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Mein Assistenzhund macht mich stark – Der Fall Ina Wilhelm

Stell Dir vor, Du brauchst einen Assistenzhund und die Krankenkasse zahlt nicht. In Deutschland passiert das immer noch jeden Tag. Ina Wilhelm ist so ein Fall. Die vom Asperger Syndrom betroffene und in Freiburg wohnende 35-jährige lebt seit 11 Jahren mit ihrer Assistenzhündin Abayomi zusammen. „Abayomi macht mich stark“, sagt Ina Wilhelm.

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Ina Wilhelm und ihre Assistenzhündin Abayomi (Bild: privat)

Erst kürzlich ist Ina Wilhelm mit ihrer Assistenzhündin in Freiburg gleich aus zwei Cafes rausgeflogen, weil die beiden dort nicht erwünscht waren. Aber das ist für unsere Protagonistin im Moment das kleinere Problem. Ihre derzeitig größte Baustelle: sie braucht einen neuen Assistenzhund.

Ein Assistenzhund ist teuer

„Abayomi zu finanzieren, war damals nur möglich, weil viele Menschen dafür gespendet haben.“ Nicht nur Blindenführhunde, die von den Krankenkassen als Hilfsmittel in der Regel problemlos anerkannt werden, sind teuer. Auch Assistenzhunde kosten eine Menge Kohle. „Allein die Ausbildung kostet über 3000 Euro“, so Ina Wilhelm. „Und die Kosten für die Anschaffung eines geeigneten Hundes kommen natürlich noch dazu“, ergänzt sie.

Die Assistenzhündin Abayomi ist in die Jahre gekommen. Inzwischen ist die Hundedame fast 12 Jahre alt und begleitet Ina Wilhelm schon elf lange Jahre. Deshalb muss sich die vom Asperger Autismus betroffene 35jährige seit einiger Zeit darum kümmern, wie sie demnächst zu einem neuen Assistenzhund kommt. Dafür hat sie professionelle Unterstützung aktiviert. „Der Autismusprofessor der Uni Freiburg hat für den Kostenträger, der für mich im Zusammenhang mit Leistungen aus der Eingliederungshilfe zuständig ist, ein Gutachten erstellt, dass eindeutig belegt, dass der Assistenzhund für mich ein notwendiges Hilfsmittel ist.“ Auch ihr ambulanter Psychotherapeut habe ihr einen zweiseitigen positiven Widerspruch formuliert, nachdem die Bremer Betriebskrankenkasse Firmus ihren Antrag auf Gewährung eines Assistenzhundes unter fadenscheinigen Gründen abgelehnt habe. In dem Gutachten des Professors heißt es unter anderem: „Bei dem Therapiehund handelt es sich um ein Hilfsmittel im Sinne von § 33 SGB V.“ Selbst die für die Leistung „Eingliederungshilfe“ zuständige Behörde stellte fest, dass es sich bei dem Assistenzhund für Ina Wilhelm um ein im Sinne des Gesetzes notwendiges Hilfsmittel handele, für das nach Ansicht dieser Behörde aber die Krankenkasse zuständig sei.

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Die Assitenzhündin Abayomi ist in die Jahre gekommen (Bild: privat)

Notwendigkeit des Hilfsmittels ist entscheidend

Abgelehnt wurde der Antrag durch die Bremer Betriebskrankenkasse Firmus mit dem Hinweis, bei einem Assistenzhund handele es sich nicht um ein Hilfsmittel im Sinne des Leistungskatalogs. Bert Bohla von Lichtblicke e. V. sieht das völlig anders. „Der Leistungskatalog ist überhaupt nicht abschließend, wenn es um die Frage geht, ob es sich um ein notwendiges Hilfsmittel handelt“ Entscheidend sei die Notwendigkeit des Hilfsmittels. In Fall von Ina Wilhelm steht für Bohla zweifelsfrei fest, daß es sich bei einem Autismusbegleithund nach § 33 SGB V um ein notwendiges Hilfsmittel zur selbständigen, gleichberechtigten und inklusiven Teilhabe handelt und sie gegenüber ihrer Krankenkasse einen Rechtsanspruch auf Versorgung mit einem Assistenzhund hat.

Bei ihrer Entscheidung stützt sich die Krankenkasse auf ein Gutachten, das der von ihr beauftragte Medizinische Dienst angefertigt hat. Darin heißt es unter anderem: „sie lehne den Assistenzhund ab, weil dieser eine Fremdgefahr darstellen könne – und weil es sich nicht um ein anerkanntes Hilfsmittel nach § 33 SGB V handele. Auch ein Therapiehund könne trotz Ausbildung nur bekannte Situationen beherrschen und sei bei außergewöhnlichen Situationen keine Hilfe. Außerdem könne nicht davon ausgegangen werden, dass bei einer derartigen „seelischen Störung“, wie sie bei der Antragstellerin vorliege, eine korrekte Hundehaltung möglich sei. – „Dabei steht in allen in meinem Fall erstellten Gutachten, wie toll es mit Abayomi seit 11Jahren läuft und dass sie sogar regelmäßig kranke Menschen besucht“, so die 35jährige. „Das Widersinnige ist“, so Ina Wilhelm, „dass die Krankenkasse durch die Finanzierung des Assistenzhundes eine Menge Geld sparen könnte, weil die anderen Therapien zum Teil wesentlich teurer sind.“

Die Krankenkassen werfen mit Bowlingkugeln

Bert Bohla von Lichtblicke e. V. geht noch einen Schritt weiter: „Die Krankenkassen spielen eine Art Bowling. Die werfen eine Bowlingkugel, in der Hoffnung, dass möglichst viele Figuren umfallen und dabei auf der Strecke bleiben“.

Bert Bohla ist als Vorsitzender von Lichtblicke e. V. zwar eigentlich für die Unterstützung durch Blindenführhunde zuständig ist, kennt sich aber auch mit der Materie bestens aus, wenn es um Assistenzhunde geht. Bohla ist überzeugt, dass sich die Krankenkasse im konkreten Fall mal wieder um die Kosten für ein gesetzlich anerkanntes Hilfsmittel herum drücken will. Auch Bohla ist überzeugt,dass sich die Bremer Betriebskrankenkasse Firmus mit den eher traditionellen Therapien in gewisser Weise ins eigene Fleisch schneiden würde, weil das die Kassen wesentlich teurer zu stehen kommen würde.

Extrem schnelle Stoffwechselschwankungen und hohe Cortisolwerte

„Abayomi hilft mir zum Beispiel bei meinem Problem, dass ich extrem schnelle Stoffwechselschwankungen durch Reizüberflutungen habe und so auch im Straßenverkehr schnell gefährdet bin. Sie „erschnüffelt“ bei mir auch sofort hohe Cortisolwerte (Stresswerte) und blockiert mich dann, so dass ich auch im Straßenverkehr sicher bin“. Ausserdem könne sie durch die Hündin wieder sprechen und in die Öffentlichkeit gehen, so Wilhelm. Das sei vorher gar nicht denkbar gewesen.

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Abayomi, die Autismusbegleithündin von Ina Wilhelm (Foto: privat)

Ina Wilhelm hat sich aber nicht nur Rat bei Bert Bohla geholt und inzwischen einen Anwalt eingeschaltet. Sie hat auch eine Onlinepetition gestartet. Die Onlinepetition, mit der sie ihr Anliegen pushen will, versuche sie übrigens als sogenannte Präzidenzfallpetition laufen zu lassen, da ansonsten zu viele Entscheidungsträger beteiligt wären. Das mache eine Entscheidung nicht nur schwieriger, sondern vor allem auch langwieriger. „Alles muss möglichst schnell über die Bühne gehen, damit ich übergangslos einen neuen Autismusbegleithund bekommen kann.“ Zwar sei auch ein Sponsor eine theoretische Option. Es geht Wilhelm aber vor allem darum, einen Rechtsanspruch durchzusetzen. Bei einem Erfolg der Petition hätten auch andere Menschen bessere Möglichkeiten, ihren Assistenzhund durchzusetzen, weil sich im Moment keiner zuständig fühle und die Zuständigkeiten zwischen den Entscheidungsträgern hin und her geschoben würden, damit man die Kosten nicht übernehmen müsse. „Wenn wir 30.000 Unterschriften zusammen haben, wollen wir die Petition an die Krankenkasse überreichen“, so Ina Wilhelm. Um die 25.000 Unterschriften sind inzwischen schon zusammen. Ina Wilhelm: „Es sieht gar nicht schlecht aus. Und mit ein bisschen zusätzlicher Unterstützung dürfte die magische Marke von 30.000 schon bald geknackt werden.“

Eine Initiative aus der Politik

In einem Antrag an die Bremer Bürgerschaft setzt sich übrigens auch die dortige CDU-Fraktion für eine wesentlich bessere Berücksichtigung und Akzeptanz von Assistenzhunden in der Gesellschaft ein. Dort heißt es unter anderem:

„Assistenzhunde leisten vielen Menschen in Deutschland wichtige Hilfe und Unterstützung bei der Bewältigung ihres Alltages. Neben den Blindenführhunden, die nach SGB V von den Krankenkassen als Hilfsmittel anerkannt werden, können vor allem auch Menschen mit chronischen Krankheiten und Behinderungen von einem gut ausgebildeten Assistenzhund profitieren: Sogenannte Hypo-Hunde sind z.B. speziell auf das Erschnüffeln von Unter- oder Überzuckerung von Diabetikern oder bevorstehender Anfälle von Menschen mit Epilepsie trainiert. In ihrer Bewegung eingeschränkte Menschen z.B. mit Multipler Sklerose oder mit Conterganschädigungen und anderen Behinderungen können ebenfalls durch Assistenzhunde unterstützt werden und Warn-und Signalhunde leisten wertvolle Arbeit für hörgeschädigte Menschen.

Die UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet die Vertragsstaaten vor diesem Hintergrund unter anderem, dass Menschen mit Behinderungen „menschliche und tierische Hilfe“ zur Verfügung gestellt wird, um am öffentlichen Leben teilzunehmen und die persönliche Mobilität und Unabhängigkeit sicherzustellen. Diese Konvention ist auch in Deutschland gültig. Leider begegnen Menschen, die in Deutschland Assistenzhunde nutzen vielfältigen Diskriminierungen. Die kostspieligen Ausbildungen für die Hunde werden – obwohl sie z.B. Haushaltshilfen und technische Hilfsmittel ersetzen können – nicht übernommen und den Hunden wird der Zugang zu öffentlichen Einrichtungen verwehrt.“

Alltagsprobleme und kein Ende

Nebenher will sich Ina Wilhelm jetzt aber auch endlich noch mal verstärkt um ihre anfangs erwähnten Altagsprobleme kümmern, die ihr und ihrer Assistenzhündin das Leben schwer machen. Dass sie kürzlich aus gleich zwei Cafes in Freiburg des Hauses verwiesen wurde, will sie so nicht stehen lassen. Auch Bert Bohla hat sich hier bereits eingeschaltet und mit den betroffenen Cafes telefoniert. „Das Mindeste, was hier passieren muss: die beteiligten Cafes müssen sich bei Frau Wilhelm persönlich entschuldigen und sicher stellen, dass man sich dort zukünftig an die gesetzlichen Bestimmungen hält und die Mitarbeiter angemessen schult.“

Die Selbsthilfevereine Hypo-Hund e.V. und Lichtblicke e.V. haben ein Spendenkonto eingerichtet, um Menschen mit Beeinträchtigungen einen Assistenzhund als medizinisches Hilfsmittel zu ermöglichen, weil Ina und viele Andere, die auf ein solches „Hilfsmittel“ angewiesen sind, nicht jahrelang warten können, bis es ihnen vielleicht gelingt, ihren Anspruch gegenüber dem zuständigen Kostenträger durchzusetzen.

Spendenkonto:

Empfänger: Hypo-Hund e.V.
Bank: Nord-Ostsee-Sparkasse
BLZ: 217 500 00
Kto.Nr.: 164454589
Verwendungszweck: Abayomi

weitere Infos:

Onlinepetition change.org

Antrag CDU-Fraktion Bremer Bürgerschaft

Bremer Betriebskrankenkasse Firmus

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Lothar Epe

Lothar Epe

Dieser Beitrag erscheint als unabhängiges Blog auf ROLLINGPLANET. Er wurde von der Redaktion weder geprüft noch muss er unsere Meinung wiedergeben. Auf ROLLINGPLANET können alle User – die etwas zu sagen haben – ihr eigenes Blog veröffentlichen. Lothar Epe ist verheiratet und hat drei Kinder. Als 56-Jähriger begann er 2011 ein Studium an der Freien Journalistenschule in Berlin. Er hat das Post-Polio-Syndrom (Spätfolge der als Kind durchgemachten Poliomyelitis). Bei ROLLINGPLANET tritt Epe zweifach auf: Als ROLLINGPLANET-Redakteur und hier als privater Blogger, der unabhängig von der Redaktion schreibt, was ihm wichtig ist. Zum ausführlichen Profil.

7 Kommentare

  • Petter Bernd

    Hallo

    Ein sehr guter Beitrag. Eine Frage hätte ich noch. Kann ich als in Frankreich lebender Franzose die Petition unterschreiben oder gilt die Unterschrift dann nicht?

    mit freundlichen Grüßen
    Bernd Petter

    13. November 2013 at 08:51
  • Ralf Wenzel

    Es ist immer wieder erstaunlich mit was für Fadenscheinigen Begründungen Krankenkassen Hilfsmittel ablehnen. Auch beim Medizinischen Dienst ist mir immer wieder Rätselhaft wie diese Leute Begründungen erstellen. Meist sind es diejenigen Ärzte die gerade mal Hausarztniveau haben und von Speziellen Beeinträchtigungen keinerlei Ahnung haben, zum anderen werden sie ihrer Kasse (Arbeitgeber) nicht in den Rücken fallen. Hier besteht Handlungsbedarf, Verordnungen von Fachärzten und Behandelnden Ärzten der Patienten dürfen nicht mehr angezweifelt werden. Eine Fremdgefahr kann auch von einem Rollstuhl ausgehen, der kann kippen mit einem Betroffenen. Eine Behinderung sucht sich keiner aus und infolgedessen müssen die Kassen alle erdenklichen Hilfsmittel zu Verfügung stellen. Das Teilhabe- und Gleichstellungsgesetz ist geltendes Recht in diesem Land.

    13. November 2013 at 09:28
  • Ralf Gellings

    Ein sehr guter Artikel, der deutlich macht, woran es derzeit in Deutschlands Assistenzhundwesen hapert, nämlich an so ziemlich allem. Keine Förderung, alltägliche Diskriminierung und fehlende gesetzliche Rahmenbedingungen erschweren sowohl Betroffenen als auch Assistenzhund-Trainern das Leben.
    Für besonders aktive Diskriminierer von Assistenzhund-Haltern haben wir als Verein übrigens den Negativ-Preis „Goldener Würger 2013“ geschaffen. Es darf noch abgestimmt werden.
    http://www.servicehunde-deutschland.net/#!wuerger/c7ag

    13. November 2013 at 11:21
  • Lothar Epe

    @Bernd Petter: Das dürfte problemlos möglich sein, denn erstens ist change.org eine internationale Plattorm und zweitens habe ich das von den Niederlanden aus auch problemlos hinbekommen. LG Lothar

    13. November 2013 at 13:19
  • Daniela Sch.

    Ein guter Artikel und gute Kommentare. Assistenzhunde ersetzen zwar nicht komplett den Hilfebedarf der durch Menschen erledigt werden muss, aber die Teilhabe in der Gesellschaft ist durch diese Brückenbauer viel einfacher und intensiver. Wenn öffentliche Einrichtungen wie Geschäfte, Kino, Theater oder Café’s einem nicht wiede Steine in den Weg legen würden.
    Diese Hunde egal ob Autismusbegleithunde, Warn- und Signalhunde, Rollstuhlbegleithunde und Blindenführhunde machen einen behinderten Menschen selbstständiger und sicherer im Alltag. Man muss nicht jedes Mal jemanden Fragen wo ein Briefkasten ist, jemand der einem aus der Jacke hilft oder die Angst wird kleiner plötzlich einen epileptischen Anfall oder einen Zuckerschock zu bekommen, da die Notfallmedikamente von den Hunden schon geholt werden. Oder die Hunde holen bei intensiven Problemen, die der Hund nicht lösen kann, einfach menschliche Hilfe.

    13. November 2013 at 18:12
  • Annett Matwig

    Ich kann mir gut vorstellen, wie es ist, wenn man immer und immer wieder Ablehnungsbescheide bekommt. Seit letztem Jahr lasse ich das meine Anwältin machen. Nicht nur für diese Sache, auch für viele andere Amtshandlungen, man lebt einfach etwas beruhigter, wenn sich die Fachleute damit auseinander setzen. Zumindest hat es sich schon mal gelohnt, dass ich mir die Anwältin genommen habe, ich bekomme seit letztem Jahr über 150€ mehr und zuzüglich die Pflegebeihilfe, davon kann ich mir alle 2Wochen eine Haushaltshilfe leisten.
    Ich wünsche Dir, liebe Ina, dass Du bald positive Nachrichten erhälst. Alles Liebe und Gute.

    Annett M.

    21. November 2013 at 06:18
  • Marcel Mack

    Hallo Ina,
    ich habe jetzt schon ein paar mal deinen bericht gesehen.
    Ich fühle mit Dir, denn ich habe auch ne´leichte körp. Behinderung, die mich im täglichen Leben aber kaum beinflusst.
    Ich würde Dich gerne persönlich kennenlernen; vieleicht können wir gemeinsam eine Lösung für Dich finden.
    Melde Dich bite bei mir. Ich bin sehr flexiebel und umgänglich.
    Liebe Grüße,
    Marcel.

    10. Januar 2014 at 06:55

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