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Markus Rehm – ein historischer Moment mit vielen Bedenkenträgern

Leichtathletik-Verband im Zugzwang, nachdem er bisher glaubte, den Leverkusener aussitzen zu können.

Markus Rehm (Archivfoto vom Gold-Weitsprung bei den Paralympics am 31. August 2012:  Julian Stratenschulte/dpa)

Markus Rehm (Archivfoto vom Gold-Weitsprung bei den Paralympics am 31. August 2012: Julian Stratenschulte/dpa)

Der Fall Markus Rehm ist ein Grenzgang des Fair Plays zwischen zwei Sportwelten. Nach dem sensationellen Sieg des unterschenkelamputierten Weitspringers bei den deutschen Meisterschaften in Ulm stehen deshalb die Leichtathletik-Verbände unter Zugzwang. „Die werden sich Gedanken machen müssen. Ich habe für rauchende Köpfe gesorgt“, sagte der neue Held der Inklusion. Mit 8,24 Metern, einer Weltklasseweite auch für nicht behinderte Springer, hat er die Norm für die Europameisterschaften im August in Zürich erfüllt.

Zugleich hat der 25-jährige Leverkusener die Zweifel, ob seine Beinprothese ihm einen Vorteil im Wettstreit verschaffen könnte, weiter geschürt. So äußerte sich der Ex-Europameister Sebastian Bayer, der mit 7,62 Metern nur Fünfter wurde, kritisch über den Start Rehms: „Ich habe meine Meinung darüber. Man kann es machen, man muss es nicht.“

Für ihn sei die Leistung eines Gehandicapten mit Prothese mit der eines Nichtbehinderten nicht vergleichbar. „Ich kenne mich da zu wenig mit der Materie aus, weiß halt nur, dass seine Prothese 15 Zentimeter länger ist als das gesunde Bein“, sagte Bayer. „Das sieht man ja auch. Mein Sprungbein ist genauso lang wie das andere Bein.“

Diskussionen über Biomechanik

Paralympics-Sieger Rehm antwortet auf solche Spekulationen sachlich. Die Prothese sei ein flexibles Teil und gebe beim Sprinten nach. Aus diesem Grund müsse sie länger sein als das unversehrte Bein. „Wenn ich die gleiche Länge bei der Prothese wählen würde, würde ich extrem humpeln“, erklärte der Orthopädie-Techniker. Außerdem sei seine Karbon-Stelze nur drei bis vier und nicht 15 Zentimeter länger.

Biomechanische Messungen des Anlaufs und des Absprungs bei Rehms Sprüngen in Ulm sollen mehr Aufschluss in der Vorteil-Debatte geben, einen richtigen Beweis könnte nur ein wissenschaftliches Gutachten liefern. „Ich bin bereit Lösungen zu finden und möchte Klarheit für mich und alle anderen Athleten“, sagte Rehm. Allerdings findet er es schade, sich für eine so gute Weite – seinen Behinderten-Weltrekord übertraf er um 29 Zentimeter – entschuldigen zu müssen: „Ich verstehe die Diskussion, muss mich aber nicht rechtfertigen.“

„Hochinteressante und sportpolitische Frage“

DOSB-Präsident Alfons Hörmann sprach in der Münchner „TZ“ (Montag) von einem „historischen Moment“ und einer „hochinteressanten und sportpolitischen Frage, die nicht leicht zu beantworten ist“.

Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) hat es jedenfalls versäumt, sich rechtzeitig auf diese knifflige Situation einzustellen, nachdem er die Leistungen des Weltrekordlers argwöhnisch verfolgte. Rehm hat im Juli 2013 den Weltrekord von 7,95 Metern aufgestellt. Außerdem hat seine Trainerin Steffi Nerius den DLV im vergangenen Dezember darauf hingewiesen, ihr Schützling könne die Leistung für die Teilnahme an den nichtbehinderten Titelkämpfen „mit 99-prozentiger Sicherheit“ erbringen. „Wir haben hier geschlafen“, bekannte Bundestrainer Uwe Florczak. „Wir hätten vorher überprüfen müssen, ob die Prothese ein unzulässiges Hilfsmittel ist.“

Der Bundestrainer und die Inklusion

Sehen Marks Rehm kritisch:  Weitspringer Sebastian Bayer (l) und Bundestrainer Uwe Florczak (r.) (Foto: Bernd Thissen dpa/lbn)

Sehen Marks Rehm kritisch: Weitspringer Sebastian Bayer (l) und Bundestrainer Uwe Florczak (r.) (Foto: Bernd Thissen dpa/lbn)

Festlegen wollte er sich nach dem Sieg Rehms nicht, ob er ihn zur Nominierung für die EM vorschlagen wird. „Man muss mir etwas Zeit geben“, sagte er. Auch er machte aus seinen Bedenken trotz des „großen Respekts für den Sportler Markus Rehm“ keinen Hehl. „Ich bin 28 Jahre Trainer und habe viele Sprünge über acht Meter gesehen“, meinte Florczak. „Die Anlaufgeschwindigkeit war nicht so hoch, wie wir sie kennen bei solchen Sprüngen.“

Gesehen habe er zudem, „dass die Prothese sehr stark nachgibt und sich dann entlädt“. Viele Gedanken zum Thema Inklusion hat sich Florczak – so die ROLLINGPLANET-Vermutung – in seinen 28 Jahren als Trainer offensichtlich nicht gemacht.

Für Titelkampf-Konkurrenten Christian Reif, der mit 8,20 Metern Zweiter wurde, ist Rehms EM-Start keine Frage. „Er hat die A-Norm erfüllt und ist Meister. Man hat entschieden, dass er starten darf. Deshalb ist es der richtige Weg, ihn zu nominieren“, sagte der Europameister von 2010 im „ZDF-Sportstudio“ am Samstagabend.

Natürlich möchte Reif Gewissheit, ob Rehms Erfolg fair erzielt wurde, doch zuallererst zollte er ihm ganz Sportsmann Anerkennung und Respekt: „Vor 10.000 Leuten sich in Ulm hinzustellen und zu sagen, ich mache mit, ist nicht so einfach. Das hätte auch schief gehen können.“ Ob es nun mit der EM-Teilnahme klappt, wird der DLV am Dienstag im Zuge der Bekanntgabe des Aufgebots für Zürich mitteilen. (Update 15 Uhr: Der DLV hat die Nominierung für die Europameisterschaften vom 12. bis 17. August in Zürich um einen Tag auf Mittwoch verschoben. Dies teilte der Verband soeben mit. Er will noch die Ergebnisse der biomechanischen Messungen der Rehm-Weitsprünge abwarten.)

„Endlich wird die Diskussion zu Ende geführt“

Danach wird der Europa-Verband EAA mit dem Fall konfrontiert sein. Die EAA sieht sich dafür aber nicht zuständig. „Der europäische Kontinentalverband kann diese Entscheidung nicht treffen, dies muss der Weltverband IAAF tun“, erklärte EAA-Generaldirektor Christian Milz.

Die frühere Speerwurf-Weltmeisterin Steffi Nerius trainiert Markus Rehm (Foto: Daniel Karmann/dpa)

Die frühere Speerwurf-Weltmeisterin Steffi Nerius trainiert Markus Rehm (Foto: Daniel Karmann/dpa)

Rehms-Trainer Steffi Nerius ist es nur recht, dass endlich mal über das Dilemma gesprochen wird. „Dass er die EM-Norm springt, habe ich mir gewünscht, damit die Diskussion mal bis zum Ende geführt wird“, sagte die frühere Speerwurf-Olympiasiegerin.

Abgesehen von dem wissenschaftlichen Beleg des potenziellen Prothesen-Vorteils stellte sie fest: „Er hat genauso viele Nachteile wie Vorteile. Der erste Nachteil ist, dass er unterschenkelamputiert ist. Ich bin froh, dass ich meinen Unterschenkel noch habe. Diesen Nachteil vergessen viele.“

(RP/Andreas Schirmer/Ulrike John/dpa)

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