Markus R.: Der schwerbehinderte Möchtegern-007, der sich so sehr nach Anerkennung sehnte

Ernste Sache, aber skurrile Details im Spionage-Prozess, und manches sorgt für Kopfschütteln: (K)einer von uns steht in München vor Gericht. Von Christoph Trost

Ganz klar: Das ist nicht Markus R., sondern Daniel Craig als James Bond (Foto: 007.com)

Ganz klar: Das ist nicht Markus R., sondern Daniel Craig als James Bond (Foto: 007.com)

Frühmorgens schlagen die Spezialkräfte des Bundeskriminalamts (BKA) zu: Als der junge BND-Mitarbeiter am 2. Juli 2014 zur Arbeit fahren will, nehmen sie ihn fest, durchsuchen seine Wohnung – und finden, was sie suchen: Laptops, USB-Sticks, einen Multifunktionsdrucker. Dann die Überraschung: Als der federführende BKA-Ermittler dem Festgenommenen eröffnet, was ihm vorgeworfen wird, nämlich eine Spitzeltätigkeit für den russischen Geheimdienst, da entgegnet der: „Wieso? Ich arbeite doch für die Amerikaner.“ Noch auf der Fahrt nach Karlsruhe informiert der BKA-Mann den zuständigen Bundesanwalt: Man habe nun einen „grundlegend anderen Sachverhalt“.

Der junge Mann verhält sich quasi durchweg äußerst kooperativ, gibt freiwillig Passwörter und andere Informationen heraus. Und was er dem BKA und der Bundesanwaltschaft nach und nach offenbart und was die Ermittler selbst herausfinden, hat es in sich: Mehr als 200 geheime Dokumente des Bundesnachrichtendienstes (BND) hat der gelernte Bürokaufmann an den US-Geheimdienst CIA weitergeben, und zwar über Jahre hinweg. Darunter waren höchst brisante Informationen, etwa eine Datenbank mit Deck- und Klarnamen von BND-Agenten im Ausland.

Landesverrat und lebenslange Haft?

Seit Mitte November steht der heute 32-Jährige deshalb vor dem Münchner Oberlandesgericht (OLG). Die Anklage wirft ihm Landesverrat vor – im schlimmsten Fall steht darauf lebenslange Haft (ROLLINGPLANET berichtete: „Uwe“: Der Spion, der aus den Behinderteneinrichtungen kam). Der Prozess bietet seither vieles gleichermaßen: Skurriles, Spannendes, Erschreckendes – und überraschende Einblicke in die Welt des BND.

Ganz speziell ist schon der Prozessauftakt: Scharfe Einlasskontrollen gibt es, Laptops und Computer sind streng verboten, Kugelschreiber ebenso. Nur Bleistifte dürfen mit in den Saal genommen werden. Es soll ja niemand ein Aufnahmegerät mit hineinschmuggeln können.

Dann der erste Blick auf den Angeklagten: fast randlose Brille, blau-weißes Hemd, braune, gewellte Haare, schüchterner Blick, höchst nervös – nix James Bond. Seine Hände faltet der junge Mann vor sich auf dem Tisch zusammen, fast krampfhaft. Später wird man erfahren: Er lebt mit den Folgen eines Impfschadens: Seine Hände zittern etwas, er sieht schlecht. Er hat deshalb einen Schwerbehindertenausweis.

Ein Einzelgänger vor dem Computer

Abgesehen davon wird immer deutlicher: Der Angeklagte – aufgewachsen in kleinbürgerlichen Verhältnissen in der ehemaligen DDR – ist ein Einzelgänger, geht kaum aus dem Haus, sitzt viel vor dem Computer. „Ich kann halt nicht so auf andere Leute zugehen“, sagt er. Ein Gerichtspsychiater soll am Ende ein Gutachten über ihn erstellen.

Schon an den ersten drei Prozesstagen sagt der Angeklagte umfangreich aus, legt ein detailliertes Geständnis ab. Danach werden unter anderem seine Freundin und sein damaliger Chef befragt. Daraus ergibt sich ein einigermaßen klares Bild, was sich in den vergangenen Jahren abgespielt hat – auch wenn noch Fragen offen sind.

Wie viel Geld hat Markus R. für seine Spionagetätigkeit bekommen? Wie flog alles auf? Wer hält jetzt noch zu ihm? Die wichtigsten Fakten im Überblick:

Die Arbeit beim BND
Er hatte Schulen und Ausbildungsstätten für körperbehinderte Menschen besucht und viele erfolglose Bewerbungen geschrieben – doch nun, am 1. Dezember 2007, fängt Markus R. beim BND in Pullach an, zuerst in der Personalabteilung. Wenige Monate später wechselt er in die Abteilung „Einsatzgebiete Auslandsbeziehungen“, muss Post und Akten verwalten, anfangs vor allem uralte Akten aus den 1950er Jahren. Spaß macht ihm das alles – wie er sagt – nicht. Er würde gerne in den „technischen Bereich“ wechseln. Doch das bleibt ihm verwehrt, aus haushaltstechnischen Gründen: Eine damit verbundene Höhergruppierung sei nicht möglich gewesen, erklärt sein Ex-Chef.
Lügen und Legenden
Der einfache Büro-Mitarbeiter gibt sich als mehr aus, als er ist, bei seinen Eltern und bei seinen beiden Freundinnen: als „Agent“ oder als „Nachrichtendienst-Offizier“. Einmal berichtet er von einem schlimmen Einsatz in Afrika, ein andermal von einer posttraumatischen Belastungsstörung nach einem Afghanistan-Einsatz.
Kontakt mit der CIA
Irgendwann im Sommer 2008 ist Markus R., so schildert er es, so frustriert, dass er das „Abenteuer“ sucht: Er schreibt eine Mail an die US-Botschaft in Berlin, ob Interesse an einer Kooperation bestehe, er arbeite bei einer Sicherheitsbehörde.
Es besteht Interesse: Unter dem Decknamen „Uwe“ kommt Markus R. per Mail mit „Alex“ in Kontakt, seinem Verbindungsmann bei der CIA. Es ist der Beginn einer jahrelangen Spitzeltätigkeit: Immer und immer wieder, am Schluss fast im wöchentlichen Abstand, schickt Markus R. Dokumente an die Amerikaner, anfangs per Mail, später mit einem versteckten Programm auf einem Computer, den er eigens dafür bekommt. Es kommt zu einzelnen direkten Treffen, meist in Salzburg. Und man vereinbart eine Notfalltelefonnummer und einen Not Treffpunkt.
Die verratenen Unterlagen
Eigentlich ist es ganz einfach: Mit einem Kopierer, der quasi neben seinem Büro steht, kopiert Markus R. nach Gutdünken geheime Unterlagen, steckt sie in seine Tasche – und nimmt sie im Auto mit nach Hause. Die stichprobenartigen Kontrollen bei der Ausfahrt vom BND-Gelände sind derart selten, dass quasi keine Gefahr besteht. „Wer Unterlagen rausbefördern will, kann das gefahrlos tun“, sagt sein Ex-Chef. Zu Hause scannt er die Kopien ein, schickt sie an „Alex“ und speichert sie auf zwei USB-Sticks. Besonders brisant sind ein internes Gegenspionage-Konzept – und die Agenten-Datenbank. Die schmuggelt Markus R. auf einem USB-Stick komplett mit nach Hause. Wie geheim die Unterlagen waren und wie schwer somit der Vorwurf des Landesverrats wiegt, dazu wird es noch ein eigenes Gutachten geben.
Der Agentenlohn
Laut Anklageschrift soll Markus R. über die Jahre hinweg mindestens 95.000 Euro von den Amerikanern bekommen haben. Immer in bar, fast immer über „tote Briefkästen“: Stein-Attrappen, in denen bis zu 20.000 Euro stecken, alles in 100-Euro-Scheinen, verschweißt in Folie, damit das Geld nicht feucht wird. Mindestens einen Teil des Geldes gibt Markus R. seinem Vater, damit der die Beträge für ihn einzahlt. Der Vater schweigt zu alledem vor Gericht.
Die Motive
Markus R. gibt Frust und Unterforderung als Motiv für seine Spitzeltätigkeit an. „Ich wollte was Neues, was Spannendes erleben“, sagt er. Geld habe dagegen keine zentrale Rolle gespielt. „Ich habe das wirklich gemacht, damit ich ein bisschen Abwechslung in meinem Leben bekomme.“ Und: Beim BND habe man ihm nichts zugetraut (ein Eindruck, den sein Ex-Chef deutlich bestätigt) – bei der CIA schon. Da habe er sich beweisen können: „Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass mir das nicht gefallen hätte.“ So tief sitzt sein Frust, dass er sich immer wieder woanders bewirbt. Und er schreibt einen Brief an den BND-Präsidenten, den er allerdings nie abschickt: Darin spricht er von „verschwendeten Jahren“ – und dass ihm der Präsident leid tue, weil er Chef einer solchen Behörde sein müsse.
Die verhängnisvolle Mail
Im April/Mai 2014 will Markus R. – wie er sagt – noch einmal „was Neues erleben“: Er schreibt – zwar von einem fingierten Postfach, aber unverschlüsselt – eine E-Mail an das russische Generalkonsulat in München, um sich dort als Informant anzudienen, und schickt sogleich drei Dokumente mit. Doch diese Mail wird vom BND abgefangen. Der BND gibt sich als russisches Konsulat aus, antwortet unter dem Namen „Alexander“ und bittet um ein Treffen.
Doch Markus R. lehnt ab, löscht das Postfach. „Da habe ich Bedenken bekommen, dass es doch schon eine andere Hausnummer ist, für die Russen zu arbeiten als für die Amerikaner“, sagt er heute. Auf einem Amsterdam-Trip wird er von den Amerikanern informiert, dass gegen ihn offenbar ermittelt wird – wenig später wird er festgenommen. Eine nachträgliche Veränderung an einem der versandten Dokumente hatte die Ermittler letztlich schnell auf seine Spur gebracht. Unvorsichtig sei er beim Versand der Mail vorgegangen, attestiert ihm ein BKA-Mann.
Seine Freundin
Auch wenn Markus R. eine langjährige Haftstrafe droht – seine Freundin, die er 2012/2013 über das Internet kennengelernt hatte, steht zu ihm. „Ich konnte es mir einfach nicht vorstellen, dass jemand wie Markus, der nicht mal bei Rot über die Straße geht, so etwas macht“, sagt die 32-Jährige im Zeugenstand – und betont, dass sie trotz allem mit ihrem Markus zusammenbleiben wolle: „Das ist immer noch dieser liebe, nette Kerl, den ich kennengelernt habe.“ Das Urteil wird das Oberlandesgericht wohl im Frühjahr verkünden.

(dpa)

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