor halb acht, vor Unterrichtsbeginn, in der Schule sein. Deswegen musste ich jemanden suchen, der morgens um diese Zeit für eine Stunde zu uns kommt. Das war nicht einfach.

„Ich muss ständig aufpassen“

Eine andere Lösung gab es nicht?

Nein. Und jemanden zu finden war ein hartes Stück Arbeit! Unzählige Annoncen und niemand hat sich gemeldet, es war horrormässig. Ich denke so um die hundert Euro habe ich dafür ausgegeben, und es hat erst nach mehreren vergeblichen Versuchen geklappt. Jetzt habe ich eine sehr nette und kompetente Frau gefunden, die morgens für eine Stunde zu uns nach Hause kommt. Zuvor war Sofia bei einer Nachbarin. Aber das ist auf Dauer nicht gut gegangen, weil Sofia diese Kurzbesuche nicht gut verkraftet hat. Gerade wenn sie anfing zu spielen, wurde sie rausgerissen. Das war für sie eine äußerst stressige Situation.

Sofia ist in der Förderschule und anschließend in der Tagesstätte. Wie geht Ihr Tag dann weiter?

Nach sechs Unterrichtsstunden, Vor- und Nachbereitung des Unterrichts, Korrekturarbeiten und Besprechungen bin ich um Vier gleichzeitig mit Sofia zuhause. Dann mache ich meine Hausarbeit, wir gehen zusammen
einkaufen oder spielen. Sofia ist motorisch sehr unruhig, wie ein Stehaufmännchen, ständig in Action. Ich habe extra eine Wohnung im Erdgeschoß mit Garten gesucht, damit sie sich draußen austoben kann und ich nicht Angst haben muss, dass sie aus dem Fenster fällt. Ich muss ständig aufpassen, denn sie kann Gefahren, zum Beispiel im Straßenverkehr, nicht einschätzen. Man sieht ihr die Behinderung auch nicht an. Und mit ihrem fröhlichen offenen Wesen geht sie einfach auf alle Leute zu, lacht und sagt „Hallo“ und würde wahrscheinlich auch mitgehen.

Wie selbstständig ist sie?

Entwicklungsmäßig ist sie auf dem Stand einer Vierjährigen. Aber immerhin ist sie seit einem halben Jahr sauber. Doch mit der sprachlichen Kommunikation ist es schwierig. Sie redet nur Silben und einzelne Wörter und man muss sie gut kennen, um sie zu verstehen. Außerdem hat sie epileptische Anfälle. Woher das alles kommt, eine klare Diagnose, haben wir bis heute nicht, trotz einer Odyssee durch mehrere Spezialeinrichtungen in Heidelberg, Tübingen, Kassel und München.

„Ich habe es probiert und musste abbrechen“

Und wie sind Ihre Nächte?

Anstrengend. Sofia schläft nie durch. Was die epileptischen Anfälle angeht, ist sie zwar nun mit Medikamenten gut eingestellt, aber sie schläft nachts sehr unruhig und wacht mehrfach auf. Das ist auch der Grund, warum sie bis heute neben mir im Ehebett schläft.

Geht das nicht anders?

Als sie zehn wurde, habe ich es probiert. Aber in dem Moment, wo sie in ihrem eigenen Zimmer aufwachte, fing sie an zu spielen, und ich musste jedes Mal aufstehen, sie wieder ins Bett bringen, warten, bis sie eingeschlafen ist und dann meinen eigenen Adrenalinpegel wieder runterfahren und selbst erst wieder Ruhe finden. Das hat dann dazu geführt, dass ich noch weniger Schlaf hatte und Herzrhythmusstörungen bekam. Nach drei Wochen musste ich das „Probieren“ auf ärztlichen Rat hin abbrechen. Ich stand kurz vor meiner Verbeamtung auf Lebenszeit und da konnte ich mir dieses Schlafdefizit nicht leisten. Wenn Sofia neben mir im Bett schläft und aufwacht, reicht es oft, dass ich ihr die Hand hinstrecke oder ein paar beruhigende Worte sage und sie schläft weiter. Dann fällt es auch mir leichter, wieder einzuschlafen.

Wie ist der Kontakt zu Sofias Vater?

Er – oder eigentlich seine Eltern – nehmen Sofia in den Ferien zu sich und sie sind sehr lieb zu Sofia. Darüber bin ich wirklich froh, denn dann habe ich sozusagen frei und kann wieder zu Kräften kommen.

Wie lebt er?

Mein Ex-Mann lebt zusammen mit seiner jetzigen Lebensgefährtin und der gemeinsamen Tochter. Und er hat mich sozusagen wegen der neuen Freundin verlassen, als Sofia knapp drei Jahre alt war. Wir hatten damals schon mehrere Jahre zusammengewohnt.

Wenn die Eltern kommen…

Hat Sofias Behinderung dabei eine Rolle gespielt?

Ich weiß es nicht! Unsere Beziehung war so, dass ich eigentlich von Anfang an alleine war. Er ist Rechtsanwalt und hat schon immer viel gearbeitet. Von daher… Ich weiß es einfach nicht! Bis vor drei Jahren hat er mir Unterhalt bezahlt, und dann sagte er plötzlich, er kann nicht mehr. Seitdem ist es finanziell äußerst knapp. Zumal ich unsere Wohnung hier abbezahlen muss. Wenn mich meine Eltern nicht unterstützen würden, ginge das überhaupt nicht. Das bedeutet, finanziell komme ich im Moment gerade so hin, aber ich kann mir absolut nichts leisten, keinen Urlaub, keine Betreuung für Sofia, zum Beispiel am Wochenende, nichts.

Und Ihre eigene Familie, Freunde oder Freundinnen – bekommen Sie da auch mal Unterstützung hier in ihrem Alltag?

Meine Eltern leben mehrere hundert Kilometer entfernt. Sie hatten von Anfang an ein großes Problem mit Sofia und da ist auch heute noch wenig Einfühlung und Verständnis für meine Situation da. Mein Bruder mit seinen drei Kindern wird als „junge Familie“ bezeichnet und bei mir ist eben „alles schwierig“: Kein Mann da, geschieden und ein schwieriges Kind. Über die finanzielle Hilfe bin ich natürlich froh und dankbar. Doch gleichzeitig muss ich immer den Kopf darüber schütteln, wenn sie vollkommen unpassende Geschenke machen, einen Computer oder einen Fotoapparat für Kinder – Dinge, mit denen Sofia nichts anfangen kann.

Wie sieht es mit Freundinnen aus, die helfen könnten?

Ich lebe relativ isoliert. Eine Freundin aus meiner Heimatstadt wohnt auch hier. Sie ist eigentlich die Einzige, zu der ich engeren Kontakt habe. Wir telefonieren öfters, und in den Ferien gehen wir dann mal zusammen ins Kino. Aber ansonsten haben sich die Freundschaften im Laufe der Jahre sehr aussortiert.

„Mein Selbstbewusstein ist völlig im Keller“

Und neue Leute kennen lernen, wie sieht es damit aus?

Das ist ein schwieriges Thema für mich. Wo und wie soll ich Leute kennen lernen? Auf dem Spielplatz vielleicht? Das ist sehr schwer. Mit den Kolleginnen und Kollegen gehe ich ab und zu mal essen… Und über eine Internetplattform habe ich jetzt eine andere Mutter kennen gelernt. Seit kurzem treffen wir uns alle paar Wochen, weil unsere Kinder auch gut miteinander spielen können. Das ist ja ebenfalls wichtig. Aber was einen neuen Partner anbelangt, da ist mein Selbstbewusstsein vollkommen im Keller.

Wie kommt das?

Ich habe unheimlich große Angst vor Ablehnung.

Weswegen?

Wegen Sofias Behinderung. Ich zensiere mich da selber und frage mich dann immer gleich: Könnte das ein neuer Partner akzeptieren? Gleichzeitig möchte ich nicht alleine leben und hätte gerne einen Partner. Aber diese Ängste halten mich dann wieder davor ab. Das ist psychisch für mich ein großes Problem.

Sie wünschen sich einen Partner an ihrer Seite, haben Sehnsucht…?

Ja! Wissen Sie, was dieses „Alleine-Sein“ bedeutet? Ich bin mit der ganzen Problematik alleine. Bin überfordert. An wen soll ich mich wenden, wenn ich Hilfe brauche? Ich muss alle Entscheidungen alleine treffen. Braucht sie ein EEG oder nicht? Sollen wir eine Mutter-Kind-Kur machen oder nicht? Brauche ich selbst vielleicht Therapie oder ist das alles noch normal?

Ich bin mit der gesamten Situation alleine. Schon seit längerem bin ich mit Sofias Schule unzufrieden, aber was soll ich tun? Ist das normal, dass die Kinder jedes Jahr in einer anderen Klassenzusammensetzung mit einer anderen Lehrerin sind und in einer Förderschule (!) eine Grundschullehrerin unterrichtet, die die gleiche Ausbildung hat wie ich? Wie finde ich eine bessere Schule? Vor kurzem habe ich erfahren, dass Sofia wegen ihrer Anfälle eigentlich als körperbehindert gilt. Braucht sie vielleicht eine ganz andere Art von Förderung? Wer macht mich zur Expertin für mein Kind?

„Das zieht mir gerade wieder den Boden unter den Füßen weg“

Gab es Situationen, die Sie als besonders demütigend empfanden?

Ja, soeben erst wurde mir an meiner Arbeitsstelle mitgeteilt, dass ich auch wegen meiner Tochter die Schule zum Sommer verlassen soll. Das zieht mir gerade mal wieder den Boden unter den Füßen wegzieht. Obwohl ich dadurch nicht arbeitslos werde – aber es bedeutet für mich mal wieder eine Umstellung auf eine neue Situation. Wo ich mich so nach Kontinuität und äußerer und innerer Ruhe sehne.

Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft?

Fünf bis sechs Wochenstunden weniger arbeiten. Und am meisten wünsche ich mir einen Partner, der mich und die Situation mit trägt. Eine Person, die mir Kraft gibt und eine Bereicherung ist. Für Sofia wünsche ich mir, dass sie sich weiter so positiv entwickelt und es vorwärts geht.

Vielen Dank für das Interview.

(RP/PM)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

KOMMENTAR SCHREIBEN