""

Mangelnde Hilfe: Taubblinde in Deutschland leben wie in Isolationshaft

Am Freitag demonstrieren in Berlin Betroffene für mehr Unterstützung. Von Anja Sokolow

Franz Kupka, Leiter der Taubblinden-Regionalgruppe Oberbayern und selbst taubblind, kommuniziert mit Taubblinden-Assistentin Gaby Rausch, die sich dabei des "Lormens" bedient. Beim Lormen werden dem Taubblinden Buchstaben auf die Handfläche "geschrieben". Dabei sind einzelnen Fingern sowie bestimmten Handpartien bestimmte Buchstaben zugeordnet. Foto: Andreas Gebert dpa)

Franz Kupka, Leiter der Taubblinden-Regionalgruppe Oberbayern und selbst taubblind, kommuniziert mit Taubblinden-Assistentin Gaby Rausch, die sich dabei des „Lormens“ bedient. Beim Lormen werden dem Taubblinden Buchstaben auf die Handfläche „geschrieben“. Dabei sind einzelnen Fingern sowie bestimmten Handpartien bestimmte Buchstaben zugeordnet. Foto: Andreas Gebert dpa)

Mit symbolischen Eisenkugeln an den Beinen wollen am Freitag (4. Oktober 2013, Start um 12 Uhr am Platz der Republik vor dem Bundestag) mehrere Hundert Taubblinde durch Berlin ziehen und auf ihre Situation aufmerksam machen. Die Veranstalter erwarten zu der weltweit ersten Taubblinden-Demo etwa 500 Teilnehmer, teilte der Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Taubblinden (BAT), Dieter Zelle, mit.

Die Eisenkugeln sollen deutlich machen, dass sich Taubblindheit anfühlt wie Isolationshaft, wenn Unterstützung fehle. Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland 2500 bis 6000 Taubblinde, die aus ihrer Sicht nicht angemessen mit Hilfsmitteln oder Assistenzleistungen versorgt werden.

Hilfsmittel und Trainingsmaßnahmen oft abgelehnt

„Wenn man taubblind ist, dann muss man ganz andere Strategien entwickeln, um ein Hemd zu bügeln, einen Tee zu kochen, Geld zu zählen oder ein Glas einzugießen“, sagt Irmgard Reichstein, Gründerin der Stiftung „Taubblind leben“.

Kommunikationstrainings, spezifische Hilfsmittel, Trainings praktischer Fähigkeiten oder Assistenzen würden aber oft nicht genehmigt oder hartnäckig abgelehnt, kritisiert sie. Oft helfe nur eine Klage.

Kennzeichen „Tbl“ gefordert

Aufruf zur Demo

Aufruf zur Demo

Seit mehreren Jahren fordern Organisationen daher das Kennzeichen „Tbl“ für die Schwerbehindertenausweise. „Solche Merkzeichen dienen dem Nachweis, dass man das Recht auf bestimmte Nachteilsausgleiche oder Sozialleistungen hat“, erklärt der Sprecher des Blinden- und Sehbehindertenverbandes, Volker Lenk.

Aber auch für die Kleidung sei ein Erkennungszeichen wichtig, ergänzt Dieter Zelle. Das würde aus seiner Sicht zu weniger Irritationen fremder Menschen auf der Straße führen.

Wie Taubblinde kommunizieren

Nur mit Schwierigkeiten können Taubblinde mit anderen Menschen kommunizieren. Viele sind gehörlos geboren und um Laufe ihres Lebens erblindet. Daher beherrschen sie oft die Gebärdensprache.

Um andere Menschen zu verstehen, müssen sie ihre auf die Hände des Anderen legen und die Gebärden ertasten. Eine andere Möglichkeit ist das Lormen, bei dem der Gesprächspartner das Alphabet in die Hand des Taubblinden „schreibt“.

Arztbesuche oder Einkaufen – für viele Taubblinde sind diese Dinge ohne Hilfe unmöglich. „Einen großen Teil fangen die Familien auf“, sagt die Vorsitzende des Taubblinden-Assistentenverbandes, Stephanie Hauke. Ausgebildete Assistenten seien in Deutschland selten, der Verband habe etwa 80 Mitglieder. Die meisten arbeiten laut Hauke ehrenamtlich oder für eine geringe Aufwandsentschädigung.

Worauf warten eigentlich die Bundesländer?

Nordrhein-Westfalen sei immerhin das erste Bundesland, in dem Krankenkassen für alle Kassenleistungen einen Assistenten genehmigen. Mit Bayern liefen derzeit Verhandlungen. Auch Baden-Württemberg habe Interesse signalisiert. Eine bundesweit anerkannte Ausbildung für Assistenzen gebe es nicht, kritisiert Hauke. Nur in Nordrhein-Westfalen und Bayern liefen Modellprojekte.

Ein Grund dafür, dass es noch immer kein „Tbl“-Merkzeichen und keine Regelungen für Hilfsleistungen gibt, ist laut Bundessozialministerium die Haltung zahlreicher Bundesländer. Diese hätten sich gegen den Vorschlag ausgesprochen, zunächst die Merkzeichen einzuführen und dann Regelungen zu schaffen, teilte eine Sprecherin mit.

Viele Länder fordern demnach, beide Schritte gleichzeitig umzusetzen. Das Ministerium wolle nun neue Erkenntnisse einer Studie über die Bedürfnisse Taubblinder auswerten und dann mit den Ländern und Verbänden Gespräche aufnehmen.

(dpa)

Video

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

3 Kommentare

  • Thomas

    Das ist schlimm, auch Taubstumme Menschen werden kaum unterstütz.

    3. Oktober 2013 at 17:35
  • Andrea

    Bitte verwendet nicht das Wort „Taubstumme“.

    Es sind gehörlose Menschen, die durchaus eine Stimme haben, sowohl im physischen als auch übertragenen Sinne!

    Manche von ihnen sprechen so gut und lesen dem Gegenüber von den Lippen ab, dass man gar nicht merkt, dass sie gehörlos sind, wenn man sich mit ihnen unterhält.

    3. Oktober 2013 at 21:39
  • Mario

    Beim Stempel „TBL“ bringt dieses Merkzeichen keinerlei Verbesserung und Unterschied im Vergleich zur Kombination BL + GL+ H. Trotzdem ist es ingesamt betrachtet ein Skandal, warum die Taubblinde kaum Unterstützung von allen Seiten bekommen. Absolut menschenunwürdig und menschenverachtend.

    4. Oktober 2013 at 18:16

KOMMENTAR SCHREIBEN