Markus Rehm ist noch nicht am Ziel

In Rio ist der Weitsprung-Star seinen Erwartungen trotz eines zähen Starts gerecht geworden. Wie geht es jetzt nach seinem Paralympics-Sieg weiter?

 Paralympics-Sieger Markus Rehm gesteht: „Ich bin ehrlich: Ich bin durch. Ich bin müde“

Paralympics-Sieger Markus Rehm gesteht: „Ich bin ehrlich: Ich bin durch. Ich bin müde“ (Foto: Rainer Jensen/dpa)

Am Ende seines längsten Wettkampfes hatte es Markus Rehm wieder einmal allen gezeigt: Mit einem Sprung in olympische Dimensionen untermauerte der Star-Leichtathlet bei den Paralympics seine Ambitionen auf einen Start bei den Nichtbehinderten. Unter dem Vollmond von Rio de Janeiro sprang der Leverkusener am Samstag mit 8,21 Metern in einer eigenen Liga. Bei den Olympischen Spielen vier Wochen zuvor hätte es zum fünften Platz gereicht. „Ich wollte genau das zeigen, dass paralympische Athleten sich nicht hinter olympischen Athleten verstecken müssen. 8,21 Meter ist eine respektable Weite“, sagte der 28 Jahre alte Rehm.

Der Niederländer Ronald Hertog lag als Zweiter mit 7,29 Metern fast einen Meter zurück, Felix Streng aus Leverkusen als Dritter verbesserte sich auf 7,13 Meter. „Natürlich ist es schön, vorne weg zu springen“, sagte der unterschenkelamputierte Rehm.

Doch er kam nur zäh in den Wettkampf und lag zeitweilig hinter Hertog. „Ich kann mich an so einen langen Wettkampf nicht erinnern. Und auch nicht an so einen schweren. Es hat irgendwie nichts funktioniert. Die ersten drei Versuche waren Mist“, betonte er. Von 7,13 Metern im ersten Versuch bis zur Siegweite im sechsten Durchgang sprang er immer ein Stück weiter. „Ich bin froh, dass ich das so hinbekommen habe“, erklärte Rehm erleichtert.

Gestern Nacht in Rio: Markus Rehm freut sich über Gold. (Foto: ZDF)

Gestern Nacht in Rio: Markus Rehm freut sich über Gold. (Foto: ZDF)

Mehr oder weniger einsamer Kampf

Sein eigentlicher Wettkampf aber fand mehr im Kopf als in der Weitsprunggrube statt. Der Schützling der ehemaligen Speerwurf-Weltmeisterin Steffi Nerius hatte nur einen Maßstab – den olympischen. Die Weiten der Sprungentscheidung waren ihm so geläufig wie der eigene Weltrekord von 8,40 Meter. „Ich habe versucht, das ein bisschen zu ignorieren. Natürlich wusste ich auch die Weiten der anderen Athleten. Ich hatte mir gewünscht, über acht Meter zu springen“, berichtete der Orthopädie-Techniker und bekannte: „Ich war tierisch angespannt. Es lag schon einiges an Druck auf mir.“

Seit geraumer Zeit führt Rehm einen mehr oder weniger einsamen Kampf mit dem Leichtathletik-Weltverband IAAF für seine Startberechtigung bei den Meisterschaften der Nichtbehinderten – selbst seine eigene Trainerin Nerius ist dagegen. Er sagt, dass er damit dem paralympischen Sport eine größere Bühne verschaffen will. Was er nicht sagt: Angesichts der Weiten seiner Kontrahenten ist er im paralympischen Wettkampf konkurrenzlos und braucht eine größere sportliche Herausforderung. 2014 war er bereits deutscher Meister bei den Nichtbehinderten.

Für Olympia in Rio hatte die IAAF ihm die Zulassung verweigert. Sein neues Ziel sind nun die WM im kommenden August in London. „Ich werde jetzt weiter trainieren und nächstes Jahr vielleicht in direkter Konkurrenz starten. Dann kann man die Weiten auch richtig vergleichen“, blickte er voraus. Bis Ende des Jahres möchte er Klarheit haben, ob er diesmal Grünes Licht bekommt.

„Ich bin ehrlich: Ich bin durch. Ich bin müde.“

In einer Arbeitsgruppe der IAAF will er einen Weg finden, dass Behinderte und Nichtbehinderte im gleichen Wettbewerb starten können – notfalls auch außer Konkurrenz oder in getrennter Wertung. „Ich bin paralympischer Athlet und darauf bin ich auch stolz. Es geht mir gar nicht darum, eine Medaille zu gewinnen bei den nichtbehinderten Athleten. Es geht mir darum, da teilzunehmen, um unserem Sport eine noch größere Plattform zu geben“, sagte Rehm.

Sein Engagement hat ihn geschlaucht. Erstellen einer Studie über Vorteil oder Nachteil seiner sprungfederartigen Prothese, Training, Wettkämpfe und immer wieder Treffen mit Funktionären – alles das hat seine Spuren hinterlassen. „Ich bin ehrlich: Ich bin durch. Ich bin müde. Es war ein langes Jahr, es war ein hartes Jahr mit den ganzen Messungen, mit dem ganzen Kampf für unseren Sport“, gab Rehm zu.

Dabei schaute er fast liebevoll auf seine dritte paralympische Goldmedaille. „Die ist für mich unglaublich mit Emotionen gefüllt. Die wird zu Hause auf jeden Fall einen ganz besonderen Platz bekommen“, sagte Markus Rehm. Und nach einem Urlaub geht er mit neuer Kraft in seinen Kampf für die WM-Teilnahme in London. „Ich möchte sportlich weitermachen und auch sportpolitisch weiterkämpfen. Ich hoffe, dass wir da noch einige Erfolge feiern können“, meinte er in der Nacht seines Rio-Triumphs.

(dpa)

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