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Marianela von Schuler Alarcón: Eine Zahnärztin mit Biss

Erstmalig in Deutschland werden in Hamburg hörbehinderte junge Frauen zu Zahnmedizinischen Fachangestellten ausgebildet. Zu verdanken ist dies einer ungewöhnlichen Frau aus Venezuela. Von Manfred Otto-Albrecht (Text und Fotos)

Dr. Marianela von Schuler Alarcón (links) im Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) Dentologicum in Hamburg

Dr. Marianela von Schuler Alarcón (links) im Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) Dentologicum in Hamburg

Der folgende Artikel wurde uns von der Fortbildungsakademie der Wirtschaft (FAW) in Hamburg zur Verfügung gestellt.

Erstmalig in Deutschland werden seit dem 1. August 2012 eine gehörlose und eine schwerhörige junge Frau zur Zahnmedizinischen Fachangestellten ausgebildet. Dieses beispielhafte Projekt der Inklusion wird von der Zahnärztin Marianela von Schuler Alarcón im Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) Dentologicum in Hamburg durchgeführt.

Als Frau von Schuler Alarcón vor einigen Jahren von Venezuela nach Deutschland kam erfuhr sie persönlich, wie ausgrenzend es ist, nicht in der „üblichen“ Sprache kommunizieren zu können. Diese Erfahrung sensibilisierte sie für die Kommunikation gehörloser Menschen, die sie in einer entsprechenden Situation erlebte. Und sie erlernte kurzerhand, als sei das selbstverständlich, neben Deutsch noch eine weitere Fremdsprache, die Gebärdensprache.

Auf YouTube nach Azubis gesucht

Mit Hörgerät und Gesten

Mit Hörgerät (ganz links) und Gesten

Seit 2011 bietet sie ihre zahnmedizinische Versorgung gezielt gehörlosen Menschen an. Diese haben damit endlich die Möglichkeit, mit „ihrem“ Zahnarzt zu sprechen, in einer häufig angstbesetzten Situation, in der die Unmöglichkeit, miteinander zu reden, ungleich belastender ist als im alltäglichen Leben.

Und als sei das nicht schon genug, entschied sich Marianela von Schuler Alarcón, nach Absprache mit den Gesellschaftern des MVZ, gehörlosen bzw. schwerhörigen jungen Menschen die Ausbildung zur Zahnmedizinischen Fachangestellten zu ermöglichen. Mit einem selbstgedrehten Clip wurde u.a. bei YouTube nach Auszubildenden gesucht.

Pionierarbeit ohne Erfahrungswerte

Als es dann losgehen sollte, wandte sich die Assistentin der Geschäftsführung im MVZ Dentologicum, Frau Janine Dunckelmann, an das Projekt BIHA (Bildungs- und Integrationsfachdienst Hamburg in der FAW gGmbH), das vom Hamburger Integrationsamt speziell für Unterstützung von Arbeitgebern bei der Teilhabe behinderter Menschen vorgehalten wird.

Der Unterstützungsbedarf war und ist groß, denn bei keinem der Betroffenen gab es Erfahrungen mit einem solchen Vorhaben, und gab es für BIHA viel zu tun:

Die Kolleginnen und Kollegen im MVZ mussten auf die neue Situation vorbereitet werden, eine Schulung zur Kommunikation wurde durchgeführt, eine „normale“ Berufsschule muss plötzlich inklusiv arbeiten und denken. Die Berufsschullehrer stehen vor einer großen Herausforderung, die Zahnärztekammer war und ist zu beteiligen, neue Gebärden sind zu entwickeln für Fachbegriffe, die es bislang in der Gebärdensprache nicht gibt.

Inklusion beim Zahnarzt: Gehörlose Auszubildende im  Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) Dentologicum in Hamburg

Inklusion beim Zahnarzt: Gehörlose Auszubildende im Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) Dentologicum in Hamburg

Für die Unterstützung am Arbeitsplatz wurde mit dem BUZ eine Einrichtung der Schulbehörde in Hamburg gewonnen, auch die soziale Integration in der Berufsschulklasse muss unterstützt werden und schließlich musste eine gute und reibungslose Zusammenarbeit aller Beteiligter organisiert werden.

An einem von BIHA organisierten Runden Tisch kamen viele der beteiligten Partner zusammen, die Berufsschullehrer wurden ins MVZ eingeladen und sind mit Engagement und großer Motivation dabei, sich so schnell und gut wie möglich auf die Situation einzustellen, Unterrichtseinheiten, Didaktik und Prüfungen müssen angepasst werden, die Mitarbeiter im MVZ wurden vom Gehörlosenverband informiert und fortgebildet, im Dezember gibt es noch ein Treffen mit der Zahnärztekammer und und und…..

Wer das Projekt unterstützt

Möglich wird dies alles, weil das Integrationsamt Hamburg sehr unbürokratisch, schnell und sehr umfänglich dieses besondere Projekt und den Arbeitgeber, der sich dafür engagiert, unterstützt.

Um mehr Unternehmen für die Ausbildung junger Menschen mit handicap zu gewinnen, stellte BIHA das Projekt im Hause Gruner + Jahr beim Hamburger Arbeitskreis der Ausbildungsleiter (AKAL) vor. Eingeladen hatte Doris Wenzel O`Connor (stellvertretende Geschäftsführerin im Bildungswerk der Wirtschaft Hamburg, einer Einrichtung von UVNord – Vereinigung der Unternehmensverbände in Hamburg und Schleswig-Holstein e.V.).

Rund 50 Ausbildungsleiter aus Hamburger Betrieben und Unternehmen hörten fasziniert dem spannenden und anregenden Vortrag von Frau Marianela von Schuler Alarcón und Dr. Dr. Tankred Stuckensen (Ärztlicher Leiter MVZ Dentologicum) zu – und werden viele Anregungen in die eigenen Unternehmen mitnehmen.

Mittlerweile sind die ersten Ausbildungswochen erfolgreich verlaufen, die ersten (und guten!) Noten sind geschrieben…und bei Interesse können Sie weitere Informationen bei uns erhalten.

Kontakt:

Manfred Otto-Albrecht
Fortbildungsakademie der Wirtschaft (FAW) gGmbH
BIHA – Bildungs- und Integrationsfachdienst Hamburg
Telefon: 0 40/63 64 62 – 71
Mail: manfred.otto-albrecht@faw.de

(RP)

Inklusion in Unternehmen
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