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Mastektomie: Wird es jetzt schick, sich die Brüste abnehmen zu lassen?

In den USA gibt es bereits eine „Epidemie“ von vermutlich unnötigen Brustamputationen, warnen Kritiker.

Hilfe, Werther-Effekt! (Foto: dpa)

Hilfe, Werther-Effekt! (Foto: dpa)

Angelina Jolie (37) hat für ihre Brustamputation aus Angst vor Krebs in den USA viel Applaus erhalten. Gleichzeitig warnen Onkologen nun, das Beispiel der amerikanischen Schauspielerin voreilig nachzuahmen.

„Sie ist ein Sonderfall, und es ist absolut verständlich, warum sie es getan hat“, wurde die Brustchirurgin und Bestsellerautorin Susan Love am Mittwoch von der „New York Times“ zitiert und bestätigt damit, was ROLLINGPLANET schrieb: Angelina Jolie hat mit ihrer Brustamputation das Krebsgen BRCA1 weltberühmt gemacht – allerdings sind davon nur wenige Frauen betroffen.

Angst vor dem mutierten BRCA1-Gen

Ebenfalls in der „New York Times“ hatte Jolie hatte gestern offen über ihren radikalen Schritt zur Krebsvorsorge berichtet (siehe ROLLINGPLANET-Themenspecial Angelina Jolie).

Die Schauspielerin ließ sich wegen eines ererbten hohen Krebsrisikos beide Brüste amputieren. Ihre Mutter Marcheline Bertrand starb 2007 mit 56 Jahren an Krebs. Sie trage ein „defektes“ BRCA1-Gen in sich und habe von ihren Ärzten ein Brustkrebsrisiko von 87 Prozent genannt bekommen, begründete die sechsfache Mutter und Lebensgefährtin von Hollywood-Star Brad Pitt (49) die schwere Entscheidung. Inzwischen seien ihre Brüste mit Implantaten rekonstruiert worden.

Die Chirurgin verrät Details

Angelina Jolie bei den Filmfestspielen in Cannes 2011 (Foto: Asam)

Angelina Jolie bei den Filmfestspielen in Cannes 2011 (Foto: Asam)

Die Behandlung fand zwischen Februar und April in der Klinik Pink Lotus Breast Center in Beverly Hills statt. In einem detaillierten Blog berichtete Jolies Chirurgin Dr. Kristi Funk am Dienstag über die verschiedenen Eingriffe bei ihrer prominenten Patientin.

Pitt sei bei jeder Operation dabei gewesen. Bereits vier Tage nach der Brustabnahme habe Jolie schon wieder „reichlich Energie“ für ihre Arbeit gehabt, schreibt die Ärztin.

Mutige Entscheidung – schlechtes Beispiel?

Mehrere Spezialisten der Memorial Sloan Kettering Krebsklinik in New York fürchten, dass Jolies Offenheit andere Frauen ohne Defekt der Brustkrebsgene BRCA1 oder BRCA2 zur Brustamputation verleiten könnte. „Es ist wichtig zu sehen, dass BRCA-Mutationen eine Ausnahme mit hohem Risiko sind“, sagte die Chefin der Brustkrebsabteilung an dem Krankenhaus, Dr. Monica Morrow.

Ihren Angaben nach haben nur wenige Frauen diese Erbanlage. Laut Morrows Kollegen Dr. Kenneth Offit, dem Leiter der Klinischen Genetik bei Memorial Sloan Kettering, entscheiden sich auch nur 30 Prozent der Betroffenen für die prophylaktische Brustamputation.

Mastektomie bereits „epidemisch“

In den USA hat die Entscheidung einer präventiven Mastektomie der gesunden Brust von Patientinnen, die ihre andere Brust durch einen Tumor verloren hatten, in den vergangenen Jahren „epidemisches Ausmaß“ angenommen, schreibt die Zeitung.

In vielen Fällen sei diese Maßnahme medizinisch nicht erforderlich gewesen. Einige Patientinnen schätzten ihr Risiko für einen zweiten Tumor zu hoch ein, andere wählten die präventive Amputation aus kosmetischen Gründen, sagt Morrow. Diese Frauen glaubten, dass die Doppelmastektomie und -implantation besser aussehe.

In den USA, so scheint es ROLLINGPLANET aus der Ferne, verwundert das eigentlich nicht – hier sind seit einiger Zeit schließlich auch Schönheits-OPs für Schamlippen schick.

Andere Länder, andere… Sitten

Aber wie ist bei uns? In Deutschland werden weniger als zwei Prozent der Brustentfernungen vorsorglich gemacht. Das berichtete der AOK Bundesverband am Mittwoch in Berlin mit Verweis auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Danach gab es 2011 bundesweit rund 119.000 Brustentfernungen oder brusterhaltende Operationen.

Vorsorgliche Eingriffe wie bei Jolie machten davon „weniger als zwei Prozent“ aus – eine genauere Angabe gab es nicht. Die meisten OPs erfolgten, weil die Frauen bereits Brustkrebs hatten. Sie konnten im Gros der Fälle (93.000) brusterhaltend geschehen.

(RP/dpa)

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