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Mehr als 100 Kinder in Deutschland warten auf ein neues Leben

Nach Manipulationsskandalen ist die Zahl der Organspenden bundesweit dramatisch gesunken. Von Christina Sticht

Eine Frau hält eine spezielle Kühlbox für menschliche Organe. (Foto: dpa)

Eine Frau hält eine spezielle Kühlbox für menschliche Organe. (Foto: dpa)

Es ist ein Leben an der Schwelle des Todes: Rund 11.000 sterbenskranke Menschen warten bundesweit auf ein Spenderorgan. Täglich hoffen sie auf den erlösenden Anruf mit der Nachricht: „Wir haben ein Organ für Sie.“ Auf der Warteliste der Vergabeorganisation Eurotransplant standen im Oktober auch 112 Kinder unter 16 Jahren allein aus deutschen Transplantationszentren.

Unter dem dramatischen Rückgang der Spendebereitschaft in Deutschland würden sie bisher aber nicht leiden, berichtet der Medizinische Direktor von Eurotransplant, Axel Rahmel. Denn Kinder und Jugendliche werden nach seinen Angaben bei der Verteilung der Organe bevorzugt.

Vorrang für Kinder

Von den 112 Kindern auf der Warteliste benötigten unter anderem 55 eine Niere, 41 eine Leber und 19 ein Herz. Einige Kinder brauchen mehr als ein Organ. Während Erwachsene im Schnitt sechs bis acht Jahre auf eine Niere warten, sind es bei Kindern weniger als zwei Jahre.

Sie bekommen Vorrang, weil sie sich ohne Transplantation nicht wie ihre Altersgenossen entwickeln können – ihr Körper ist durch die Nierenprobleme permanent vergiftet. „Die Entwicklungsrückstände sind sehr schwierig wieder einzuholen“, sagt der leitende Arzt des KfH-Kindernierenzentrums an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), Professor Lars Pape. Das Transplantationszentrum an der MHH ist eines der größten in Deutschland.

Organspende rettet Baby das Leben

Die Transplantation ermögliche Kindern mit Krankheiten, die früher auf jeden Fall tödlich waren, die Chance auf ein neues Leben, betont Pape und erzählt von Carolina (Name geändert). Das Mädchen kam im Januar mit einer sehr seltenen genetischen Erkrankung zur Welt.

Weil sich Zysten in ihren Nieren bildeten, wurden diese funktionsunfähig. Im Mai transplantierte Papes Kollege Frank Lehner dem damals knapp vier Monate alten Baby eine Spenderniere. „Das Organ funktioniert exzellent“, sagt Pape. Nach Recherchen der MHH hat noch nie zuvor ein so junges Kind in einer deutschen Klinik eine neue Niere bekommen.

Normalerweise erhalten schwerst nierenkranke Kinder eine Bauchfelldialyse. Bei dieser Blutwäsche im Körper wird ein Katheter eingesetzt und das Bauchfell als Filter genutzt. Bei Carolina entzündete sich jedoch das Bauchfell. Die bei Erwachsenen übliche Dialyse, bei der das Blut außerhalb des Körpers gereinigt wird, ist eigentlich erst für Patienten ab sechs Jahren geeignet.

Carolina bekam an dem Gerät prompt lebensbedrohliche Blutdruckschwankungen. Die Ärzte entschieden, sie als „besonders dringlich“ bei Eurotransplant zu melden. Elf Tage nach der Meldung bekam das Baby das Organ eines gestorbenen älteren Kindes.

Banges Warten bestimmt den Alltag

Nach Angaben von Eurotransplant haben bundesweit zwischen Januar und Oktober diesen Jahres 240 Kinder ein Spenderorgan eines Toten bekommen. Das waren 16 mehr als im Vorjahreszeitraum. 104 Kinder erhielten eine Lebendspende, also zum Beispiel eine Niere von den Eltern. 2012 waren dies 106 Kinder. Nach Manipulationsskandalen war in Deutschland die Zahl der Spenderorgane insgesamt zurückgegangen.

Trotz der Erfolgsgeschichten bestimmt für viele Kinder und Jugendliche banges Warten den Alltag. Sebastian bekam die Diagnose Ende April: Aus unbekannten Gründen hat sich sein Immunsystem gegen die eigene Niere gerichtet. „Ich war sehr geschockt zu Anfang“, erzählt der 17-Jährige im Nierenzentrum Hannover.

Dreimal pro Woche wird er hier von 12 bis 17 Uhr an die Dialyse angeschlossen. Das Warten auf ein Spenderorgan sei für seine Eltern wohl noch schlimmer als für ihn selber. „Man verdrängt es im Alltag. Ich hoffe aber, dass es schnell geht.“

(dpa)

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