Markus Rehm, Vanessa Low, Edina Müller – und wer sonst noch?

ROLLINGPLANET nennt 10 deutsche Goldkandidaten bei den Paralympics in Rio und ihre persönlichen Geschichten.

Vanessa Low war auch schon bei den Paralympics 2012 in London dabei. (Foto: EPA/Kerim Okten)

Vanessa Low war auch schon bei den Paralympics 2012 in London dabei. (Foto: EPA/Kerim Okten)

1. David Behre (Leichtathletik)

Es ist ein Wunder, dass David Behre noch lebt. „Eigentlich hätte ich tot sein müssen“, sagt der Stelzen-Sprinter. 2007 fährt der damals 20-Jährige nach einer Party mit dem Rad nach Hause und wird am „Glückauf“-Bahnübergang nur 400 Meter von seinem Elternhaus entfernt von einem Zug erfasst. Behre wird mitgeschleift, liegt über vier Stunden an den Gleisen, ehe ihn eine Anwohnerin findet. Er verliert beide Unterschenkel. Vier Tage nach der Operation sieht er einen Fernsehbeitrag über „Blade Runner“ Oscar Pistorius. Behre ist klar: „Das will ich auch.“ Und er schafft es. Der frühere Motocross-Fahrer wurde 2015 Weltmeister über 400 Meter und in diesem Jahr EM-Zweiter. Er hält Motivationsvorträge, veröffentlichte seine beeindruckende Lebensgeschichte in seiner Biografie „Sprint zurück ins Leben“. Für viele unglaublich, sagt der 29-Jährige heute: „Meine Beine will ich nicht zurück. Ich lebe das Leben als Profisportler, was ich immer wollte. Ich bin glücklich, so wie es ist.“

2. Andrea Eskau (Radpsort)

Andrea Eskau ist Diplom-Psychologin. (Foto: IWN)

Andrea Eskau ist Diplom-Psychologin. (Foto: IWN)

Andrea Eskau ist die einzige im deutschen Team, die Gold bei Sommer- und Winter-Paralympics gewann. Die seit 1998 nach einem Rad-Unfall querschnittsgelähmte Diplom-Psychologin holte dreimal Gold mit dem Handbike. Bei den Winter-Paralympics in Sotschi siegte sie 2014 im Biathlon und Langlauf. Zudem holte sie in den drei Sportarten bisher insgesamt 21 WM-Titel. Die gebürtige Apoldaerin, die wegen ihres Kampfgeistes den Spitznamen „Tigerin“ hat, ist eine Favoritin: „Ich will noch mal Gold gewinnen.“ Wenngleich das Klima an der Copacabana für sie als Asthmatikerin „nicht so prickelnd ist.“ Sie finanziert ihren Sport fast ausschließlich aus privaten Mitteln. Sie hat keine Sponsoren, lediglich 170 Euro Sporthilfe sowie 400 Euro vom Topteam des Nationalen Paralympischen Komitees. Bis zu den Winter-Paralympics 2018 will sie noch weitermachen, danach soll Schluss sein. Nach dem Leistungssport will sich Eskau, die Fachgebietsleiterin für Behindertensport im Bundesinstitut für Sportwissenschaft in Bonn ist und mit ihrer Partnerin in Bergheim lebt, für Hundeschulen engagieren. Sie hat zwei Vierbeiner – „Pommes“ und „Foufou“.

3. Heiko Kröger (Segeln)

Einmal Paralympics-Sieger (2000 in Sydney) und achtmal Weltmeister, zuletzt in diesem Mai: Der 50-Jährige, dem seit der Geburt sein linker Unterarm fehlt, ist in der Einmann-Kielbootklasse 2.4mR einer der Top-Favoriten. Seine sechsten Paralympics werden aber wohl auch seine letzten sein. Denn Segeln ist 2020 in Tokio nicht mehr im Programm. Der fünffache Vater trug in Athen 2004 als erster Segler die deutsche Fahne. In London gewann er Silber. Jetzt soll das zweite Gold her. „Ich habe 2000 in Sydney Gold geholt und möchte es in Rio sehr gerne wiederholen. Der WM-Titel ist sehr gut für das Selbstvertrauen“, sagte der 50-Jährige.

4. Franziska Liebhardt (Leichtathletik)

Die 34-Jährige war fast schon tot. Vor zehn Jahren kam die erschütternde Diagnose: eine unheilbare Autoimmunkrankheit zerstört ihre Organe. Die Ärzte prognostizieren ihr noch maximal zehn Jahre. 2009 versagte die Lunge, die gebürtige Würzburgerin lag im Sterben. In buchstäblich letzter Sekunde erhielt sie ein Spenderorgan. Das erste Mal Atmen ohne Sauerstoffgerät: „Ich habe Rotz und Wasser geheult.“ Sie kämpft, macht Sport, nimmt an Wettkämpfen teil. Vor vier Jahren versagten dann die Nieren. Eine Spende ihres Vaters rettete sie. Leistungssport? Für die Ärzte völlig unvorstellbar. Aber die Kinder-Physiotherapeutin, die jeden Tag 42 Tabletten schlucken muss, trotzt allem, sie will ihr Leben in der Verlängerung genießen und mit allem füllen, was geht. Wegen ihrer Erkrankung erlitt Liebhardt einen Schlaganfall und hat deshalb eine leichte halbseitige Spastik auf der rechten Seite. Und kann somit bei den Behindertensportlern starten. Innerhalb von nur zwei Jahren wurde sie zur weltbesten Kugelstoßerin: Weltrekord mit 13,82 Metern. Die Europameisterin und WM-Zweite startet auch im Weitsprung. Sie will eine Medaille und die 14-Meter-Marte knacken. Nach Rio ist Schluss.

5. Vanessa Low (Leichtathletik)

Die sympathische Blondine sprüht vor Lebenslust und Überlebenswillen. Als 15-Jährige verlor sie 2006 bei einem Unfall an einem Bahnsteig beide Beine, lag zwei Monate im Koma. Der Unfallhergang wurde nie genau geklärt. Der Sport half der gelernten Mediengestalterin zurück ins Leben. Die gebürtige Lübeckerin wollte nach London 2012 schon ihre Karriere beenden. Aber seit November 2013 lebt und trainiert die 26-Jährige in Oklahoma City/USA – und ist erfolgreicher denn je. Sie ist Europameisterin, Weltmeisterin und Weltrekordhalterin (4,79 Meter) im Weitsprung. Als einzige doppelt oberschenkelamputierte Weltklasse-Sportlerin tritt sie fast ausschließlich gegen Frauen an, die noch ein gesundes Bein haben. Sie ist mit dem einseitig unterschenkelamputierten Sprinter Scott Reardon liiert und will nach den Paralympics zu ihm nach Australien ziehen. „Ich habe mir mein Leben sicher anders ausgemalt. Es ist nicht so verlaufen wie geplant, aber das ist in Ordnung. Tatsächlich ist es nicht nur in Ordnung, sondern wunderschön. Ich würde nichts ändern wollen“, sagt Low.

6. Edina Müller (Kanu)

Edina Müller trug früher das Trikot der Rollstuhlbasketball-Nationalmannschaft. (Foto: IWN)

Edina Müller trug früher das Trikot der Rollstuhlbasketball-Nationalmannschaft. (Foto: IWN)

Paralympisches Gold hat Edina Müller schon: 2012 triumphierte sie mit den deutschen Rollstuhl-Basketballerinnen, nachdem es 2008 zu Silber gereicht hatte. Sie gewann zudem dreimal EM-Gold sowie WM-Silber und Bronze. 2014 suchte die Hamburgerin, die seit 2000 querschnittsgelähmt ist, eine neue Herausforderung und stieg ins Kanu um. Auch sie könnte Geschichte schreiben, denn Para-Kanu erlebt seine Paralympics-Premiere. Sie ist als amtierende Weltmeisterin und Europameisterin eine der Top-Favoritinnen. Als Teenager spielte sie Volleyball. Nach einem Spiel hatte die damals 16-Jährige Rückenschmerzen. Ein Orthopäde versuchte, einen Wirbel wieder einzurenken. Das ging schief und ihr Rückenmark wurde irreparabel beschädigt. Sie ist Heilpädagogin und arbeitet als Sport-Therapeutin am BG Klinikum Hamburg. Sie startet über 200 Meter im Kajak-Einer in der Klasse 1 der Athleten mit dem schwersten Behinderungsgrad.

7. Heinrich Popow (Leichtathletik)

Auch Heinrich Popow ist einer der deutschen Medaillenhoffnungen. (Foto: Mika Volkmann)

Auch Heinrich Popow ist einer der deutschen Medaillenhoffnungen. (Foto: Mika Volkmann)

Heinrich Popow ist eines der Gesichter des deutschen Behindertensports. Der Leverkusener, der mit seinen Eltern als Siebenjähriger aus Kasachstan nach Deutschland kam, gewann bei den Paralympics, Welt- und Europameisterschaften schon fast 30 Medaillen. Als er neun war, musste ihm sein linkes Bein bis zum Oberschenkel wegen eines bösartigen Tumors amputiert werden. Nach einem Seuchenjahr 2014 musste er 2015 verletzungsbedingt die WM auslassen, wo er seinen 100-Meter-Titel verteidigen wollte. Das soll nun in Rio klappen, sein zweiter Gold-Coup nach London. „Der Titel ist mein Ziel“, sagt der nie um einen Spruch verlegene Popow. Aber die Konkurrenz ist groß. Im Weitsprung sprang er 20. August mit 6,77 Metern Weltrekord. Seine Kraft zieht er auch aus seinem Engagement bei „Ottobock Passion for Paralympics Running Clinics.“ Popow fliegt um die Welt und bringt Amputierten den Umgang mit einer von dem Orthopädie-Unternehmen und ihm entwickelten Sportprothese bei.

8. Markus Rehm (Leichtathletik)

Er ist der Fahnenträger des deutschen Teams: Markus Rehm (Foto: Jens Buettner/dpa)

Er ist der Fahnenträger des deutschen Teams: Markus Rehm (Foto: Jens Buettner/dpa)

Er kann sich bei den Paralympics nur selber schlagen. Der Leverkusener, dem als Jugendlicher nach einem Wakeboard-Unfall der rechte Unterschenkel amputiert werden musste, ist im Weitsprung ohne Konkurrenz. Der Gold-Junge von London 2012 ist Welt- und Europameister, hält mit 8,40 Metern den Weltrekord. Springt über einen Meter weiter als seine Konkurrenz. Rehm wurde 2014 deutscher Meister bei den Nichtbehinderten, danach entstand ein hitzige Debatte über Inklusion im Sport. Der 28-Jährige wollte wie einst Oscar Pistorius auch bei den Olympischen Spielen starten. Aber der Weltverband änderte die Regeln und Rehm musste nachweisen, dass er durch seine Prothese keinen Vorteil hat. Das gelang ihm nicht zu 100 Prozent. Danach einigte er sich mit der IAAF auf einen Startverzicht bei Olympia. Stattdessen will der Orthopädie-Techniker mit dem Weltverband an Regeländerungen mitwirken, um künftig auch körperlich benachteiligten Sportlern eine Teilnahme an Weltmeisterschaften zu ermöglichen. Sein Ziel ist es, bei der WM 2017 in London zu starten.

9. Martin Schulz (Triathlon)

Der Leipziger könnte als erster Paralympics-Sieger im Triathlon Geschichte schreiben. Denn Triathlon erlebt seine Premiere bei den Spielen der Behindertensportler. Der 26-Jährige aus Leipzig holte sich erst im Juli zum dritten Mal WM-Gold und davor zum fünften Mal den EM-Titel. Dem Leipziger, der 2012 in London noch im Schwimmen startete, fehlt der linke Unterarm. Als Schwimmer gewann er international zahlreiche Medaillen. Er absolvierte eine Ausbildung zum Bürokaufmann mit der Zusatzqualifikation Sport- und Fitnesskaufmann. „Triathlon ist der Sport, der am besten zu mir passt“, sagt Schulz. Im Alter von 15 Jahren überredete er seine Eltern, mal bei einem Triathlon starten zu dürfen: „Ab da hat mich der Triathlonvirus gepackt.“ Gegen seinen Hauptrivalen, den Kanadier Stefan Daniel, bestritt er in diesem Jahr aber noch kein Rennen.

10. Michael Teuber (Radsport)

Der 48-Jährige ist einer der erfolgreichsten deutschen Paralympics-Sportler. Er holte 2012 den Titel im Einzelzeitfahren auf der Straße, gewann insgesamt bisher vier Mal Gold. Es sind seine fünften Paralympics. Der 18-malige Weltmeister und 16-malige Europameister veröffentlichte jetzt seine Biografie: „Aus eigener Kraft“. Im Alter von 19 Jahren verschuldete ein Schuldfreund einen Autounfall. Teuber kämpfte verbissen gegen die Ärzteprognose Rollstuhl an und konnte fünf Jahre später mit Carbon-Schienen an seinen gelähmten Unterschenkeln wieder laufen. Seit 1999 ist Teuber professioneller Sportler, Bergsteiger und Abenteurer, der schon den Kilimandscharo bestiegen hat. Er ist derzeit so gut in Form, dass er auch nach Rio weitermachen will: „Vielleicht bis Tokio 2020.“

Und das sind die möglichen Stars der Rio-Paralympics. Eine Liste aller deutschen Behindertensportler/innen bei den Paralympics finden Sie übrigens in unserem großen Rio-Special.

(RP/dpa)

Zum ROLLINGPLANET-Special Paralympics Rio 2016
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