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Menschen mit Behinderung und andere werden in Jobcentern oft diskriminiert

Eine offizielle Studie kommt zu dem Schluss: Das System behandelt Arbeitssuchende mit hohem Förderbedarf vielfach schlecht. Warum?

Wenn Arbeitslose wegen ihrer Behinderung, ihres Alters oder der Herkunft in Firmen abblitzen, sind sie besonders auf Hilfe der Jobcenter und Arbeitsagenturen angewiesen. Doch ausgerechnet dort stoßen sie oft auf neue Hürden. (Foto: dpa)

Wenn Arbeitslose wegen ihrer Behinderung, ihres Alters oder der Herkunft in Firmen abblitzen, sind sie besonders auf Hilfe der Jobcenter und Arbeitsagenturen angewiesen. Doch ausgerechnet dort stoßen sie oft auf neue Hürden. (Foto: dpa)

Menschen mit Behinderung, Ausländer, Ältere und Alleinerziehende laufen nach einer neuen offiziellen Studie in hohem Maß Gefahr, von Jobcentern und Arbeitsagenturen schlecht behandelt zu werden. Denn für die Vermittler kommt es darauf an, möglichst hohe Vermittlungszahlen zu erreichen, wie aus einem am Donnerstag in Berlin vorgestellten Bericht der Antidiskriminierungsstelle des Bundes hervorgeht. Für Vermittler sei es deshalb von Vorteil, sich Arbeitslose zu konzentrieren, die leicht wieder einen Job finden.

Befristete Verträge und hohe Fluktuation, fehlende Weiterbildung und Einarbeitung der Jobcenter-Mitarbeiter führten zudem zu Mängeln der Vermittlung. „Von einer unprofessionellen Arbeit sind viele Menschen mit besonderem Förderbedarf betroffen“, sagte der Duisburger Arbeitsmarktforscher Martin Brussig, der das Problem für den Bericht analysiert hatte. Die Entscheidungen der Jobcenter seien für Arbeitssuchende zudem oft nicht transparent. „Fehlende Transparenz ist ein Problem“, sagt Brussig.

Die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, Christine Lüders, sagte, Arbeitsagenturen und Jobcenter machten einen guten Job. Für Menschen, die in Verfahrensabläufen benachteiligt werden, sollte es aber unabhängige Ombudsstellen geben. Die Migrationsbeauftragte Aydan Özoguz sagte, „dass es Bewerber mit ausländischen Wurzeln vor allem mit ausländischem Namen auf dem Arbeitsmarkt schwerer haben“.

Arbeitsministerin Nahles gefordert

Die Grünen-Arbeitsmarktpolitikerin Brigitte Pothmer forderte von Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) bessere finanzielle und personelle Rahmenbedingungen in den Jobcentern. Die Mitarbeiter stünden unter dem Druck, Kennzahlen zu erfüllen, und litten unter hoher Belastung und oft nur befristeten Verträgen. Eine Sprecherin des Nahles-Ministeriums sagte, gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit werde man die Empfehlungen des Berichts anschauen und mögliche Verbesserungen erörtern.

Insgesamt hat laut einer Erhebung für die Antidiskriminierungsstelle fast jeder Dritte in Deutschland in den beiden Jahren vor der Erhebung mindestens einmal Diskriminierung erfahren – etwa aufgrund von Herkunft, Geschlecht, Religion oder Behinderung. Frauen, Homosexuelle und Muslime seien besonders betroffen.

Die Antidiskriminierungsstelle erhielt von 2013 bis 2016 fast 9100 Anfragen zu Diskriminierungserfahrungen. Die Betroffenen haben Probleme, eine Arbeit oder Wohnung zu finden, werden in der Öffentlichkeit der Freizeit herabgewürdigt oder beleidigt oder fühlen sich in Ämtern schlecht behandelt. Mit 41 Prozent betreffen die meisten Fälle das Arbeitsleben.

Verena Bentele, Beauftragte für Menschen mit Behinderungen, kritisierte, dass 84.000 Behinderte mit rechtlicher Betreuung in allen Angelegenheiten nicht an der Bundestagswahl im September teilnehmen dürften. „Sie müssen sich dringend entscheiden können für die Vertreter ihrer Interessen“, forderte Bentele.

Wie die Bundesagentur für Arbeit auf die Vorwürfe reagiert: ROLLINGPLANET-Tagebuch (siehe Nachricht vom 1. Juli 2017)

(dpa)

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4 Kommentare

  • Timo Ewald

    davon kann ich viel erzählen. Als Autist wird man wie ein dummer Mensch behandelt. „Wir können nichts mehr für Sie tun, gehen Sie in Rente.“ da war ich 22. Jetzt mit 25 lebe ich von Grundsicherung und bin vollerwerbsgemindert – Integration fehlgeschlagen.

    29. Juni 2017 at 23:05
  • Andrea Bröker

    Das kann ich nicht bestätigen. Ich bin auch Autistin und hatte in der Reha-Abteilung der Arbeitsagentur wirklich sehr kompetente und freundliche Sachbearbeiter, die sich viel Zeit für mich nahmen

    30. Juni 2017 at 01:12
  • Christian Gloetzer

    Kenn ich

    30. Juni 2017 at 07:32

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