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„Menschen – das Magazin“: Das ist Sandra Olbrich

Warum sie sich in erster Linie als Journalistin und nicht als Betroffene sieht – Interview mit der neuen Moderatorin der ZDF-Sendung.

Sandra Olbrich wurde 1969 in Minden/Westfalen geboren (Foto: ZDF/Cornelia Lehmann)

Sandra Olbrich wurde 1969 in Minden/Westfalen geboren (Foto: ZDF/Cornelia Lehmann)

„Menschen – das Magazin“ (immer samstags 17.45 Uhr) beschäftigt sich mit den Fragen: Wie kann die Inklusion von Menschen mit Behinderung gelingen, und welche Voraussetzungen müssen geschaffen werden, damit alle Kinder und Jugendlichen in Deutschland Zukunftschancen haben?

Die Sendung, die gemeinsam mit „Aktion Mensch“ entsteht, bekommt ein neues Gesicht: Ab 6. September 2014 wird die Journalistin und Aktivistin Sandra Olbrich die wöchentliche ZDF-Reihe moderieren und damit Bettina Eistel ablösen. Eistel war Deutschlands erste Moderatorin mit sichtbarer Behinderung (ROLLINGPLANET berichtete).


Peter Arens, Leiter der ZDF-Hauptredaktion Kultur, Geschichte und Wissenschaft, erklärt seine neue Fernsehfrau: „,Ich bin in erster Linie Journalistin und nicht Betroffene‘, hebt Sandra Olbrich hervor. Das ist ihr wichtig. Mit diesem Leitsatz übernimmt die 45-jährige Hamburgerin die Moderation von ,Menschen – das Magazin‘.

Doch auch ihre persönlichen Erfahrungen wird Sandra Olbrich in ihre neue Tätigkeit für die ZDF-Sendung einbringen. Das liegt ihr ebenso am Herzen. Sie weiß, wie Menschen mit Behinderung in der Arbeitswelt immer wieder überzeugen oder wie sich Mütter mit Behinderung erklären müssen. Auf dem Weg zu gelungener Inklusion gibt es noch viel zu tun. Und da bringt sie sich gerne ein.“

Im nachfolgenden Interview erklärt Olbrich, was wir über sie wissen müssen. Die Fragen stellte Jan-Manuel Müller.

„Menschen mit Behinderung gelten auf dem Arbeitsmarkt als wenig belastbar“

Was reizt Sie, die Moderation von „Menschen – das Magazin“ zu übernehmen?

Bei den Nachrichten, wo ich ja herkomme, ging es um Fakten. Die Information stand im Vordergrund, man selbst musste sich da persönlich total zurücknehmen. Hier kann ich jetzt mal eine andere Seite von mir zeigen. Es geht ja darum, den Menschen und ihren Themen gerecht zu werden. Und dafür muss ich mich einfühlen in ihr Erleben, mich zu den Protagonisten in Beziehung setzen – ohne falsche Betroffenheit, aber mit Herzblut.

Sie haben selbst eine Behinderung. Welche?

Eine Gehbehinderung, nach einem Bruch der Hüfte bei der Geburt. Im Zuge dessen gab es Probleme mit der Wirbelsäule – deshalb benutze ich heute Unterarmgehstützen, wie es wohl korrekt heißt. Aber Krücken geht auch.

Wurden Sie deshalb jemals in Ihrem Leben mit Vorurteilen konfrontiert?

Früher, in meiner Kindheit, und Kinder können ja bekanntlich grausam sein, gab es immer wieder mal Hänseleien. Aber meine Eltern und mein Bruder haben mich gut gewappnet, mich nicht in Watte gepackt, mich ge- und bestärkt. Meine Mutter hat mir immer zugehört, hat nach Lösungen mit mir gesucht. Und wir haben uns oft einen Jux gemacht aus Leuten, die glotzten oder fiese Sachen sagten. Unser Humor konnte dann auch ganz schön gemein sein. Das war wie ein Ventil. Ich fürchte, ich hatte eine ziemlich große Klappe als Kind. Aber die brauchte ich wahrscheinlich auch.

Später, in Bewerbungssituationen, bestanden manchmal Zweifel daran, ob ich überhaupt physisch mithalten kann. Menschen mit Behinderung gelten auf dem Arbeitsmarkt als wenig belastbar, und eine rasende Reporterin mit Gehbehinderung können sich viele erst mal nicht vorstellen. Da musste ich dann schon ein bisschen Überzeugungsarbeit leisten. Und das Gegenteil beweisen. Als Mutter von zwei Kindern war ich es allerdings irgendwann leid, mich ständig erklären zu müssen, für Verständnis werben zu müssen oder um Rücksicht zu bitten.

Einige Fragen, die mein persönliches Leben betrafen, empfand ich als übergriffig und respektlos. Da macht man irgendwann dicht. Dabei kann ich den Leuten eigentlich kaum einen Vorwurf machen. Sie wissen einfach zu wenig über uns, treffen – wenn überhaupt – nur selten auf Eltern mit Behinderung (oder lernen sie näher kennen). Die Gründe dafür – allen voran natürlich die Barrieren – sind vielschichtig. Aber viele Frauen, denen man die Behinderung auf den ersten Blick nicht ansieht, machen das gar nicht erst öffentlich – aus Angst, die Leute könnten sagen: „Guck mal, das arme Kind“ oder „Wie kann die Frau sich das bloß zumuten?“.

Sie haben vor sieben Jahren die Selbsthilfegruppe „M courage“ gegründet. Was war der Anstoß, und was ist das Ziel?

Ich war gerade zum zweiten Mal Mutter geworden und kämpfte um Unterstützung im Haushalt. Leider haben Mütter mit Behinderung keinen Anspruch darauf – das wissen viele gar nicht. Gerade die ersten Tage nach der Geburt waren anstrengend für mich, obwohl die Familie schon tüchtig mit anpackte. Jeder Weg mit Kind war eine Qual: Treppen ohne Aufzug vor Arztpraxen, fehlende Türöffner, Kinderwagen-Verbote. Das war schon erniedrigend. Ich war so wütend darüber, dass ich mich mit meinem Kind nicht genauso frei und selbstverständlich bewegen konnte wie andere Mütter, dass ich etwas tun musste. Es konnte doch nicht nur mir so gehen. Wir Mütter mit Behinderung mussten uns zusammentun!

Die Beratungsstelle „Autonom Leben“ in Hamburg half mir schließlich, die Gruppe ins Leben zu rufen und gab uns ein Dach über dem Kopf. In erster Linie geht es um einen offenen Austausch, die Möglichkeit, sich so zu zeigen wie man ist. „M courage“ steht dafür, dass wir mutige, kompetente Mütter sein können, auch wenn wir in einigen Bereichen auf Hilfe angewiesen sind. Wir brauchen ein Recht auf Eltern-Assistenz, damit unsere Bedarfe endlich verbindlich geregelt werden. Leider gibt es bislang keine allgemeingütige Regelung für Eltern mit Behinderung. Da ist die Politik gefragt.

Sie sind von Hause aus Journalistin. Inwiefern möchten und werden Sie sich über die Moderation hinaus in die Sendung einbringen?

Als Moderatorin stehe ich ja gemeinsam mit der Redaktion für die Sendung und dafür möchte ich wissen, welche Themen intern diskutiert und entwickelt werden. Deshalb werde ich regelmäßig zur Planung in Mainz sein und hin und wieder auch eigene Themen-Vorschläge machen. Ich freue mich sehr auf den Austausch und die Zusammenarbeit mit den erfahrenen Kolleginnen und Kollegen. Die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention zu begleiten, wird uns sicherlich auf verschiedenen Ebenen beschäftigen. Aber genauso wichtig sind ja auch „kleinere“ Initiativen oder Projekte, die es Menschen ermöglichen, dabei zu sein und mitzumachen. Vor allem aber müssen wir den Finger immer wieder in die Wunde legen und aufzeigen, wo Not am Mann ist.

Welche Themen liegen Ihnen besonders am Herzen?

Ich bin in erster Linie Journalistin, und nicht Betroffene. Dieser Punkt ist mir an dieser Stelle ganz wichtig, gerade weil Sie nach Themen fragen. Nur weil ich selbst eine Behinderung habe, heißt das nicht automatisch, dass ich nur dieses Themenfeld beackere.

In der Sendung geht es zwar oft, aber nicht ausschließlich um Menschen mit Behinderung, sondern um Menschen allgemein. Den ganzen Komplex Familie zum Beispiel finde ich sehr spannend, dazu gehört auch Leben im Alter (mit Betonung auf „Leben“), genauso wie die Gleichstellung von Schwulen und Lesben.

Die Mütter liegen mir natürlich schon sehr am Herzen – mit und ohne Behinderung. Was sie leisten, ist doch fast übermenschlich (das gilt allerdings auch für manche Väter, vor allem für alleinerziehende). Aber Frauen haben es nun mal nach wie vor schwerer, vor allem wenn sie Kinder bekommen und alles unter einen Hut bekommen sollen.

Verabschiedet sich am vergangenen Samstag als Moderatorin von „Menschen – das Magazin“: Bettina Eistel (Foto: ZDF)

Verabschiedet sich am vergangenen Samstag als Moderatorin von „Menschen – das Magazin“: Bettina Eistel (Foto: ZDF)

Inklusion von Menschen mit Behinderung ist derzeit eine der großen gesellschaftlichen Herausforderungen. Wie weit sind wir nach Ihrer Meinung auf diesem Weg?

Man soll ja immer positiv denken und das Erreichte hervorheben. Aber ehrlich gesagt erlebe ich den Prozess als sehr mühsam und zäh: Einen Schritt vor, zwei zurück. Und nach wie vor gibt es viele Barrieren, die Menschen behindern. Die gleichberechtigte Teilhabe aller ist ja beschlossenes Ziel. Aber ich höre gerade jetzt in dieser Phase des beginnenden Umbruchs immer wieder Leute sagen: „Ich bin gegen Inklusion, das funktioniert doch gar nicht!“ Dabei ist das so nicht richtig.

Der Prozess ist sicherlich schwierig, es fehlen Geld und Personal, aber es gibt auch positive Beispiele. Leider ist es oft dieser defizitäre Blick auf die Dinge und das, was die Inklusion für alle Menschen an Potential mitbringt, kommt zu kurz. Gleichmacherei sei das, schimpfen manche. Es geht aber um gleiche Rechte – das ist ein Unterschied. Die Inklusion ist ein großes Rad, das da gedreht wird, dafür muss sich viel ändern. Und Veränderung macht den Menschen immer erst einmal Angst.

Was muss noch getan werden?

Diese Angst müssen wir ernst nehmen und mit den Menschen im Gespräch bleiben. Wo kommt die Angst her? Ist sie begründet, oder mischen da vielleicht auch Vorurteile mit? Mehr Rechte für andere bedeutet nicht, dass ich selbst schlechter gestellt werde. Die Inklusion ist, ganz im Gegenteil, sogar eine Win-Win-Situation für alle! Das zeigen doch die geförderten Projekte der „Aktion Mensch“ sehr eindrücklich. Da schließen sich Vereine, Firmen, Institutionen und Kommunen zusammen und schaffen Angebote für junge Menschen mit und ohne Behinderung. Alle haben etwas davon. Das gemeinsame Tun ist der Schlüssel zur Inklusion und wir brauchen mehr davon.

Entscheidend für das Gelingen ist natürlich, dass die Menschen, um die es geht, an Entscheidungsprozessen beteiligt werden. „Was wollt Ihr?“ gilt es zu fragen und hinzuhören. Und Gleichberechtigung funktioniert nur mit entsprechenden Rahmenbedingungen. So müssen die Rechte von Menschen mit Behinderung neu geregelt und Leistungen zur Teilhabe künftig einkommens- und vermögensunabhängig gewährt werden. Bis das alles auf den Weg gebracht ist und auch die Verantwortlichen einsehen, dass die Inklusion nun mal nicht zum Null-Tarif zu haben ist, müssen wir es wohl aushalten, dass es hier und da hakt und ungemütlich wird. Aber es gibt keinen Weg zurück. Zum Glück.

Und in den Medien?

… wird es Zeit, dass (außer Herrn Schäuble) noch viel mehr Menschen mit Behinderung präsent sind, ganz selbstverständlich, ohne dass die Behinderung jedes Mal zum Thema gemacht wird. In der Berichterstattung wünsche ich mir mehr Differenzierung, obwohl ich weiß, dass das quotentechnisch ein Problem sein kann: Geschichten, die polarisieren, erregen nun mal mehr Aufmerksamkeit als solche, die ein ausgewogenes Bild zeigen.

Aber trotzdem müssen auch wir Journalisten mehr Normalität wagen. Ich glaube, wir haben es erst geschafft, wenn Menschen mit Behinderung nicht mehr entweder als Helden oder Opfer dargestellt werden, sondern für das stehen, was sie sind: Ganz normale Menschen nämlich, die mit einer Behinderung oder Krankheit leben (anstatt daran „zu leiden“), und die im Übrigen genau wie alle anderen nett oder doof sein können.

Noch eine ganz persönliche Frage: Wenn Sie sich in wenigen Worten selbst beschreiben sollten, welche Charaktereigenschaften zeichnen Sie aus?

Das ist so eine Frage, die man echt nicht gern selbst beantwortet… Also, um da einen repräsentativen Eindruck zu bekommen, müssten Sie eigentlich meinen Mann, meine Kinder und enge Freunde fragen. Aber vielleicht so viel: Ich höre andere öfter über mich sagen: „Du hast so viel Energie, bist so gut organisiert“.

Und ich glaube, das stimmt tatsächlich. Wenn ich für etwas brenne, dann gibt‘s keinen Feierabend. Ach ja, und in den USA habe ich an der Uni mal so einen Test gemacht, über vier Stunden ging der. Da kam zu meiner Überraschung heraus, dass ich hoch-analytisch bin. Kopfmensch also. Das passt doch ganz gut, wenn die Beine nicht so wollen.

(Der Beitrag wurde uns komplett vom ZDF zur Verfügung gestellt.)

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1 Kommentar

  • Beate Janowski

    Alles Gute Sandra – für deinen Start !!

    29. Juli 2014 at 12:28

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