Medikamente: „Keine Experimente mit nicht einwilligungsfähigen Erwachsenen!“

Menschen mit Demenz oder geistiger Behinderung gehören zu dieser Personengruppe – Evangelische Stiftung Alsterdorf warnt vor der geplanten Gesetzesänderung.

Dr. Michael Wunder, Leiter des Beratungszentrums der Evangelische Stiftung Alsterdorf (Foto: Deutscher Ethikrat)

Dr. Michael Wunder, Leiter des Beratungszentrums der Evangelische Stiftung Alsterdorf (Foto: Deutscher Ethikrat)

Mitte nächster Woche berät der Bundestag bereits abschließend über ein neues Arzneimittelgesetz (Entwurf eines Vierten Gesetzes zur Änderung arzneimittelrechtlicher und anderer Vorschriften), das noch im August in Kraft treten soll. Unter den vorgeschlagenen Änderungen finden sich unter anderem Bestimmungen für Medikamententests an nicht einwilligungsfähigen Erwachsenen wie Menschen mit Demenz (§ 40b Absatz 4 der 4. Arzneimittelgesetz-Novelle) – oder Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung (ROLLINGPLANET berichtete: Gröhe will wehrlose Demenzkranke zu Versuchskaninchen machen).

In der Evangelischen Stiftung Alsterdorf betrachtet man die geplante Gesetzesänderung und den Diskussionsverlauf in Berlin äußerst kritisch. Dr. Michael Wunder, Leiter des Beratungszentrums der Evangelische Stiftung Alsterdorf sowie ehemaliges Mitglied des Deutschen Ethikrats, warnt ausdrücklich vor einer vorschnellen und falschen Entscheidung – ROLLINGPLANET dokumentiert seine Stellungnahme:

„Weder mit dem Statut der Patientenverfügung noch mit dem Betreuungsrecht vereinbar“

„Eine Regelung, die die fremdnützige Forschung an nicht einwilligungsfähige Menschen ermöglicht, darf nicht einfach in einem Schnellverfahren durchgewunken werden, sondern muss sorgfältiger hinterfragt und diskutiert werden. Seit der Diskussion um die Bioethik-Konvention des Europarats Ende der 1990er Jahre und um die 12. AMG-Novellierung 2003/2004 haben sich die Argumente nicht geändert. Nur der er Begriff der Fremdnützigkeit wird jetzt durch den Begriff der Gruppennützigkeit ersetzt Damals wurde aber eindeutig und in Übereinstimmung mit der entsprechenden Europäischen Richtlinie klargestellt, dass die Teilnahme nicht einwilligungsfähiger Personen an medizinischer Forschung die Aussicht auf einen individuellen Nutzen der betroffenen Person voraussetzt. Nur bei Kindern wurde hiervon eine Ausnahme gemacht, wenn ein Nutzen für die Gruppe der gleichbetroffenen kindlichen Patienten zu erwarten ist und wenn es sonst keine Möglichkeit für medizinische Fortschritte gibt. Der Grund für diese Ausnahme ist aber die besondere Situation der Kindermedizin: die Differenzierung in viele Altersgruppen, die alle unterschiedlich zu betrachten sind, das große Krankheitsspektrum und der fortwährende Mangel an kindgerechten Medikamenten. Hinzukommt, dass das Elternrecht, einschließlich der Elternsorge, mit dem Betreuungsrecht nicht zu vergleichen ist.

Wenn jetzt argumentiert wird, Erwachsene sollten bei einer Vorabeinwilligung und einer dann aktuellen Betreuerzustimmung zu fremdnützigen Forschungen herangezogen werden, so muss festgestellt werden: Das ist weder mit dem Statut der Patientenverfügung noch mit dem Betreuungsrecht vereinbar. In beiden Fällen würde der Charakter der Regelungen grundsätzlich verändert: Die gesetzliche Regelung für Patientenverfügungen benennt eindeutig ,Untersuchungen des Gesundheitszustandes, Heilbehandlungen oder ärztliche Eingriffe‘, zu denen Entscheidungen in der Verfügung niedergelegt werden können – nicht jedoch Forschungsvorhaben. Und das Betreuungsrecht ist auf Unterstützung, Hilfe und Schutz des Betreuten angelegt und verpflichtet den Betreuer, im Sinne des Wohls des Betreuten zu entscheiden. Eine Entscheidung im Sinne des Gruppenwohls gibt es im Betreuungsrecht nicht.

Die rote Linie für fremdnützige Forschung im Erwachsenenbereich, die 2004 Konsens war, muss erhalten bleiben, auch wenn Lobbyisten immer wieder versuchen, dagegen anzurennen. Übrigens: Schon damals wurde geunkt, wenn die Tür für Kinder geöffnet ist, dann kommen bald andere Gruppen, wie Demenzkranke, Menschen mit Behinderung, psychischer Krankheit oder Hirnverletzungen nach. Das scheint jetzt der Fall zu sein und wir erleben nur den Anfang einer Diskussion einer beständigen Ausweitung.

Die bisherigen Regelungen reichen im Prinzip aus. Alle Erfahrungen mit Demenzmedikamenten zeigen, dass sie frühzeitig eingesetzt werden müssen. Das bedeutet auch für die Forschung, dass diese frühzeitig, also in der ersten Phase der Demenz, in der die Betroffenen in der Regel einwilligungsfähig sind, anfangen muss. Allenfalls wäre deshalb zu erwägen, ob man die Weiterführung eines bereits begonnenen Versuchs durch Voraberklärung in eine Phase hinein ermöglichen sollte, in der die Einwilligungsfähigkeit nicht mehr gegeben ist. Der Vorteil wäre wenigstens, dass der einwilligenden Person bekannt ist, was geforscht wird. Eine Blanko-Vorabeinwilligung in zukünftige und damit unbekannte Forschungsprojekte ist in jedem Falle abzulehnen.“

(RP/PM)

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1 Kommentar

  • Martin MITCHELL

    .
    Vielleicht ist ja auch dies für all diejenigen die diese Webseite besuchen von Interesse.

    Medikamententests ohne Zustimmung der Teilnehmer.

    Medikamententests an Heimkindern in WESTDEUTSCHLAND.

    ANFANG DES ZITATS DES RELEVANTEN MEINERSEITIGEN BEITRAGS.

    Dieser Thread »Medikamententests an Heimkindern in WESTDEUTSCHLAND« @ http://www.ehemalige-heimkinder-tatsachen.com/viewtopic.php?f=30&t=151&hilit=Medikamententests (Siehe einleitenden Beitrag oben) wurde von mir aus gutem Grund hier im EHEMALIGE-HEIMKINDER-TATSACHEN.COM-Forum schon am Mittwoch, 3. Februar 2016, um 08:43 Uhr (MEZ/CET) eröffnet. Wer selbst persönliches Wissen was dieses Thema betrifft hat, sollte dies unbedingt kund tun.

    Jetzt schon mal erscheint diesbezüglich folgende Veröffentlichung in der Fachzeitschrift Sozial.Geschichte Online 19 (2016) S. 61–113

    ANFANG EINES AUSZUGS AUS DIESER STUDIE.

    Ein unterdrücktes und verdrängtes Kapitel der Heimgeschichte – Arzneimittelstudien an Heimkindern, SILVIA WAGNER, Sozial.Geschichte Online 19 (2016) [ @ http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-42079/04_Wagner_Heime.pdf (insgesamt 54 digitale Seiten — anfangend auf Seite 61 der Drucksache selbst — Abschluss auf Seite 113 der Drucksache selbst) ]

    [ „Dies ist eine Veröffentlichung der Sozial.Geschichte Online lizenziert nach [Creative Commons – CC BY-NC-ND 3.0]“ — Dieser Hinweis, am Ende des Originals dieses Artikels ist noch etwas länger und detaillierter. Jeder sollte selbst dort nachsehen und sich genau informieren. ]

    1. Einleitung

    Obwohl ehemalige Heimkinder immer wieder berichteten, dass ihnen in den Erziehungseinrichtungen in dem Zeitraum von 1950 bis etwa Mitte der 1970er Jahre zum Teil über Jahre sedierende Arzneimittel verabreicht wurden, ist dieser Aspekt der Heimgeschichte bisher nur ansatzweise aufgearbeitet worden. Einige der Betroffenen äußerten die Vermutung, dass an ihnen Arzneimittelstudien durchgeführt worden seien. Als der Runde Tisch Heimerziehung (RTH) im Jahre 2009 seine Arbeit aufnahm, forderten ehemalige Heimkinder deshalb, dass auch das Thema Arzneimittel dort Beachtung finden sollte. Dies wurde jedoch abgelehnt. Im Abschlussbericht des RTH finden nur die Verabreichung der Medikamente und eine Arzneimittelstudie an Heimkindern über die Prüfung des Neuroleptikums Truxal in dem Heim Neu-Düsselthal Erwähnung.1 In dieser Studie heißt es:

    „Wenn es im Rahmen der Heimerziehung zu generellen und kollektiven Behandlungen bzw. Sedierungen gekommen ist, die weniger den Kindern und Jugendlichen als der Disziplin im Heimalltag oder gar der Erforschung von Medikamenten zuträglich waren, ist dies als Missbrauch zu beurteilen und erfüllt ggf. den Tatbestand der (schweren) Körperverletzung – auch nach damaligen Maßstäben. Ob und in welchem Umfang eine solche Praxis vorkam, kann jedoch so viele Jahre später schwer beurteilt werden“. 2

    In diesem Beitrag werden erste Ergebnisse eines Forschungsprojektes zusammengefasst, die eine neue Perspektive auf die Prüfung von Arzneimitteln in Heimen zwischen den 1950er und Mitte der 1970er Jahre ermöglichen. Die Ergebnisse zeigen, dass die Studie von Neu-Düsselthal keine Ausnahme war, sondern dass in dem genannten Zeitraum in deutlich größerem Ausmaß als bisher bekannt Arzneimittelstudien an Heimkindern durchgeführt wurden. Der Beitrag rückt die Rolle der Medizin und Mediziner, die in der bisherigen Aufarbeitung der Geschichte der Heimkinder weitgehend unberücksichtigt blieb, in den Fokus.

    Untersucht wird in dieser Arbeit zunächst die Situation in der BRD. Einen Vergleich zur DDR ist nur ansatzweise möglich (siehe Abschnitt 5.1). Eine Studie von Karsten Laudien und Christian Sachse liefert erste Hinweise über Arzneimittelstudien in den dortigen Kinderheimen.3 Ebenso gibt es Anhaltspunkte für entsprechende Praktiken in anderen Staaten. Ein Forschungsprojekt in der Schweiz widmet sich gegenwärtig der historischen Aufarbeitung von Arzneimittelstudien, die in den 1960er und 70er Jahren unter der Leitung des Psychiaters Roland Kuhn, dem Entdecker des ersten Antidepressivums, unter anderem an Heimkindern durchgeführt wurden.4 In den USA erschien 2004 eine Reportage über HIV-positive Kinder in New Yorker Heimen, an denen bis dahin unerprobte Medikamente getestet worden seien.5

    Diese Studie versucht in erster Linie, das Versäumnis des RTH aufzuarbeiten. Im Forschungsprozess kam zudem die Frage auf, inwieweit in den durchgeführten Arzneimittelstudien an Heimkindern in der BRD eine Kontinuität des Menschenbildes festzustellen ist, das während der Zeit des Nationalsozialismus zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit geführt hat. Die Studie untersucht daher den beruflichen Werdegang der an den Versuchen beteiligten Forscher, Ärzte und Mitarbeiter institutioneller Träger und stellt in zahlreichen Fällen bruchlose Berufsbiographien von an NS-Verbrechen verantwortlichen Medizinern in der BRD fest. Drittens beleuchte ich, inwieweit Arzneimittelstudien an Heimkindern dazu beitrugen, durch eine systematische Medikalisierung die Funktionsweise der Heime als „totaler Institution“ nach Erving Goffman zu optimieren (siehe die Abschnitte 8.2 und 8.3).6 Auch diese Perspektive sollte nicht übersehen werden.

    [ ……… ]

    –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

    [ Fußnoten ]

    1 Vgl. Uwe Kaminsky, Die Verbreiterung der „pädagogischen Angriffsfläche“, in: LVR (Hg.), Verspätete Modernisierung; Öffentliche Erziehung im Rheinland – Geschichte der Heimerziehung in Verantwortung des Landesjugendamtes (1945–1972), Essen 2011, S. 485–494.
    2 Abschlussbericht RTH, Berlin 2010, S. 20.
    3 Karsten Laudien / Christian Sachse, Expertise zur „Aufarbeitung der Heimerziehung in der DDR“, Berlin 2012, S. 248ff.
    4 Simone Rau, Medikamententests an Heimkindern werden untersucht, Tages-Anzeiger, 29. Mai 2015.
    5 Dominik Groß, Ethische Grenzen humanmedizinischer Forschung, in: Volker Schumpelick / Bernhard Vogel (Hg.), Innovationen in Medizin und Gesundheitswesen, Freiburg 2010, S. 415–439, hier 427.
    6 Erving Goffman, Asyle – Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen, Frankfurt am Main 1981.

    ENDE EINES AUSZUGS AUS DIESER STUDIE.

    BITTE SELBST WEITERLESEN UND STUDIEREN IM ORIGINAL @ http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-42079/04_Wagner_Heime.pdf

    ENDE DES ZITATS DES RELEVANTEN MEINERSEITIGEN BEITRAGS.

    26. September 2016 at 04:13

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