Lothar Späth (†): Die legendäre Sache mit dem E-Rollstuhl

Ein Gastbeitrag von Gerlinde Sommer („Thüringische Landeszeitung“, TLZ) zum Tode eines Vordenkers.

Lothar Späth (* 16. November 1937 in Sigmaringen; † 18. März 2016 bei Stuttgart) (Foto: Wikipedia/Felix König, CC BY 3.0)

Lothar Späth (* 16. November 1937 in Sigmaringen; † 18. März 2016 bei Stuttgart) (Foto: Wikipedia/Felix König, CC BY 3.0)

In Vorbereitung der TLZ-Serie „Aufbruch und Neuanfang in Thüringen“ gab es vor mehr als einem Jahr ein letztes Telefonat mit Lothar Späth. Es war seine private Rufnummer und er nahm ab. Ja, TLZ. Er erinnerte sich, hörte sich an, um was es gehen sollte in einem Interview mit ihm und lehnte dann ab. Nein, das könne er nicht mehr. Er wollte aber nicht gleich auflegen und schilderte in bestürzender Deutlichkeit seinen gesundheitlichen Zustand, das Auf und Ab, das Schwinden der Erinnerung. So blieb am Ende nur, ihm alles Gute zu wünschen. Und es blieb eine Leerstelle in dem Buch. Denn neben Josef Duchac und Bernhard Vogel als Ministerpräsidenten des eben erst wiedergegründeten Thüringen war es Lothar Späth (ebenfalls CDU), der dieses Land nach 1989 maßgeblich prägte. Späth war nicht nur für weit mehr als das wirtschaftliche Gelingen von Jena zuständig. Er kümmerte sich um „Die Lage“ im Lande und darüber hinaus. Und „Die Lage“ hieß auch eine legendäre Interviewreihe der TLZ mit Späth, in der der Vordenker – immer fixer als die anderen – die Welt ordnete.

Späth hatte Großes vorgehabt in den End-Achtzigern: Er gehörte zu jenen, die glaubten, die Macht aus den Händen des Kanzlers und Parteichefs Helmut Kohl nehmen und Westdeutschland neu aufstellen zu müssen. Das misslang, der Mauerfall und die Wiedervereinigung machten Kohl für lange Jahre sattelfest. Späth hatte in Baden-Württemberg längst alles erreicht, Überdruss machte sich breit. Wenn jetzt viel die Rede davon ist, wie gut das Ländle dasteht, kommt keiner umhin, auf die Nachhaltigkeit des Wirkens von Lothar Späth hinzuweisen. Er stellte das Land früh modern auf, immer schon ein bisschen schwarz-grün, auch wenn davon in den 80ern offiziell noch keine Rede sein konnte. Späth hat seine zweite Karriere in Jena gemacht; mit Eifer sorgte er dafür, dass es voranging. Viele Jenaer wohnen heute auf Land, das damals Späth zu Baugrund machte. Und Jenoptik hat einen Weltruf.

Ist ihm also immer alles gelungen? Nein, sein Abgang als Ministerpräsident war so unrühmlich wie unnötig. Und in Jena? Da hat er sich bisweilen demütig gezeigt. Legendär sind zwei Geschichten: die vom Fahrstuhlführer, dem er gekündigt hatte, und er ihm das im Fahrstuhl gesagt hat. Da wurde ihm weich ums Herz, und er verstand, was es bedeutete, das alte Zeiss-Kombinat derart zu schrumpfen. Und es gibt diese Geschichte aus der Medizintechniksparte. Ein Produkt sollte ein elektrischer Rollstuhl sein. Ja, heute kennt das jeder. Aber damals war er zu früh dran. Die Herstellung war zu teuer, die Batterien zu schwach, das Gefährt ein Flop. Es wurde in eine Halle gestellt, schließlich stürzte eine Ziegelstein-Mauer auf den E-Rolli. Als er mir von diesem Scheitern erzählte, hat er herzhaft gelacht.

(TLZ)

Anm.d.Red.: Prof. Dr. h.c. Lothar Späth hat sich jahrzehntelang unter anderem für Multiple-Sklerose-Erkrankte engagiert. Seine Frau, Ursula Späth, wurde 1982 Schirmherrin des Landesverbandes der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft in Baden-Württemberg e.V., der AMSEL (Aktion Multiple Sklerose Erkrankter).

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