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Marias Weg

Maria Hengelman mit ihrem Buch "Christinas Weg"

Maria Hengelman mit ihrem Buch "Christinas Weg"

ROLLINGPLANET-Nutzerin Maria Hengelman ist blind, hat einen Roman geschrieben und ihn selbst verlegt. Das war ein schwieriges Unterfangen. Auf ROLLINGPLANET schildert sie die Mühen, die sie als behinderte Autorin erlebte.

Am 15. Mai 1962 bin ich, Maria Hengelman, geborene Schlag, in Ebersburg/Thalau am Fuße der hessischen Rhön zur Welt gekommen. Ich wurde ohne Augen geboren, trage also, seit ich denken kann, Glasaugen.

Von September 1968 bis Juni 1983 besuchte ich die Johann-Peter-Schäfer-Schule für Blinde in Friedberg, Hessen. Ich schloss sie mit der Ausbildung zur Steno- und Phonotypistin ab. Danach ging es an die Arbeitsuche, aber zunächst ohne Erfolg.

Die große Liebe – es ging ganz schnell

1984 lernte ich Bennie, einen Niederländer, auch hochgradig sehbehindert, über Korrespondenz kennen. Ein Jahr später zog ich zu ihm in die Niederlande, nach Enschede, das liegt an der deutschen Grenze, zirka sieben Kilometer von Gronau/Westfalen entfernt, und wir heirateten noch im selben Jahr. Im März 1986 bekamen wir eine Tochter und zwei Jahre später einen Sohn. Sie sind beide zum Glück nicht behindert.

Seit Ende September 2000 bin ich in der hiesigen Behindertenwerkstatt angestellt. Zuerst arbeitete ich ein Jahr in der Verpackung, und seit September 2001 war ich in der Montage beschäftigt. Ich montierte mit ungefähr 30 Kollegen Türschlösser. Aber unsere Abteilung wurde im April 2010 geschlossen, weil das Unternehmen, für das wir arbeiteten, in Tschechien und China Tochterfirmen hat, die unsere Arbeit übernommen haben. Seitdem bin ich arbeitslos. Man sucht jetzt für mich intern einen anderen Job.

Meine Hobbys: Ich korrespondiere gerne mit anderen, wandere mit meinem Führhund – es ist mittlerweile schon mein dritter –, fahre Tandem, aber vor allem schreibe ich und vergnüge mich ab und zu im Wellnessbereich.

Wie ich mit dem Schreiben begann

Maria wohnt in den Niederlanden an der deutschen Grenze

Schon als Kind habe ich ab und zu Gedichte verfasst. Diese Ader ist mir allerdings irgendwie abhanden gekommen. Romane schreiben liegt mir inzwischen mehr. Ich habe 1979 meinen ersten zu Ende gebracht, „Maren“, und ein Jahr später den nächsten, „Mit dem Kopf durch die Wand“, später geändert in: „Christinas Weg“.

Bis 1984 schrieb ich ein Tagebuch. Damit war es aber erst mal vorbei – als ich in diesem Jahr Bennie kennenlernte und nur noch Zeit für Haushalt, Familie und später meine Arbeit in der Werkstatt hatte.

Die Bücher, es waren damals Ordner, verschwanden im Keller im hintersten Eck. Nach Jahren entdeckten wir sie schließlich beim Aufräumen wieder. Mein Mann fand es schade, dass ich diese Ordner einfach so zum Altpapier sortieren wollte.

„Die Tagebücher sind nix!“, sagte ich. „Das ist langweiliges Zeug!“ Ich wollte wohl auch nicht mehr an die darin festgehaltenen Erlebnisse erinnert werden, denn so prickelnd war diese Zeit damals nicht. Aber ich ließ mich überzeugen: Mit meinen Romanen, damit ließe sich schon etwas machen. Also gab ich sie mit einigen Änderungen in den PC ein. Nicht zuletzt deshalb, weil die Brailleschrift auf normalem Papier durch langes Lagern mit der Zeit unleserlich wird. Mitte 2006 war ich mit der Abschrift fertig.

Plötzlich hatte ich wieder so viel Spaß am Schreiben gefunden, dass ich Ende August desselben Jahres mit einem neuen Roman, „Svenjas Tagebuch“, begann, der zwölf Monate später fertig war. Er ist die Fortsetzung von „Christinas Weg“, im Mittelpunkt steht die jüngste Tochter von Christina.

Eine erfundene, aber reale Geschichte

„Christinas Weg“ spielt sich zwischen den 50er und 80er Jahren ab. Die Hauptperson, ein blindes Mädchen, muss als Frühgeburt in den Brutkasten. Es wächst in einem guten Elternhaus auf, so scheint es jedenfalls. Im Alter von sechs Jahren wird es in einer Schule für Blinde in Friedberg angemeldet. Später lernt Christina im Internat alles, was sie an Selbstständigkeit für das Leben benötigt. Doch das Mädchen hat es zu Hause nicht einfach. Die Eltern haben Angst, ihm etwas zuzutrauen, und wollen es nicht loslassen. Dann kommt alles noch viel schlimmer…Christina erlebt noch eine ganze Menge und setzt sich schließlich durch.

Diese Geschichte ist frei erfunden, aber nicht ohne Realität. Mit diesem Buch möchte ich zum Ausdruck bringen, dass blinde Menschen mehr können, als sie sich oft zutrauen. Es gibt heute leider noch genug Erwachsene, die immer noch bei ihren Eltern wohnen und sich davor fürchten, flügge zu werden. Wenn ihre Eltern dann mal nicht mehr da sind, landen sie oft in einem Heim für Behinderte und vereinsamen dort. Sehende Leser werden in meinem Roman sehr viel über das Leben blinder Menschen erfahren.

Der schwierige Weg bis zur Veröffentlichung

Als der erste Entwurf von „Christinas Weg“ fertig war, las ich ihn meinen Freunden und Bekannten und all denen, die ihn damals hören wollten, via CD vor. Einigen schickte ich das Manuskript auch per E-Mail in einem Anhang als Word-Datei zu. Die Resonanz war positiv, alle rieten mir zu einer Veröffentlichung.

Doch ich zögerte. Ich wusste ja, dass solch ein Vorhaben nicht einfach ist. Bis mich eines Tages, vor gut zwei Jahren, eine Freundin auf einen blinden Schriftsteller aufmerksam machte, der ebenfalls ein Buch veröffentlicht hatte. Ich nahm mit ihm Kontakt auf und erzählte ihm von meinem Roman. Er übermittelte mir die Anschrift seiner Lektorin, mit der ich bald Kontakt aufnahm.

Ich mailte ihr das Manuskript, und sie bot mir sofort ein Probelektorat an. Weil ich mit dem ersten Ergebnis zufrieden war, beschloss ich, meinen Text von ihr lektorieren zu lassen – und dachte, danach kann ich es mir ja immer noch überlegen, ob ich ihn überhaupt verlegen will.

Meine Arbeit mit der Lektorin

In regelmäßigen Abständen korrigierte sie durchschnittlich zehn bis zwanzig Seiten. Zu jeder Mail schickte sie mir zwei Dateien: eine mit ihren eingearbeiteten Korrekturen, eine mit Anmerkungen. Hier erklärte sie, was sie geändert hatte, schlug stilistische Alternativen vor, gab Hinweise zur Logik der Handlung und erläuterte, was Leser bei der Lektüre bestimmter Stellen denken könnten.

Sie schrieb mir nichts vor. Im Gegenteil. Sie machte Vorschläge, und ich überarbeitete anschließend das Manuskript. Aber meistens habe ich ihre Empfehlungen angenommen, denn schließlich ist sie ja vom Fach. Einige Passagen habe ich komplett neu formuliert, und sie hat diese dann erneut überprüft.

Als wir schließlich nach zwei Jahren fertig waren, ließ ich mich von ihr beraten, wie ich mein Buch veröffentlichen könnte. Ich recherchierte im Internet und entschied mich für eine „Book on Demand“-Variante. Autoren ohne Verlag können auf diesem Weg ihre Bücher im Digitaldruckverfahren veröffentlichen, das sich insbesondere für Kleinauflagen eignet.

Als „Book on Demand“ veröffentlicht

Ich forderte von einigen Anbietern einen Kostenvoranschlag an. Da „Unibook“ für mich der kostengünstigste Dienstleister war, habe ich mich für ihn entschieden und mein Buch dort herstellen lassen. Aber ein Werk als Book on Demand herauszugeben, ist nicht so einfach. Man hat, wie ein Selbstverleger, alle Schritte bis zu den Druckvorlagen selbst zu organisieren und zu verantworten. So brauchte ich zum Beispiel eine sehende Hilfe für das Layout. Zum Glück haben mir damit meine Tochter und eine Freundin geholfen.

Unibook übernimmt zwar den Druck nach Bestelleingang, ich spare mir die Suche nach Druckereien und Buchbindereien. Als Selbstverleger muss ich aufgrund der Digitaltechnologie erheblich weniger Kapital aufbringen als früher, aber mich trotzdem selbst um Marketing und Verkauf kümmern, was nicht einfach ist. Ich habe es in verschiedenen Zeitschriften versucht, in Facebook und Wer-kennt-wen. Auch habe ich Zugang zu Netlog. Aber Facebook und Netlog sind für mich nicht gut zugänglich, was mit meiner Software zu tun hat, die ich am PC brauche, um damit vernünftig arbeiten zu können.

Unibook und Netlog sind leider nicht barrierefrei

Die Websites von Unibook und Netlog sind für Blinde und Sehbehinderte noch nicht barrierefrei, was ich sehr schade finde. Man hat mir auch schon geraten, es auf Twitter zu versuchen, aber dort fühle ich wegen meiner Software noch zu unsicher. Hätte ich es bei einem Dienstleistungsverlag versucht, wäre es für mich vielleicht um einiges einfacher gewesen, aber ich hätte dafür sehr viel investieren müssen, was für mich nicht möglich ist. Und man muss da sehr viel Glück haben, eine Chance für eine Buchveröffentlichung zu bekommen.

Seit April 2011 ist „Christinas Weg“ auch als Daisyhörbuch bei mir erhältlich.

ROLLINGPLANET wünscht Maria Hengelman viel Erfolg. Sie arbeitet gerade an ihrem nächsten Roman. Ihr Buch „Christinas Weg“ (534 Seiten) kann man hier kaufen: www.unibook.com/de/Maria-Hengelman-Schlag/Christinas-Weg Die CD kann direkt bei der Autorin per Mail bestellt werden: [email protected]

Zum Themenschwerpunkt Blinde und sehbehinderte Menschen

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1 Kommentar

  • Maria Hengelman

    Ich hatte geschrieben, dass Netlog für Blinde nicht barrierefrei sei. Das kann ich jetzt zurücknehmen. Ich habe ein neues Update bekommen und muss sagen, dass es jetzt viel besser geworden ist.

    22. April 2012 at 19:22

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