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LogOut nach LogIn: „EinAugenschmaus“ legt Twitter-Pause ein

Die gehörlose Netzaktivistin Julia Probst wurde nach einem Fernsehauftritt beschimpft. Hat sie das verdient?

Julia Probst bei einem Interview (Foto: Hannibal/dpa)

Wer in der Öffentlichkeit steht, muss mit hartem Gegenwind rechnen – selbst wenn er am Anfang der Liebling aller ist. Und dann kann es leider ziemlich einsam werden. Vor einigen Wochen schrieb ROLLINGPLANET deshalb: „Was fast nie geschrieben wird: dass die ziemlich selbstbewusste Probst nicht nur Fans hat, sondern in der Szene der gehörlosen Menschen auch Kritiker – das passt nicht so recht ins Heldinnenbild. Hoffentlich fährt Julia Probst nie den Fahrstuhl runter, mit dem sie hochgefahren ist“.

Schneller als befürchtet hat Julia Probst nun „die andere Seite der Medaille“ kennengelernt. In ihrem Blog erklärt sie: „Ich habe beschlossen, dass ich mich sehr wahrscheinlich zurückziehe von allem, was mir wichtig ist. Sollen doch andere den Scheiß selber machen – genau die Menschen, die über mich lästern und falsche Gerüchte in die Welt setzen, aber selbst nichts produktives in die Welt umsetzen können, sondern sich laut über meinen Sturz freuen und jeden Fehler von mir bejubeln.“

22.000 User folgen Julia Probst

Auslöser für diesen Frust: Julia Probst, eine der bekanntesten Persönlichkeiten der Internet-Szene in Deutschland, wurde nach einem TV-Auftritt heftig beschimpft. Die gehörlose Lippenleserin und Bundestagskandidatin der Piraten teilte mit, dass sie bis zum Jahreswechsel bei Twitter einen „Urlaub“ einlege. Dort ist sie mit ihrem Netznamen „einAugenschmaus“ unterwegs. Heute meldete sie sich noch einmal kurz zurück, um besorgten „Followern“ bei Twitter zu sagen, dass es ihr gut gehe. „Ich nehme mir aber eine Auszeit und schaue dann, wie es weitergeht.“ Ihren Twitter-Nachrichten folgen mehr als 22.000 Menschen.

Nach einem Auftritt in der ZDF-Sendung „log in“ war die 31-Jährige in der vergangenen Woche von mehreren Internet-Nutzern beleidigt worden. Einige forderten, sie solle sich auf die Gebärdensprache beschränken oder ihre Aussagen vorlesen lassen. „Die wollen mir vorschreiben, wie ich aufzutreten habe“, sagte Probst bei einem Besuch in Berlin der Nachrichtenagentur dpa. „Meine Stimme ist nicht perfekt – aber sie ist eben meine Stimme.“

Einer der ärgsten Kritiker von Probst, der Blogger Hewritesilent, schrieb: „Habe gestern mir ZDFInfo ,log in‘ angeschaut und war vollkommen überrascht: Mehr als einige Minuten Auftritt und fast 1 Stunden zusätzlich zum Ablachen!“ Das war noch relativ harmlos gegenüber diesem tweet: „ „Pass mal auf, @EinAugenschmaus wusste vielleicht bis gestern gar nicht, wie blöd sie wirkt, wenn sie ihre Laute von sich gibt“, schrieb User [email protected] Und weiter: „Wenn @EinAugenschmaus klug ist, stellt sie es ab, wenn nicht, muss sie damit leben, dass Leute drüber lachen!“

Probst erwog sogar politischen Rückzug

Bekannt wurde Probst während der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika, als sie den deutschen Fußballern während der Spiele von den Lippen ablas und ihre Aussagen twitterte. Seit rund fünf Monaten setzt sie sich bei der Piratenpartei für Barrierefreiheit und Inklusion ein – das Konzept der Inklusion tritt als Gegenmodell zur Integration dafür ein, Vielfalt und Unterschiedlichkeit von Menschen von vornherein als positive Werte zu akzeptieren. Auf der Landesliste der Piraten in Baden-Württemberg steht Probst auf Listenplatz drei. Käme sie in den Bundestag, wäre sie die erste gehörlose Bundestagsabgeordnete.

Nach den Beleidigungen habe sie zunächst auch mit dem Gedanken gespielt, sich auch von der Landesliste streichen zu lassen, sagte Probst. Die Piratenpartei stellte sich hinter ihre Kandidatin. „Es empört uns zutiefst, dass ein Mensch, der seine Stimme frei und selbstbewusst erhebt, für diese Tatsache von anderen Menschen kritisiert wird“, hieß es in einer gemeinsamen Mitteilung der Bundespiraten mit dem Landesverband Baden-Württemberg. Auf Twitter lösten die Vorfälle eine Welle der Sympathie- und Solidaritätsbekundungen aus.

„Ich hoffe sehr, dass @EinAugenschmaus nicht nur auf Twitter, sondern auch als Politikerin wieder auftaucht. Wir brauchen sie!“, twittert die bekannte Piratin Anke Domscheit-Berg.

ROLLINGPLANET meint: Kritik ist okay, Menschenverachtung, wie sie Probst-Hasser zeigen, nicht. Wir schicken Grüße an Julia Probst: Kopf hoch!

(dpa/RP)


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