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Los geht’s – Rezensionen über Autismusbücher

Ein neuer Blog! Was wird Sie hier erwarten?

Etwa einmal pro Woche werde ich eine neue Rezension über ein mir wichtiges Buch hier einstellen. „Wichtiges Buch“ heißt für mich seit vielen Monaten: Ein Buch über Autismus.

Warum das gerade so wichtige Bücher für mich sind? Das verrate ich erst bei der zweiten Rezension, weil die Geschichte gut zu dem Buch dann passt.

Manchmal stelle ich auch Bücher vor, die ich vielleicht nicht so wichtig finde – oder die ich nicht empfehlen würde. Aber ich bin ein sehr positiv eingestellter Mensch und weiß was für Arbeit hinter einem Buch steckt – auch hinter einem Schlechten – und behandle die Autoren mit Respekt. Sie werden hier also eher keine brutalen Verrisse lesen können.

Mein Plan: Natürlich gibt es hier ordentliche Rezensionen, in der sich auch das ein oder andere Fachwort findet. Ich werde die Bücher aber alle ziemlich launisch einführen, vielleicht mal eine Geschichte drum herum erzählen (wie heute gleich) oder auch andere Aspekte passend zum Buch aufgreifen (vielleicht mal einen Film oder ein Podcast oder ähnliches).

Wenn sich jemand die Rezension eines bestimmten Buches wünscht: Immer gern Bescheid geben.

Und wenn der Blog hier von Autoren gelesen wird: Schickt mir Eure Bücher, ich stelle sie dann gern hier vor. Es gibt zahlreiche interessante Bücher von Betroffenen und ich als nicht Betroffener (in Fachkreisen NT´ler genannt = Neurotypischer) finde, dass diese Bücher immer noch die Interessantesten sind. Interessanter häufig als Fachbücher. Besonderes beeindruckend und lesenswert sind dann Bücher von Betroffenen, die einen wissenschaftlichen Hintergrund haben und auf einer Refexionsebene schreiben, dass man einfach nur vor Ehrfurcht den Hut ziehen kann.

Falls sich zukünftige Autoren auch trauen möchten: So lange es im eBook-Bereich bleibt, verlege ich auch Bücher und kann bei der Veröffentlichung helfen.

Und – das letzte „und“ am Satzanfang – falls Sie auch schon mal Bücher über Autismus rezensiert haben oder möchten: Die veröffentliche ich hier auch mit Namensnennung.

Lange Vorrede – jetzt geht es los. Heute stelle ich folgendes Buch vor:

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Dr. Peter Schmidt

Der Junge vom Saturn: Wie ein autistisches Kind die Welt sieht

Verlag: Patmos

Preis für das Buch: 19,99 €

Preis für das eBook: 15,99 €

Dieses Buch ist nicht das Erste von Peter Schmidt, aber das aktuellste. Sein Erstlingswerk stelle ich hier später vor (übrigen das erste Buch über/ von einem Autisten, das es in die Spiegel-Bestsellerliste geschafft hat).

Peter Schmidt habe ich auf einer Lesung in Braunschweig erlebt und man muss schon sagen: Der Mann hat Unterhaltungswert. Falls er bei Ihnen in der Nähe auftritt: Gehen Sie einfach hin – es lohnt sich in jedem Fall.

Für mich war die Diskussion mit dem Publikum (große Veranstaltung, sicherlich 300 Teilnehmende oder mehr) besonders spannend. Und da stellte jemand die Frage: „Sagen Sie mal Herr Schmidt. Autisten haben doch Angst vor Gruppen, können sich sozial nur schwer anpassen: Warum können Sie hier vor so vielen Menschen so unbekümmert sprechen? Sind Sie wirklich Autist?“

Seine Antwort habe ich mir als Widmung in mein Buch schreiben lassen: „Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, aber für mich sind sie alle nur bunte Pfosten!“

Ich war froh, dass er nicht „Vollpfosten“ gesagt hat.

Die Rezension:

Ein tatsächlich einzigartiges Buch, nicht nur für Menschen, die sich mit Autismus beschäftigen. Peter Schmidt, der von sich in der Ich-Form berichtet, weiß nicht, das er Autismus hat. Es weiß nur, dass er anders ist als andere Kinder, er leidet darunter und fragt sich, warum die anderen so komisch sind.

Wissenschaftler haben bei einigen Autisten festgestellt, dass ihr Gehirn wie eine Festplatte funktioniert. Eine Festplatte, die nicht gelöscht wird. So kann Peter Schmidt sogar seine Geburt beschreiben. Die Erinnerungen an seine Kindheit sind sehr detailliert und hervorragend aus der Sicht eines Kindes geschrieben. Dabei bedient sich Herr Schmidt verschiedener Schreibstile. Besonders zu Beginn mit vielen selbst erfundenen Worten, die aber alle sehr verständlich bleiben.
Menschen, die sich mit Autismus ein wenig auskennen, erkennen schnell, dass Herr Schmidt das klassische Leben als Asperger-Autist beschreibt.
So schlimm es für das Kind auch gewesen ist: die Missverständnisse, die sich aus dem (Miss-)Verständnis von Sprache ergeben, sind für Nicht-Autisten durchaus lustig zu lesen. Da spricht der Onkel von vielen Buchstaben im Alfabeet. Dabei kennt der kleine Peter doch nur Beete mit Erdbeeren oder Erbsen. Und jeden Abend gibt es „Armbrot“, weil die Familie so arm ist. Während die anderen Kinder Taschengeld haben, er aber nichts in seiner Tasche findet, muss er das Geld aus dem Portmonee seiner Mutter nehmen (die dafür mit einer Heimeinweisung droht!). Dass er sehnsuchtsvoll an den Bahngleisen steht und auf den Rosenmontagszug wartet, ist dann nur folgerichtig. Aber als die älteren Schüler sich dann von ihm „eine Scheibe abschneiden sollen“, bekommt er es doch mit der Angst zu tun.

Das Wort „Autismus“ wird erst auf der viertletzten Seite das erste Mal verwendet! Während z. B. Liane H. Willey in ihrem Buch „Ich bin Autistin aber ich zeige es nicht“ im Rückblick mit der Aspergerdiagnose ihr Leben reflektiert, beschreibt Peter Schmidt sein Leben ohne Erläuterungen oder fachliche Erklärungsversuche. Denn er hat zu diesem Zeitpunkt keine Idee, warum er sich so fremd fühlt. Das macht dieses Buch so besonders: die vielen Missverständnisse in der Schule und in der Familie schmerzen dem Leser umso mehr, weil er schon den Hintergrund kennt.

Der kleine Peter hat das Gefühl, dass er von einem anderen Planeten kommt. Auch Temple Grandin, die bekannteste Autistin überhaupt und mit ihrem Buch „Durch die gläserne Tür“ die Verfasserin des ersten Berichtes einer Autistin über ihre innere Autisten-Welt, fühlte sich wie eine „Anthropologin auf dem Mars“.

Besonders in der Schule, als Jugendlicher, muss Peter extremes Mobbing aushalten. Er selbst benutzt diesen Begriff nicht, die anderen Kinder sind eben „gemein“ zu ihm, wenn sie für sein Verschwinden aus der Klasse sammeln.
Wie Temple Grandin erinnert sich auch Peter Schmidt gern an den Lehrer, der ihn sehr früh gefördert hat. So erzeugt das Finale des Buches echte Gänsehaut…

Das Buch wird zurecht ganz sicher die Bestsellerlisten nach oben klettern und mit dazu beitragen, dass viele Menschen Informationen über Autismus erhalten. Nur eine allgemeine Kenntnis in der Öffentlichkeit führt dazu, dass Menschen wie Peter Schmidt nicht erst mit 41 Jahren ihre Diagnose erhalten. Denn die ist dann eine echte Offenbarung.

Wenn Sie dieses Buch kaufen möchten: Bitte machen Sie das über den Amazon-Shop von RollingPlanet: Damit unterstützen Sie das Onlineangebot. Den Rest Ihrer Weihnachtsgeschenke sollten Sie bei der Gelegenheit auch gleich einkaufen 😉

 

Bis zur nächsten Woche.

Michael Schmitz von

www.autismus-buecher.de

Dem Autor auf Twitter folgen: @autismusbuecher


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