Martin Schulz: Ganz toll, Paralympics-Sieger – und nun?

Möglicherweise droht sogar das Karriereende: Die Geschichte des ersten Triathlon-Paralympicssiegers ist typisch für viele deutsche Behindertensportler, die in Rio erfolgreich waren. Von Sandra Degenhardt

Der Sportler Martin Schulz jubelt nach seinem Sieg während der Paralympics  2016 in Fort Copacabana (Brasilien) am 10. 09.2016. (Foto: Kay Nietfeld/dpa)

Der Sportler Martin Schulz jubelt nach seinem Sieg während der Paralympics 2016 in Fort Copacabana (Brasilien) am 10. 09.2016. (Foto: Kay Nietfeld/dpa)

Die Zukunft von Martin Schulz ist unklar. Auch wenn der 26-Jährige als erster Triathlon-Paralympics-Sieger Sportgeschichte geschrieben hat (siehe unser großes ROLLINGPLANET-Special Live von den Paralympics 2016 in Rio), weiß er noch nicht, wie es weitergeht. Alles steht und fällt mit dem für viele Athleten leidigen Thema Förderung. „Ich liebe Triathlon, und Tokio 2020 ist mein Ziel. Aber es wurde teilweise auch zur Belastung: eine Leidenschaft, die Leiden schafft“, sagt der Leipziger mit nicht zu überhörendem Frust in der Stimme. Ist Aufhören eine Option? „Ja. Ich möchte nicht, dass der Triathlon eine Last wird.“

Schulz will eigentlich nur eines: unter professionellen Bedingungen seinem Sport nachgehen. Denn der Leipziger, der erst vor vier Jahren vom Schwimmen komplett zum Triathlon wechselte, ist einer der Weltbesten seiner Zunft – fünfmal Europameister, dreimal Weltmeister und nun erster Paralympics-Sieger. In den vergangenen Jahren waren zwei zweite Plätze seine schlechtesten Platzierungen. Ansonsten gewann er alle Rennen, an denen er teilnahm. Und er ist noch nicht am Limit. „Ich habe noch viel Potenzial, kann mich in jeder Disziplin verbessern.“

Nur die Hälfte für Behindertensportler

Aber die Rahmenbedingungen stimmen nicht. Bekam er vor den Paralympics vom Behindertensportverband und der Deutschen Sporthilfe einen Förderbetrag von 550 Euro, bleiben ihm jetzt noch 150 Euro. „Die nur auf den Höhepunkt ausgelegte Top-Team-Förderung von 400 Euro im Monat fällt weg. Und die 150 Euro sind ein bisschen Taschengeld, um den Kühlschrank zu füllen“, klagt Schulz. Die Behindertensportler bekommen von der üblichen A-Kader-Förderung der „Nichtbehinderten“ nur die Hälfte, also statt 300 nur 150 Euro.

„Ich fange jetzt ganz normal wieder mit einem 30-Stunden-Bürojob an und muss schauen, dass ich mein Geld da verdiene. Das Training läuft in den nächsten Monate erstmal nur so nebenbei. Aber das hat für mich nichts mit Leistungssport zu tun“, sagt Schulz.

„Nebenbei zehn andere Dinge“

Der 26-Jährige, dem der linke Unterarm fehlt und der bei den Stadtwerken Leipzig vorerst befristet bis 2018 in Teilzeit arbeitet, hat schon immer eine duale Karriere verfolgt. Aber um weiter Top-Leistungen abzurufen, müsse man Profi sein. „Wenn ich weitermache, muss ich mich zu 100 Prozent darauf konzentrieren können und nicht noch nebenbei zehn andere Dinge tun müssen, um mich über Wasser zu halten“, sagt der gelernte Büro- sowie Sport- und Fitnesskaufmann.

Denn viele seiner Konkurrenten sind Profis. „In Rio waren in meiner Startklasse alles Vollprofis und das nicht erst seit einem Jahr, sondern schon seit bekannt ist, dass Triathlon paralympisch wird“, sagt Schulz. „Klar schaut man neidisch auf die anderen, auch weil sie aus Nationen kommen, die wirtschaftlich viel schwächer als Deutschland sind“, sagt Schulz, der seinen Jahresurlaub für Trainingslager nimmt und auch privat Geld in seinen Sport investiert.

Aufmerksamkeit ohne zählbaren Erfolg

Sein Wunsch: eine Stelle in einer Sportfördergruppe, wie sie viele Top-Athleten bei den Nichtbehinderten haben, inklusive Freistellungen und Gehalt. Doch so etwas gibt es bei den Behinderten in der Form noch nicht. „In Deutschland liegen zwischen olympischem und paralympischem Sport immer noch Welten. Die Medaillenprämien sind das Einzige, was angeglichen wurde. Ansonsten sind wir überall benachteiligt. Im internationalen Vergleich sind wir nur mittelmäßig aufgestellt, und das ist als Sportnation schwach“, hadert Schulz.

Sein emotionaler Erfolg in Rio bescherte Schulz mediale Aufmerksamkeit. Aber richtig profitieren konnte er bisher davon noch nicht. Ihm fehlt derzeit ein Radausrüster, was enorm wichtig sei. „Wichtig ist halt auch eine finanzielle Absicherung, damit ich mir keine Gedanken machen muss, dass ich meine monatliche Miete bezahlen kann.“

Und wenn alles nicht klappt? „Dann werde ich zu 100 Prozent in meinen Beruf einsteigen, mich eventuell wieder weiterbilden und Triathlon nur noch als Hobby machen.“ Doch das will er jetzt noch nicht.

(dpa)

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