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Mein Leben ist ja so toll: Facebook und die Einsamkeit

So vernetzt wie heute war noch keine Generation. Trotzdem fühlen sich viele Jugendliche irgendwie einsam. Wie kann das sein? Von Philipp Laage

Hauptsache, heile, tolle Welt: "Gefällt mir nicht" gibt es nicht auf Facebook

Hauptsache, heile, tolle Welt: „Gefällt mir nicht“ gibt es nicht auf Facebook

Smartphones gehören für junge Menschen zum Alltag. Noch nie wurde so viel angeklickt, geschrieben und geteilt. Noch nie war die Vernetzung so groß. Und doch fühlen sich immer mehr Kinder und Jugendliche allein, weiß Anna Zacharias von der „Nummer gegen Kummer“ in Wuppertal. „Einsamkeit und depressive Verstimmung, diese Themen nehmen zu bei unserem Jugendtelefon.“ Ob beide Entwicklungen zusammenhängen, möchte sie nicht beurteilen. „Aber anscheinend gibt es viele, die sich trotz der Vielfalt an sozialen Netzwerken isoliert und teilweise einsam fühlen.“

Es gibt offenbar einen Widerspruch: Fast jeder ist in eine große virtuelle Gemeinschaft eingebunden – doch das Gefühl dazu passt nicht. Das zeigen auch neuere Studien über das größte soziale Netzwerk Facebook, die zunehmend kritischere Ergebnisse liefern. Wissenschaftler um den Psychologen Ethan Kross von der University of Michigan fanden zum Beispiel heraus, dass die Nutzung von Facebook das subjektive Wohlbefinden junger Menschen eher reduziert als steigert – obwohl das Netzwerk ja eigentlich das Grundbedürfnis nach Austausch und Kommunikation befriedigen müsste.

„Das Ego steht im Mittelpunkt“

Auch der langjährige Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier sieht die Rolle von sozialen Netzwerken in zwischenmenschlichen Beziehungen kritisch: „Das Ego steht im Mittelpunkt und nicht die Beziehung zu anderen. Es dreht sich alles ums eigene Ich“, sagt der Gründer des Instituts für Jugendkulturforschung in Wien. Auf Facebook sei man aber nicht man selbst, sondern reduziere sich auf ein angelegtes Profil, das immer verzerrt ist. „Facebook ist für viele nur eine Scheinwelt: Ich kann Bilder von Hawaii hochladen und sagen, ich habe dort Urlaub gemacht“ – selbst, wenn das gar nicht stimme, nennt Zacharias als extremes Beispiel.

Schwierig wird diese Inszenierung dadurch, dass man sein eigenes Profil ständig mit dem von Freunden und Bekannten vergleichen kann – die scheinbar alle richtig tolle Dinge tun. „Gleichzeitig sitzt man alleine vor dem Bildschirm. Am Ende des Tages bleibt die eigene Defiziterfahrung“, sagt Heinzlmaier. Die Nutzer in sozialen Netzwerken sind also immer auf sich selbst zurückgeworfen: Warum bin ich nicht so erfolgreich, beliebt oder glücklich wie der andere? Dabei vergleichen sich viele mit Leuten, die ihnen eigentlich egal sein könnten: „Viele wollen gerade herausfinden, was Leute machen, mit denen sie eigentlich wenig Kontakt haben“, sagt Zacharias.

Am Computer statt in der risikoreichen Welt

Jugendliche säßen also vor ihrem Gerät und warteten auf ein Feedback zum eigenen Leben, sagt Heinzlmaier. „Viele versuchen, über die virtuellen Kontakte all das zu bekommen, was man nur in der risikoreichen Welt da draußen bekommen kann.“ Und manche verlieren sich dann in diesem Bemühen, stets einen Eindruck hinterlassen zu wollen. „Sie wissen am Ende des Tages gar nicht, wer sie sind.“ Mit echtem Austausch und richtiger Kommunikation hat das wenig zu tun.

Wichtige Merkmale von echter Freundschaft fallen im sozialen Netzwerk einfach weg. „Facebook limitiert und strukturiert die Kommunikation. Es gibt keinen Dislike-Button, soziale Rückschläge finden nicht statt“, erklärt Heinzlmaier. Kaum jemand teilt seine Misserfolge schließlich dem gesamten Bekanntenkreis mit. „Man kriegt auch nur wenig Feedback, das ersetzt nie ein Telefonat oder persönliches Gespräch“, ergänzt Zacharias. „Echte Emotionen lassen sich durch Profile nur schlecht vermitteln.“

Ein Netzwerk ist keine echte Clique

Aus Sicht von Heinzlmaier darf man ein Netzwerk im Internet nicht mit einer Gemeinschaft in einer Clique verwechseln: „In der Gemeinschaft überwindet man das Nutzenprinzip. Man unterstützt andere, ohne selbst einen Vorteil zu haben. Ein Netzwerk ist immer sehr nutzenorientiert.“ Für Jugendliche ist dieser Nutzen anders als für Angestellte in der Arbeitswelt – er zeigt sich eher im Sozialen. Das Prinzip ist aber gleich: „Man vernetzt sich und erwartet etwas.“ Kontakte dienten eher dazu, nach außen etwas darzustellen.

Heinzlmaier rät nun aber nicht, sich gleich von Facebook abzumelden und das Smartphone in die Schublade zu stecken. „Es geht nicht darum, sich aus den sozialen Netzwerken zu verabschieden, sondern möglichst schnell von einer virtuellen zu einer realen Beziehung zu kommen.“ Denn Freundschaft entstehe durch gemeinsames Erleben – und das wird in einem abstrakten Raum wie dem Internet naturgemäß schwierig.

Auszeiten nehmen – sogar vom Handy

Ähnlich sieht das Anna Zacharias: „Es geht darum, sich mehr Zeit zu nehmen für Situationen, die außerhalb der medialen Welt stattfinden“, sagt die Jugendberaterin. Wer wie selbstverständlich mit dem Internet aufwächst, müsse sich selbst disziplinieren und Auszeiten schaffen. „Je mehr andere Aktivitäten mit Kommunikation und Freundschaft zu tun haben, desto mehr rückt die exzessive Nutzung des Internets in den Hintergrund.“ Es könne auch sinnvoll sein, bei einer Verabredung eine Vereinbarung mit der Freundin oder dem Kumpel zu treffen: „Man sagt, das Handy wird für die nächsten zwei Stunden nicht genutzt.“

(dpa)

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