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Maurice Eschen: Der Mann, der Gibraltar nicht erreichte

Scheitern ist ein hässliches Wort. Falls man zu denen gehört, die glauben, dass es nur Sieger geben kann.

Anfangs noch guter Laune: Maurice Eschen (Foto: Maurice Eschen/Facebook)

Anfangs noch guter Laune: Maurice Eschen (Foto: Maurice Eschen/Facebook)

Nicht Dein Handicap zählt, sondern nur der absolute totale Wahnsinns-Powerwille, der alle Grenzen überwindet: Drei Köpfe, fünf Arme und vier Beine, die riesige Berge erklimmen, Rollstuhlfahrer, die mit dem Handbike hinter den Horizont fahren oder als Tetra durch die USA reisen, beinamputierte Paralympicssieger, die fast bis zum Mond springen, von Haien gebissene Gliedmaßenlose, die jedes Weltmeer durchqueren – immer wieder beschleicht uns von ROLLINGPLANET angesichts solcher hyperaktiven Bewegungsmelder das Gefühl, Pantoffelhelden und rollende Kugeln zu sein.

Wir schaffen es mit Mühe zu unserem Rechner, um einen Artikel einzuwerfen. Danach schnaufen wir uns zum nächsten Supermarkt, um mit zahlreichen Tüten behangen zurückzukehren. 2 x 200 Meter, die uns alles abverlangen. Ständig leben wir mit dem schlechten Gewissen, keine Superhumans zu sein. Kurz: Wir sind Versager, die uns vor dem Erfolgsdruck und der Leistungsgesellschaft drücken.

Auf nach Gibraltar

Blick ahf den Hafen von Gibraltar (Foto: Bildpixel/pixelio.de)

Blick ahf den Hafen von Gibraltar (Foto: Bildpixel/pixelio.de)

Affe in Gibraltar (Foto: David M./pixelio.de)

Affe in Gibraltar (Foto: David M./pixelio.de)

Der Futter-Nachschub für den Affen oben ist nicht angekommen (Foto: Maurice Eschen/Facebook)

Der Futter-Nachschub für den Affen oben ist nicht angekommen (Foto: Maurice Eschen/Facebook)

Ganz anders Maurice Eschen. Der ist auch so ein Mensch mit Behinderung, der uns klar gemacht hat, dass das Leben von uns behinderten Faultieren im Grunde jämmerlich ist. Der Münsteraner hatte sich Großes vorgenommen: In gut zehn Wochen wollte er von Hannover nach Gibraltar (Spanien) fahren. In einem Rolli.

Der 24-Jährige sitzt seit seiner Kindheit wegen einer Entwicklungsstörung im Rollstuhl, Sport ist seine Leidenschaft. Er ist Reporter beim Fan-Radio des Fußballvereins Preußen Münster, spielt Rollstuhlbasketball und war zwischenzeitlich auch in der Bundesliga aktiv.

Fragen Sie uns jetzt nicht, warum man unbedingt nach Gibraltar muss, das wegen seiner Felsen nicht unbedingt das Paradies für Rollstuhlfahrer ist. Dort gibt es weit und breit kein Sanitätshaus, das verwöhnten Zivilisationsgenossen wie uns den Stuhl flickt, wenn er eine Panne hat. Eigentlich gibt es auf Gibraltar gar nichts, nur Steine, Barberaffen, ein Friedhof für verstorbene Matrosen und viel Wasser drumherum zum Anschauen. Fragen Sie uns nicht, warum man ausgerechnet bei brutal heißer Sommerhitze aufbrechen muss, die dem Körper ohnehin schon alles abverlangt, statt ein Karameleis zu essen.

„Ein Kindheitstraum“

Großes Interesse für den Mann, der nach Gibraltar wollte (Foto: Maurice Eschen/Facebook)

Großes Interesse für den Mann, der nach Gibraltar wollte (Foto: Maurice Eschen/Facebook)

Man kommt wie Eschen (Facebook-Seite: „Ein Mann, eine Straße, ein Ziel“) vermutlich höchstens dann auf die Idee, nach Gibraltar rollen zu wollen, wenn man auf der Landkarte feststellt, dass die Entfernung schlappe 3000 Kilometer beträgt, was für einen Superbehinderten kein Problem, sondern eine Herausforderung darstellt.

„Das ist ein Kindheitstraum“, so Eschen vor seinem Start in einem Interview mit „Spiegel Online“, „zumindest so ähnlich. Eigentlich wollte ich die US-Ostküste bis nach Key West hinunterfahren, weil man dort bei gutem Wetter bis nach Kuba schauen kann. Aber das hat aus finanziellen Gründen nicht geklappt. Jetzt wird es eben Gibraltar, von dort kann ich zumindest Afrika sehen. Es gibt aber auch noch einen zweiten Grund: Ich möchte beweisen, dass man im Rollstuhl alles machen kann; dass Rollstuhlfahrer normale Menschen sind; dass sie auch abgefahrene Träume haben. Ich will an meine Grenzen gehen – und darüber hinaus.“

Keine Schrauben, keine Bremsen

Der Weg ist das Ziel... (Foto: Maurice Eschen/Facebook)

Der Weg ist das Ziel… (Foto: Maurice Eschen/Facebook)

Am 13. Juli ging es von Hannover aus los, mit einem Rollstuhl „aus titanverstärktem Edelstahl. Das bringt Gewichtsersparnis. Er hat keine Schrauben und keine Bremsen. Die Bremse bin ich! Mit meinen Händen habe ich einfach die höchstmögliche Kontrolle. Sie stecken in Fahrradhandschuhen, darüber ziehe ich Spülhandschuhe aus Gummi an, von denen ich die Finger abgeschnitten habe. Die bieten den besten Grip.“

Gut zehn Wochen Fahrzeit hatte Eschen eingeplant. Begleitet wurde er von drei Freunden in einem Wohnmobil. Auf dem Rückweg sollten sie ihn dann mitnehmen.

Vorzeitiges Ende einer Tour

Doch nach 750 Kilometern und 23 Tagen mit durchschnittlich 33 Kilometern musste der 24-Jährige nun die Tour in der Nähe von Reims in Nordfrankreich abbrechen – Grund: ein Muskelfaserriss nach einem Sturz, inklusive eines mehrtägigen Krankenhausaufenthaltes. Gefrustet postete er gestern bei Facebook: „Tag für Tag geht es mir besser. Dennoch bin ich immer noch sehr traurig über den Abbruch der Tour!“

„Den Schatz an Erfahrungen, den ich auf dieser Reise gesammelt habe, kann ich den Rest meines Lebens gebrauchen“, sagte Escher in einem Interview. Schon jetzt bekomme er viele Rückmeldungen von anderen Rollstuhlfahrern, die er inspiriert hat, „selbst aktiver zu werden.“

Da kriegen wir nun erst recht ein schlechtes Gewissen. Von uns natürlich ein großes Kompliment an Maurice Eschen, und wir gestehen: Wir sind neidisch, dass keiner von uns das je auf die Reihe bringen wird. Verdammt neidisch sogar.

(RP)

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5 Kommentare

  • Anne Chantal

    „Ich möchte beweisen, dass man im Rollstuhl alles machen kann; dass Rollstuhlfahrer normale Menschen sind; dass sie auch abgefahrene Träume haben. Ich will an meine Grenzen gehen – und darüber hinaus.“

    Das habe ich auch getan, indem ich Juni 2013 ohne Assistanz von Porto nach Santiago, auf dem Caminho Portugues gerollt habe.

    9. August 2013 at 13:04
  • Wolf Schweitzer

    Es gibt diese Dinge, die man (gerade dann wenn man fast dran draufgeht) ums Verrecken selber machen muss. Bei mir sind das Dinge wie „ohne Armprothese Deckenlüfter montieren, zusammenbauen und anschliessen“. Es geht beliebig einfacher, man könnte auch um Hilfe bitten, aber es muss unbedingt so Zeug sein. Es gibt diese Dinge, die ich um nichts in der Welt eintauschen würde. Sie leben bei mir auf der Landkarte der Selbstbehauptung und des Stolzes, nicht auf der Landkarte der Effizienz oder Vernumpft.

    9. August 2013 at 14:01
  • Björn

    Hut ab vor solchen Leistungen, ohne jeden Neid.

    Warum allerdings muss man das mit einem Indoorrollstuhl angehen, der ausschließlich für Hallensportarten konzipiert ist?
    Lässt sich nicht ankippen (siehe starre Stützräder hinten) und die Miniaturrädchen vorne provozieren Stürze geradezu.

    Mit einem Straßenrolli wärs evtl was geworden?

    9. August 2013 at 18:11
  • Anne Chantal

    Ich finde alles toll was du geleistet hattest, Maurice.

    Ich weiß nicht, wer Dich technisch und organisatorisch beraten hat, aber ich glaube Dein Rollstuhl ist für eine solche Reise nicht optimal ausgestattet.
    Du verlierst viel Kraft und damit auch Konzentration, weil Du einen Sport-Rolli mit einer zwar sehr wendigen aber nicht so gut laufenden Radsturz der Antriebsräder benutzt hast, der Dich sehr stark „ausgebremst“ haben muß.

    Dadurch bekommst Du langfristig auch große Schwierigkeiten in den Armgelenken – vom Daumensattel- bis zu den Schultergelenken bzw. zu starke Beanspruchung der beteiligten Muskulaturgruppen.
    Dies kann – das richtige Training vorausgesetzt natürlich mit der richtigen Technik stark kompensiert werden, dass es erst sehr spät oder sogar gar nicht auftritt, jedoch sollte es unbedingt in die Planung solch einer tollen Tour miteinbezogen werden.

    Der verwendete Rolli ist sehr gut um schnelle und enge Wendungen auf kleinem Raum durchzuführen, jedoch für den möglichst ungebremsten Geradeauslauf ist eine steilere Anschrägung für die lange Strecke wesentlich besser geeignet.

    Solch einen Rolli vorher auf leichten Lauf zu verbessern – „tunen“ – ist dann eine sehr lohnenswerte Sache, da man sich dann nur noch auf das Anschieben konzentrieren kann und nebenbei alles andere ein Genuss wird.

    Ich habe den Jakobsweg gemacht und bin dabei auf dem Caminho Portugues über Stock und Steine gerollt – mein Rolli hat standgehalten.
    Er hatte einen senkrechten Radstand also 0° Sturz mit .

    Ich fahre erst seit 3 Jahren im Rolli.
    Aufgrund dieser Tatsache war es für meine Gesundheit und meine Leistung entscheiden verschiedene Parameter vor der Fahrt in Betracht zu ziehen um diesen langen Weg unbeschadet zurückzulegen.
    Dabei hat mir ein Freund geholfen, der sich seit sehr langer Zeit damit auskennt jedes Detail zu optimieren.

    Das wesentliche war das Gewicht, das ich mit jedem Schub vorwärts bewege, da ich ja quasi mit meinen Händen laufe.
    Hier haben wir meinen alten Rolli weggeworfen, der hatte fast 17 kg und einen verwendet der nur noch 4,9kg hatte.
    Dann wurden die Vorderräder auf 5″ große Skaterollen mit einem sehr hohen Quickwert von über 75 ausgetauscht, die sogar leuchten, wenn man rollt – je schneller desto heller.

    Dann die Radlager ausgetauscht gegen welche geschlossene Keramiklager sind – dies war die teuerste Optimierung, denn jedes Lager kostete über 15€, doch dafür halten die wahrscheinlich länger als ich lebe…

    Zuletzt haben wir die Treibreifen dahingehend optimiert, daß diese zwar „langsame“ Vollmantelreifen, so genannte pannensichere Bereifung, sind aber dafür welche die so hart sind wie sonst nur mit 8 bar aufgepumpte Luftreifen.

    Hier kann man auch welche mit 10bar Luftbereifung mit Pannenschutzstreifen und glattem Laufstreifen – RightRun – verwenden, doch wollte ich mich in erster Linie darauf konzentrieren, was der Pilgerweg für mich bringt, statt immer nur daran zu denken ja in keinen Nagel zu fahren.

    So ausgestattet konnte ich ohne an meine Ausrüstung denken zu müssen, mich auf mich und den Weg konzentrieren, der ja schließlich das Ziel ist und nicht die Technik dorthin zu gelangen…

    😉

    Vielleicht hast Du ja Lust auf dem Caminho Portugues zu trainieren?
    Nächstes Jahr werde ich wieder dort fahren wollen und bereite mich schon darauf vor.

    Veilleicht hast Du ja Lust mal in meiner fb-Gruppe dazu vorbeizuschauen?

    Ich betreibe 2 Gruppen dazu:
    eine „offene“ – auch für Fußgänger UND Rollis:
    https://www.facebook.com/groups/543931208957739/?bookmark_t=group

    und eine geschlossene für Rollis und deren Freunde:
    https://www.facebook.com/groups/148676458664256/?bookmark_t=group

    Scheu´ Dich nicht, daß diese in französischer Sprache zu sein scheint: dies ist nur um besser Kontakt zu den portugiesischen und spanischen Rollis und deren freunde und Behörden zu bekommen, da für diese Länder die französische Sprache – auf jedem fall bei den älteren Generationen – sehr geläufig ist.

    Guter Weg! oder wie wir Jakobiner sagen: Buen Camino!

    13. August 2013 at 15:27
    • Rainer Zimmerdorf

      Volkommen Deiner Meinung Anne!
      Alles Gute Maurice

      13. August 2013 at 22:54

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