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„Männer können sich nicht Sex mit Kondom bis zum Lebensende vorstellen“

Angelika Mincke war heroinsüchtig und ist seit einem Unfall querschnittgelähmt. Im Krankenhaus wurde festgestellt, dass sie HIV-positiv ist. Im zweiten Teil und Schluss unseres Interviews spricht sie über den privaten Umgang mit ihrem Handicap.

Angelika im Fotostudio

Angelika im Fotostudio

Hier geht es zum Teil 1 unseres Interviews: Behindert und HIV-positiv – aber sie ist der Boss: Angelika Mincke

Wenn Du einem Mann näher kommen willst – was ist für ihn oder Dich das größere Problem: Deine Behinderung oder Deine HIV-Erkrankung?

Ach, das ist fast ein wenig wie die Frage „Zählen die inneren Werte oder doch das Aussehen?“

Also, bei einen Kennenlernen steht natürlich das Aussehen im Vordergrund, bei mir ist es halt der Rollstuhl. Wenn man sich verschnackelt hat, und wir davon ausgehen, dass auch Rollstuhlfahrerinnen Sex haben können, kommt das HIV-Problem „Wie sage ich es dem Partner.“

Das ist dann wirklich ein Problem, weil hier Verlustängste eine große Rolle spielen. Mir ist in solchen Fällen erst mal tagelang kotzübel. Wenn schließlich der Zeitpunkt der Wahrheit gekommen ist, bin ich nur noch ein stotterndes Wesen. Aber auch in der Beziehung hatte ich immer sehr viel Glück, es ist mir keiner danach weg gelaufen.

Ein Partner hat mal gesagt, bis in alle Ewigkeit will er nicht mit mir zusammen bleiben, weil er sich Sex mit Kondom bis zum Lebensende nicht vorstellen kann. Wir hatten eine wunderbare Zeit. Als es zu Ende war, hat es geschmerzt. Jetzt bin ich verheiratet. so kann es kommen.

Seit wann bist Du verheiratet?

Als langjährige überzeugte Singelfrau hab ich erst sehr spät geheiratet, das war 2005. Mein Mann ist nicht behindert und das Tolle, er ist neun Jahre jünger als ich. So dürfte meine Pflegesituation in späteren Jahren gesichert sein (lacht).

Deiner Hündin Bertha ist es ziemlich egal, dass Du eine Querschnittlähmung und HIV hast. Was kann man sonst noch Gutes über sie sagen?

Bertha & Angelika

Bertha & Angelika

Ach, die dicke Bertha, ja, die ist schon eine Marke für sich. So groß wie sie ist, so ein großer Schisser ist sie auch. Ängstlich, dickköpfig – das hat sie von mir –, gemütlich ohne Ende – keine Ahnung, vom wem sie das hat, was mich in den Wahnsinn treibt. Sie ergänzt mein Leben, und das ist schön.

Bertha ist ein Leonberger, gemixt mit türkischen Hirtenhund-Kangal-Karabasch, also mulit kulti.

Dein wichtigster Tipp für Menschen, die sich in einer ähnlichen Lage wie Du befinden?

Zieht in die Stadt (lacht). Natürlich ein doofer Rat, oder doch nicht?

Für HIV-infizierte Menschen: Wenn Ihr selber nicht die Kraft habt, Euer Leben von Angst vor Isolierung geprägt ist, holt Euch Hilfe! Vertraut Euch einem guten Freund oder auch der Familie an. Schaut Euch in Eurer Gegend nach einer Gruppe um, nehmt einfach Unterstützung in Anspruch. Geht mit einer HIV-Infektion offensiv um – aber erst, wenn Ihr die Kraft dazu habt.

Für die Querschnittchen: Bewegt Euren Hintern, hört auf zu jammern. Nimm Deinen Rollstuhl und lebe, als hättest Du keinen.

Angelika, vielen Dank für dieses Interview.

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