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Medizinisches Zentrum für Contergan-Geschädigte in Nordrhein-Westfalen eröffnet

Betroffene leiden massiv unter Spätfolgen wie Nacken- und Rückenschmerzen sowie im Bereich der Extremitäten an Schulter-, Knie- und Hüftschmerzen.

Udo Herterich, Vorsitzender des Interessenverbandes Contergangeschädigter NRW, hatte sich intensiv für ein Contergan-Schwerpunktzentrum eingesetzt. (Foto: IWN)

Udo Herterich, Vorsitzender des Interessenverbandes Contergangeschädigter NRW, hatte sich intensiv für ein Contergan-Schwerpunktzentrum eingesetzt. (Foto: IWN)

Das erste medizinische Zentrum für Contergan-Geschädigte in Nordrhein-Westfalen ist im oberbergischen Nümbrecht eröffnet worden. In dem ambulanten Schwerpunktzentrum an der Rhein-Sieg-Klinik werden Betroffene auf körperliche und psychische Folgeschäden untersucht und Therapiepläne erstellt. Sie sollen durch die spezielle medizinische Versorgung möglichst lange ein eigenständiges Leben führen können, teilte das NRW-Gesundheitsministerium am Donnerstag mit.

„Das ambulante Schwerpunktzentrum ist ein wesentlicher Schritt zur Verbesserung der Versorgung conterganbetroffener Menschen in Nordrhein-Westfalen. Contergangeschädigte Menschen haben besondere Bedarfe. Diese müssen wir erkennen und ihnen die notwendigen Hilfen und Unterstützungsangebote zur Verfügung stellen“, erklärte Gesundheitsministerin Barbara Steffens heute bei der Eröffnung des Zentrums in Nümbrecht.

„Ein weiterer Baustein ist, dass Ärztinnen und Ärzte sowie Therapeutinnen und Therapeuten, die die Betroffenen an ihrem Wohnort versorgen, durch Schulungen mit den besonderen Bedarfen der Zielgruppe und den entsprechenden Therapiemöglichkeiten vertraut gemacht werden. Ziel ist es, Betroffenen durch bedarfsgerechte Behandlung, Prävention und Unterstützung auch im Alter ein weitgehend selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Wir wollen sie gesundheitlich sowie in ihrem Alltags- und Arbeitsleben unterstützen“, so Steffens.

Reaktion auf eine Studie

Durch das in den 50er Jahren auf den Markt gebrachte Schlafmittel Contergan waren allein in Deutschland 5000 Kinder mit schweren Missbildungen auf die Welt gekommen. Geschädigte mit kurzen Armen setzen im Alltag ihre Füßen ein. Im fortgeschrittenen Alter litten sie nun massiv unter Folgeschäden wie Nacken- und Rückenschmerzen sowie Schmerzen an Schulter-, Knie- und Hüfte, stellte die medizinische Leitung des Zentrums mit. Daneben gebe psychische Beeinträchtigungen. Die Klinik hat nach Ministeriumsangaben jahrelange Erfahrung in der Diagnostik und Therapie von Contergan-Geschädigten.

Eine vom Land Nordrhein-Westfalen in Auftrag gegebene Studie hatte 2015 erstmals die besonderen Versorgungsbedarfe contergangeschädigter Menschen dokumentiert und unter anderem die Einrichtung eines Schwerpunktzentrums empfohlen. In dem Bundesland leben 800 contergangeschädigten Menschen.

Fehlversorgung der Betroffenen vermeiden

Udo Herterich, Vorsitzender des Interessenverbandes Contergangeschädigter NRW, hatte sich intensiv für die Errichtung eines solchen Schwerpunktzentrums eingesetzt:

„Als Betroffene benötigen wir Expertinnen und Experten, die Erfahrung mit contergangeschädigten Menschen und ihren besonderen Bedarfen haben. Wichtig sind multidisziplinäre Untersuchungen und Therapien. Im Schwerpunktzentrum wird es darum gehen, therapeutische Lösungsangebote auszuprobieren, aber auch eine umfassende Beratung zu bekommen hinsichtlich unserer besonderen Bedarfe im Wohnumfeld und Alltag.“

„Wurden die sogenannten Ursprungsschäden von den Betroffenen über Jahrzehnte bemerkenswert gut kompensiert, leiden sie jetzt massiv unter Folgeschäden wie Nacken- und Rückenschmerzen sowie im Bereich der Extremitäten an Schulter-, Knie- und Hüftschmerzen. Weiterhin liegt ein deutlich erhöhter Anteil an psychischen Beeinträchtigungen vor. Durch das Schwerpunktzentrum wollen wir die bisher festgestellte Unterversorgung und vor allem die Fehlversorgung der Betroffenen vermeiden“, sagte Prof. Dr. Klaus M. Peters, ärztlicher Leiter des Schwerpunktzentrums und Chefarzt der Orthopädie in der Dr. Becker Rhein-Sieg-Klinik Nümbrecht.

(RP/mit Materialien von dpa)

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1 Kommentar

  • Barbara Maus

    Ein bisschen spät, oder? Die meisten Betroffenen sind zwischen 50 und 60 und wenn Gelenke erst durch Fehlbelastung kaputt sin, bleiben sie kaputt. Vielleicht hätte man sowas schon vor 20 Jahren einrichten müssen, als die Leute zwischen 30 und 40 waren, wenn der Verschleiß beginnt. Trotzdem gut, lieber spät als gar nicht.

    27. April 2017 at 17:12

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