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Mein erstes Mal: Sex mit einem Rollstuhlfahrer

Valentinstag! Da fragen wir doch mal: Mit einem Behinderten ins Bett? Für viele Menschen ist das immer noch ein Tabu. Claudia (27) aus Karlsruhe erzählt im ROLLINGPLANET-Interview ziemlich offen, wie „es“ für sie war.

Claudia lebt in Karlsruhe und ist Tiermedizinische Fachangestellte (TMFA).. Nachtrag vom 11.5.2013: Claudia hat uns gebeten, ihr Bild nur noch ohne Gesicht zu zeigen, da sie aufgrund dieses Interviews auch unangenehme Reaktionen erlebt hat.

Claudia lebt in Karlsruhe und ist Tiermedizinische Fachangestellte (TMFA). Nachtrag vom 11.5.2013: Claudia hat uns gebeten, ihr Bild nur noch ohne Gesicht zu zeigen, da sie aufgrund dieses Interviews auch unangenehme Reaktionen erlebt hat.

Hallo Claudia, Du warst zwei Jahre lang mit einem Rollstuhlfahrer zusammen. Wir fangen mit dem Schluss an: Warum hat die Beziehung nicht gehalten?

Irgendwann hat es nicht mehr gepasst, vielleicht war der Altersunterschied einfach zu groß. Er war 54 Jahre alt…

Aha, eine Frau, die nicht nur auf Behinderte steht, sondern auch noch auf alte Männer!

(lacht). Nein, beides war purer Zufall. Warum wir uns getrennt haben… Manchmal hat man eben unterschiedliche Interessen, wenn der Alltag da ist, und die Schmetterlinge weg sind. Am Anfang war das für uns kein Thema, da haben wir uns immer nur an Wochenenden gesehen und sind gemeinsam in Urlaub gefahren. Da hat alles gepasst. Als wir jedoch nach einem Jahr zusammengezogen sind, hat es damit angefangen, dass wir uns auseinandergelebt haben, das war eine schleichende Sache. Aber es hatte überhaupt nichts mit seiner Behinderung zu tun. Wir waren beide sehr traurig, aber immerhin sehen wir uns noch hin und wieder.

Wie lange ist die Trennung her?

Das war kurz vor Weihnachten. Weihnachten war absolut traurig, für uns beide, wir hatten eigentlich vor, noch mal richtig schön zu feiern, Zeit für uns zu haben. Aber dann haben wir uns gesagt, lass uns ehrlich miteinander sein, wir brauchen uns nicht die heile Welt vorzugaukeln, erst recht nicht an Weihnachten.

Die Trennung also ausgerecht zu Heiligabend…

Ja. Wir waren bei unseren jeweiligen Eltern, die wohl beide nicht damit gerechnet hatten. Klaus (Name von der Redaktion geändert) und ich haben sogar noch am 24. miteinander telefoniert und uns überlegt, ob wir unseren Entschluss nicht rückgängig machen sollen. Wir waren beide völlig fertig mit den Nerven… Aber irgendwie war dieses Knistern weg, das wir früher bei unseren Telefonaten hatten, diese Sehnsucht nach dem anderen, wenn wir einige Tage getrennt waren. An Weihnachten war es Einsamkeit, aber keine Sehnsucht nach dem anderen, die wir spürten.

Singlebörse, Skype, Treffen

Wie habt Ihr Euch kennengelernt?

Wie das wohl so oft heute passiert, im Internet, in einer Singlebörse.

Ab wann wusstest Du, dass er Rollstuhlfahrer ist?

Klaus hat es mir relativ früh geschrieben, nach der dritten oder vierten Nachricht. Mir auch erklärt, dass er querschnittsgelähmt ist, ein Paraplegiker. Das war für mich ein völlig neues „Fachwort“. Das Wort „Querschnittlähmung“ kannte ich natürlich, aber die Unterteilung in Paraplegiker (Anm.d.Red.: nur Beine und oft Rumpf betroffen) und Tetraplegiker (Anm.d.Red.: alle vier Gliedmaße betroffen) war mir neu.

Du warst geschockt?

Geschockt ist nicht der richtige Ausdruck. Ich war irritiert. Ich hatte mich noch nie mit der Vorstellung beschäftigt, dass ich irgendwann mal vor die Frage gestellt werden würde, ob ich einen Mann mit einer Behinderung lieben könnte oder nicht. Ich hatte natürlich nach den ersten beiden Nachrichten schon so eine gewisse Traumvorstellung… ich stellte ihn mir groß und sportlich vor. Groß und sportlich ist Klaus eigentlich, aber im Rollstuhl ist er halt kleiner als ich.

Ich bin sehr sportlich, das heißt, der erste Gedanke, den ich mir stellte, war gar nicht auf die Sexualität bezogen, sondern ich dachte nur, Mist, mit ihm kannst Du weder joggen noch ins Fitness-Studio gehen oder Fallschirmspringen, das war mein großer Traum damals.

Jetzt nicht mehr?

Doch, eigentlich schon noch, aber Träume sind ja manchmal dafür da, dass man sie sich aufhebt…

Und obwohl Du dachtest, Du kannst mit ihm nichts unternehmen, kam es trotzdem zu einem Treffen?

Es hat schon noch eine Weile gedauert. Ich habe erst mal so getan, als würde mir die Behinderung nichts ausmachen, obwohl ich mir vor unserem Treffen natürlich schon sehr viele Gedanken darüber gemacht habe. Ich hatte noch nie einen Rollstuhlfahrer persönlich getroffen. Aber dann kam die Neugierde dazu, und ich sagte mir, jetzt, da Du weißt, dass er im Rollstuhl ist, hat er sich ja als Mensch nicht geändert.

Wie kam es zum ersten Treffen?

Das war im nachhinein eigentlich total lustig. Wir haben uns ganz oft über Skype unterhalten und ich dachte wirklich, bis wir uns getroffen hatten, dass seine beiden Beine amputiert sind. Frag mich nicht, warum! Irgendwie hatte ich diese fixe Vorstellung, dass er beinamputiert sein müsste! Dabei hatte er das nie erwähnt, aber dieses Bild hatte sich irgendwie festgesetzt in meinen Vorstellungen. Ich habe bei Skype ja immer nur sein Gesicht gesehen.

Und als wir uns das erste Mal persönlich trafen und er gar nicht beinamputiert war – da habe ich erst mal spontan lachen müssen, über mich selbst. Klaus war deshalb zuerst völlig verunsichert. Ich schämte mich auch, es ihm gleich zu erzählen, ich habe da furchtbar rumgedruckst. Und als ich das endlich raus hatte, mussten wir beide herzhaft lachen.

“Die Angst war einfach weg“

Wie ging es weiter?

Ich wäre nicht zu ihm nach Frankfurt gefahren, wenn ich nicht vorher das Gefühl gehabt hätte, dass das Liebe werden könnte. Wir hatten über Skype so viel miteinander lachen können, dass ich insgeheim schon hoffte, dass das mit uns klappen könnte. Ich hatte Klaus vorsichtshalber gesagt, ich verbringe das erste Wochenende auf keinen Fall bei Dir, lass uns nett Abendessen gehen, und dann gehe ich ins Hotel.

Du bist nach dem Abendessen gleich ins Hotel?

Nein, es war eigentlich schon nach fünf Minuten klar, dass ich nicht ins Hotel gehen würde. Die Angst war einfach weg.

Wie verlief das Abendessen?

Zunächst ganz normal, würde ich sagen. Aber ich habe doch bald das Gespräch auf die Punkte gelenkt, die ja sowieso kommen würden, da war meine Neugierde wohl zu groß. Ich hatte totale Panik, dass ich bei ihm etwas falsch machen könnte. Dass ihm etwas passieren könnte, wenn ich ihn nicht vorsichtig genug anfasse. Ob er denn etwas spürt, wenn ich ihn berühre.

So schnell bist Du zur Sache gekommen?

Ja, ich dachte, besser gleich, als wenn Du nachher vor seinem Bett stehst und Dich blamierst oder die Stimmung mit blöden Fragen kaputt machst.

Ihr müsst Euch aber Eurer Sache recht schnell sicher gewesen sein?

Ja, das waren wir beide. Der Funken war übergesprungen, die Chemie hat gestimmt, und ich war beeindruckt von seinem schicken Anzug, den er trug. Ich mag Männer im Anzug.

Also hast du die ganze Zeit seinen Anzug angeschwärmt?

Nein, das auch wiederum nicht. Es war lustig, nachdem ich alles erfahren hatte, was ich wissen wollte, hatte ich das Thema für mich eigentlich schon abgehakt. Dann fing Klaus an, mir zu erzählen, dass ich ihm ins Bett helfen soll, indem ich seine Füße packe, während er sich vom Rollstuhl ins Bett schwingt. Er erklärte mir, dass er das auch alleine kann, aber es würde länger dauern, und es wäre ihm peinlich, wenn ich ihm dabei minutenlang zuschauen müsste. Außerdem wäre er nicht richtig rasiert, das würde ihm schwerfallen, da unten alles sauber wegzukriegen im Sitzen oder Liegen.

Ich hatte das Gefühl, dass Klaus plötzlich unsicher wurde. Am Anfang war ich die Unsichere gewesen, und jetzt, nachdem meine Angst weg war, fand ich es richtig süß, wie er sich so viel Mühe gab, mir alles erklären zu wollen. Irgendwann habe ich gesagt: Komm, wir reden nicht mehr drüber, es wird schon nichts schiefgehen.

Spasmus vor dem ersten Mal

Also hast Du ihm ins Bett geholfen?

Ja, klar. Das war aber anders als gedacht. Ich habe ihn an beiden Füßen gepackt und plötzlich bekam er heftige Spasmen, ich dachte nur, wirf ihn ganz schnell rein ins Bett, damit er nicht zu Boden fällt, ich hatte in diesem Augenblick doch wieder Panik. Er hat sich zur Seite gerollt, und bald war auch der Spasmus weg. Also alles in Ordnung.

Was war die schwierigste Sache bei Eurem ersten Mal?

Die schwierigste Sache für mich kam gleich, nachdem wir in seiner Wohnung angekommen waren. Ich wusste erst nicht, was Klaus meinte, als ich mich auf seinen Schoß setzen sollte. Ich dachte echt, da kracht gleich der Stuhl zusammen. Er meinte dann nur, nein, andersherum und breitbeinig, so, dass Du mich dabei umarmen kannst. Das war ungewohnt, und ich trug an dem Abend eine enge Jeans, und ich dachte nur, Scheiße, hättest Du Dich mal nicht in so eine enge Jeans reingezwängt.

Ansonsten… ich glaube, für ihn war die schwierigste Sache zu erklären, dass er inkontinent ist. Aber das störte uns ja nicht, er erklärte mir, dass seine Blase leer ist, dass er sie gerade mit einem Katheter entleert hatte, dass also nichts passieren könnte. Meine größte Sorge war, dass er gar nichts davon hat, wenn ich ihn befriedige – aber das waren alles unberechtigte Sorgen.

Ihr habt Geschlechtsverkehr gehabt?

Ja. Eigentlich war es „technisch“ gesehen völlig unkompliziert. War oder ist ja alles da. Der einzige Unterschied zu meinem sonstigen Liebesleben war, dass ich auf ihm saß statt unten lag. Mich haben das alle Freundinnen und Freunde spätestens beim zweiten Satz gefragt: Kann er denn das überhaupt, wie geht das?

Für Klaus war der Geschlechtsverkehr allerdings nicht so wichtig, er mag es am liebsten mit den Fingern und Händen machen. Für mich war das kein Problem, ganz im Gegenteil. Ich glaube, dass ich noch nie so schönen Sex wie mit Klaus hatte. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich klitoral mindestens genauso gut komme wie vaginal… Veröffentlicht Ihr das etwa auch?

Natürlich. Gab es sonst noch Besonderheiten beim Sex?

Beim Sex nicht, aber es hat schon fast ein halbes Jahr gedauert, bis ich nachts das Gefühl hatte, dass alles „ganz normal“ ist. Das lag aber an etwas anderem: In einer der ersten Nächte bin ich aufgewacht und habe gesehen, wie Klaus fast am Bettrand lag, unbewusst dahin gerutscht, und ich hatte wahnsinnige Angst, dass er herunterfällt und er sich etwas bricht oder ich ihn nicht mehr ins Bett oder in den Rollstuhl hinaufbekomme. Ich habe ihn damals regelrecht gepackt und zurückgerollt. Er ist gleich wieder eingeschlafen und hat sich am nächsten Morgen nicht mehr daran erinnert.

Das ist mir noch eine Weile so ergangen, dass ich nachts aufgeschreckt bin und gefürchtet habe, Klaus rollt aus dem Bett. Einmal habe ich ihn sogar versehentlich am Hals gepackt, im Halbschlaf, weil ich ihn festhalten wollte. So eine Art versehentlicher Würgegriff (lacht). Das hat sich erst gelegt, als Klaus irgendwann einmal sagte: Dann lass mich doch rausfallen, wir Rollstuhlfahrer sind auch nicht aus Watte und selbst schuld, wenn wir nicht vernünftig gerade schlafen können.

Alle wollen nur das eine wissen

Du hast den gemeinsamen Sport vermisst?

Gar nicht, wir hatten so viele andere gemeinsame Interessen, dass es auch gut war, dass jeder seine eigenen hat. Man muss ja nicht alles zusammen machen.

Wie haben Deine Eltern und Bekannten reagiert?

Meine Eltern haben es ganz locker aufgenommen, sie hatten nur wegen seines Alters Bedenken. Über den Rollstuhl haben wir eigentlich fast nie gesprochen, nur meine Mutter hat mich einmal gefragt, wie kommt er denn in die Badewanne?

Ganz einfach, Mama, habe ich ihr erklärt, er hat einen Badewannenlifter, den er aber nicht immer benutzt, oft klettert er, mit den Füßen und Beinen zuerst, in die Badewanne oder ich helfe ihm jetzt dabei, wenn es schneller gehen soll. Und dass er rückwärts eben wieder raus kommt, starke Arme hat er ja, nur die Beine sind gelähmt. Das war ein wenig, als würde ich mit meiner Mutter wie mit einem Kind sprechen.

Die Freundinnen und Bekannten waren schon sehr viel erstaunter. Fast immer kam innerhalb der ersten Minuten die Frage: „Entschuldige, Claudia, wenn ich frage, aber wie ist denn das so…“ Ich habe bei den ersten zwei Freundinnen versucht, das ausführlich zu erklären, aber ich habe gemerkt: Die haben es sich immer noch nicht richtig vorstellen können. Ich habe danach auf lange Erklärungen verzichtet und nur noch gesagt: In der Küche haben wir es noch nicht getrieben, sonst überall.

Es gab zwei oder drei Freunde, die waren überzeugt: Der Kerl hat bestimmt Kohle, oder? Da war ich echt sauer. Mein Ex, mit dem ich ein halbes Jahr zuvor Schluss gemacht hatte, war auch völlig daneben, der Spruch musste kommen: Und jetzt musst Du Dir sogar einen Rollstuhlfahrer suchen?

Was hast Du geantwortet?

Gar nichts, was soll man darauf auch schon antworten?

Danke für dieses Interview.

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