„Mama, ich find’s blöd, dass ich eine blinde Mutter habe!“

Interview (Teil 2 und Schluss) mit Silja Korn, die ihrem sehenden Sohn die Welt erklärt – und sich manchmal eine andere Gesellschaft wünscht. Von Max Kramer

Sie kann wirklich (fast) alles: Silja Korn am Steuer eines Autos (bei einem Erlebnisseminar für blinde Menschen). (Foto: Privat)

Sie kann wirklich (fast) alles: Silja Korn am Steuer eines Autos (bei einem Erlebnisseminar für blinde Menschen). (Foto: Privat)

Silja Korn erblindete mit 17 Jahren. Die heute 49-jährige ist Deutschlands erste blinde staatlich geprüfte Erzieherin und „trotz“ ihres Handicaps erfolgreich als Malerin und Fotografin tätig. Zudem hatte die Berlinerin die Idee für ein Kinderbuch, das im Frühjahr 2015 unter dem schönen Titel „Wie Mama mit der Nase sieht“ erschien. Es beschreibt aus der Perspektive des Kindes, was es bedeutet, eine blinde Mutter zu haben – Herausforderungen, Schwierigkeiten, aber auch Alltagsfreuden inklusive.

Zweiter Teil unseres ROLLINGPLANET-Gesprächs über unerwünschtes Mitleid, erfülltes Leben ohne Augenlicht und die Freiheit, oberflächlich zu sein (hier geht es zum ersten Teil).

Interview: „Man muss viel erklären und miteinander reden“

Auch handwerklich begabt: Silja Korn. (Foto: Privat)

Auch handwerklich begabt: Silja Korn. (Foto: Privat)

Silja Korn beim Besuch eines Flohmarktes. (Foto: Privat)

Silja Korn beim Besuch eines Flohmarktes. (Foto: Privat)

Das Thema Behinderung wird von Betroffenen oft umgangen. Wie offen reden Sie mit ihrem Sohn darüber?

Sehr offen und direkt. Kinder sollten sich mit dieser Frage auseinandersetzen und das auch ihren Eltern sagen können, weil es für ihre Entwicklung wichtig ist. Ein Beispiel: Eines Abends kam mein Sohn zu mir und sagte: „Mama, ich find’s blöd, dass ich eine blinde Mutter habe!“ – „Warum?“ – „Meine Kindergartenfreunde können neben ihrer Mutter herumhüpfen und ich muss mit Dir immer Händchen halten, wenn wir zusammen unterwegs sind.“ – „Kann ich verstehen, aber das muss nun mal sein, weil ich will, dass du auf der Straße sicher unterwegs bist.“ Das leuchtete ihm ein, auch wenn er den Umstand an sich nach wie vor nicht gut fand. Später, als er etwas umsichtiger wurde, musste er zwar nicht mehr Hand in Hand mit mir gehen, sollte jedoch vermeiden, am Straßenrand zu gehen und „in Reichweite“ bleiben.

Wie kann man sich generell die Kommunikation zwischen einer blinden Mutter und ihrem Sohn vorstellen?

Man muss viel erklären und miteinander reden. Im Alltag helfen wir uns gegenseitig: Unterwegs erklärt er mir Szenerien, ergründet Geräusche, schildert Schaufenster und liest Supermarkt-Angebote vor, während er von meinem Erfahrungsschatz als erwachsene Frau profitieren kann. Generell verlassen wir uns gegenseitig aufeinander, auch wenn er erst einmal lernen musste, dass seine Mutter da etwas anders tickt. Wir sind aber definitiv ein eingespieltes Team.

Sicherlich wünschen Sie sich manchmal, dass die Gesellschaft ein authentischeres Bild von blinden und behinderten Menschen hätte…

…Ja, definitiv. Ich möchte, dass die Menschen sehen, dass wir ganz normale Menschen sind, dass wir auch unsere Bedürfnisse haben und dass wir viel können und viel erreichen können, auch wenn beziehungsweise gerade weil wir ein Handicap haben. Schließlich sind bei „uns“ gewisse Charakterzüge oder Talente oftmals ausgeprägter als bei Menschen ohne Handicap. Man muss also kein Mitleid haben. Mitgefühl ist in Ordnung, aber Mitleid kann ich überhaupt nicht leiden. Wenn Menschen mitfühlen, machen sie sich Gedanken und überlegen vielleicht auch, wie sie helfen können. Mitleid bringt aber schlichtweg nichts.

Die Berlinerin Silja Korn mit einem Tastmodell von Ulm. (Foto: Privat)

Die Berlinerin Silja Korn mit einem Tastmodell von Ulm. (Foto: Privat)

Dann haben Sie sich Ihr Hobby, die Malerei, bewusst ausgewählt? Schließlich dürfte Sie Mitleid kaum begleiten, wenn Sie fernab von menschlichen Nebengeräuschen ans Werk gehen…

Das stimmt, dieser Aspekt ist mir noch gar nicht aufgefallen! (lacht) Aber, und das ist viel wichtiger: Durch die Malerei kann ich mir einen anderen Traum erfüllen, nämlich taubblinde Menschen zu unterstützen. Als ich blind wurde, wollte ich die Blindenschrift zunächst gar nicht lernen und weigerte mich da wirklich, weil es für mich unheimlich schwer war, die Punkte zu fühlen und dann noch Voll- und Kurzschrift zu unterscheiden. Ich fühlte mich überfordert.

Dann hörte ich von Helen Keller, die taubblind war und mich sehr interessierte. Ich wollte mehr über sie erfahren, musste dafür aber die Blindenschrift lernen, weil es Hörbücher oder Ähnliches von Helen Keller noch nicht gab. Ich lernte die Schrift also schneller und sagte mir dann: Falls ich jemals die Möglichkeit haben sollte, taubblinde Menschen zu unterstützen, dann möchte ich das gerne tun. Damals erinnerte ich mich daran, dass ich früher gerne gemalt hatte und griff schließlich wieder regelmäßig zum Pinsel.

Immer, wenn ich ein Bild oder manchmal auch selbst gestrickte Schals verkaufte, nahm ich Geld vom Erlös und spendete es an das Oberlinhaus (Kompetenzzentrum für ganzheitliche Rehabilitation, Bildung und Gesundheit in Potsdam). Ich finde es sehr wichtig, diesen Menschen zu helfen, weil sie es noch schwerer haben als „nur“ blinde oder taube Menschen und deshalb mehr Unterstützung brauchen.

Vielen Dank für das Interview.

Wie Mama mit der Nase sieht

Silja Korns Buch „Wie Mama mit der Nase sieht“ ist im Stachelbart-Verlag erschienen, kostet 11,90 Euro und wird für Kinder ab vier Jahren empfohlen.
ISBN: 978-3-945 648 018

Es umfasst 32 Seiten und zahlreiche liebevoll gestaltete Illustrationen.

Weitere Informationen zur Autorin gibt es unter www.siljakorn.de

(RP)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

KOMMENTAR SCHREIBEN