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Markus Rehm: Ein Zeichen für Inklusion – aber mit großem Fragezeichen

Als erster behinderter Sportler wird der Paralympics-Sieger am Samstag an den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften in Ulm teilnehmen. Plus Interview. Von Andreas Schirmer

Markus Rehm zieht nach einer Trainingseinheit seine Prothesen aus (Foto:  Daniel Karmann/dpa)

Markus Rehm zieht nach einer Trainingseinheit seine Prothesen aus (Foto: Daniel Karmann/dpa)

Smart, souverän und äußerst höflich – so haben wir Markus Rehm erlebt, als ROLLINGPLANET ihn vor zwei Wochen auf dem Münchner Marienplatz beim Sportfest „Gemeinsam Sport – Gemeinsam Spaß 2014“ zu einem Hintergrundgespräch traf. Da ging es auch um Inklusion – um ein Thema mit vielen Fragezeichen, die es ebenso im Sport gibt.

Der Paralympics-Sieger wird bei den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften am Samstag in Ulm Weitsprünge in einen rechtsfreien Raum machen. Der 25-jährige Leverkusener startet mit seiner Prothese am rechten Bein unter Vorbehalt. Biomechanische Messungen beim Titelkampf sollen mehr Aufschluss geben, ob die Karbon-Stelze ihn weiter springen lässt als Nichtbehinderte, ein Beweis sind sie nicht. „Ich werde mich nicht auf so eine Messung verlassen“, sagt Rehm in unserem Interview (siehe unten). „Ich bin fair genug und will wissen, ob die Prothese einen Vorteil verschafft. Sonst könnte ich mich über Erfolge über Nichtgehandicapte nicht freuen.“

Doch Gewissheit wird es darüber nach dem Debüt eines Behindertensportlers bei den Meisterschaften der Nichtbehinderten nicht geben. Die Biomechaniker kommen nicht extra wegen Rehm: Die Untersuchungen sind bei Titelkämpfen alljährliche Routine. „Die biomechanische Wettkampfdiagnostik kann keinen signifikanten wissenschaftlichen Nachweis liefern, sondern nur die Wahrscheinlichkeit der Annahme erhöhen, ob die Prothese einen Vorteil bringt oder nicht“, erklärte Thomas Kurschilgen, Sportdirektor des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV).

Ein EM-Ticket ist noch zu vergeben

Markus Rehm bei den Paralympics 2012 in London (Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Markus Rehm bei den Paralympics 2012 in London (Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Dies ist ein Dilemma. Denn Rehm, dem als 14-Jähriger nach einem Wakeboard-Unfall der rechte Unterschenkel amputiert werden musste, ist Weltrekordler der Behinderten mit 7,95 Metern – die Norm für die Europameisterschaften vom 12. bis 17. August in Zürich liegt in Reichweite. „8,05 Meter ist schon eine Wahnsinnsweite, aber sie ist nicht utopisch. Zehn Zentimeter sind nicht die Welt“, meinte er. Bisher haben zwei DLV-Springer die Norm erfüllt: Die Ex-Europameister Christian Reif (8,49) und Sebastian Bayer (8,05). Ein EM-Ticket wäre noch zu vergeben!

„Markus Rehm könnte sich grundsätzlich für die EM qualifizieren“, sagte DLV-Präsident Clemens Prokop. „Ich bin gespannt. Er ist sicher eine ganz außergewöhnliche Erscheinung und ein fairer Sportler.“ Der von der früheren Speerwurf-Weltmeisterin Steffi Nerius trainierte Athlet hätte nichts gegen den Sprung zur EM. „Wenn ich gefragt werde und mitfahren darf, dann sehr gerne“, sagte er. „Da müssen aber viele Dinge perfekt laufen.“ Und der europäische Verband EAA seinen Start erlauben. Da abgesehen von den Expertisen der Biomechaniker „kein weiteres Gutachten“ (Prokop) geplant ist, ginge die Debatte weiter.

Robert Harting will erst mal gucken

„Mit dem DLV habe ich sehr angenehme Gespräche geführt“, berichtete Rehm. Auch zum neuen Konkurrenten Reif gebe es einen guten Kontakt. Zurückhaltend äußerte sich Robert Harting über Rehms Teilnahme an den Meisterschaften. „Ich stehe dem Start von Behindertensportlern sehr aufgeschlossen gegenüber“, sagte der deutsche Teamkapitän und Diskus-Olympiasieger, der beim Berliner ISTAF schon gegen den behinderten Werfer Sebastian Dietz angetreten ist. „Aber jetzt schaue ich mir das erst einmal an und werde dann eine Bewertung treffen.“

Interview mit Markus Rehm: „Keiner muss Angst haben: Behinderte werden die Wettbewerbe der Nichtbehinderten nicht überrennen“

Paralympicssieger und Weltrekordler Markus Rehm (Foto: Heimspiele)

Paralympicssieger und Weltrekordler Markus Rehm (Foto: Heimspiele)

Sind Sie aufgeregt?

Ich bin relativ entspannt, Diskussion hin oder her. Ich versuche Bestleistung wie bei jedem Wettkampf zu bringen.

Ihre Bestleistung im Weitsprung steht bei 7,95 Metern. Zehn Zentimeter weiter, und Sie hätten die Norm für die Europameisterschaften im August in Zürich geschafft!

8,05 Meter ist schon eine Wahnsinnsweite, aber es ist nicht utopisch. Zehn Zentimeter sind nicht die Welt. Doch allein eine Acht vor dem Komma wäre riesig!

Falls Sie die EM-Norm übertreffen: Fahren Sie dann zur EM der Nichtbehinderten?

Wenn ich gefragt werde und mitfahren darf, dann sehr gerne. Da müssen aber viele Dinge perfekt laufen.

Wie ist Ihnen der Deutsche Leichtathletik-Verband begegnet, wie reagieren nichtbehinderte Weitspringer auf Ihren Start in Ulm?

Mit dem DLV habe ich sehr angenehme Gespräche geführt. Auch mit dem ehemaligen Europameister Christian Reif gibt es einen guten Kontakt. Wir gehen an das Thema realistisch ran. Es gibt aber auch andere Athleten, denen es nicht so gut gefällt und die meinen Start nicht so entspannt sehen.

Technik entwickelt sich immer weiter. Auch bei der Entwicklung von Beinprothesen gibt es keinen Stillstand – oder?

Sicher nicht. Bei einer Prothese ist das so ein Problem. Ich habe an meiner Prothese lange nicht geschraubt oder sie optimiert. Aber man muss Teile ersetzen, wie die Feder, die absplittert. Man muss Dinge erneuern, weil sie einen Verschleiß haben. Das ist nicht leistungssteigernd und wie neue Reifen aufziehen oder das Erneuern von Spikes, die von Läufern ja auch nicht ein Leben lang getragen werden. Aktuell habe ich keine technischen Möglichkeiten der Leistungssteigerung – und werde einen Teufel tun, dies zu ändern.

Sie sind Orthopädietechniker und wissen, dass es auch beim Prothesenbau Fortschritte geben wird…

Vielleicht gibt es irgendwann neue Materialien. Aber ich glaube, dass ich da schon ganz weit vorne bin. Vielleicht kann man die Formen der Prothese mal ändern, doch wenn ich die Starterlaubnis bei den Nichtbehinderten bekomme, werde ich da nichts verändern, sondern nur Teile auswechseln. Nachweislich die gleichen Teile.

Bei den deutschen Meisterschaften werden biomechanische Messungen Ihrer Sprünge gemacht. Ein wissenschaftlicher Beweis, ob die Beinprothese einen Vorteil verschafft oder nicht, ist das nicht.

Auf gar keinen Fall. Ich werde mich nicht auf so eine Messung verlassen. Ich bin fair genug und will wissen, ob die Prothese einen Vorteil verschafft oder nicht. Sonst kann ich mich über meine Erfolge gegen Nichtgehandicapte nicht freuen.

Sind Sie der Oscar Pistorius Deutschlands? Der Südafrikaner hat sein Startrecht bei Olympischen Spielen erstritten.

Er hat den Behindertensport weit nach vorne gebracht und das Thema angestoßen. Jetzt stoße ich das Thema in Deutschland an. Vielleicht ist man ein Vorreiter, um aus dieser Geschichte Normalität zu machen. Es wird nicht Regel werden, dass zehn behinderte Weitspringer das Feld von Nichtbehinderten überrollen. Man mussTalent haben, viel trainieren und eine perfekt abgestimmte Prothese als Ersatzgliedmaß haben, um Leistungen zu bringen. Keiner muss Angst haben: Behinderten werden die Wettbewerbe der Nichtbehinderten nicht überrennen.

(RP/dpa)

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