Menschen mit eingebautem Chip: Die Cyborgs kommen

Unsere Upgradekultur entwickelt sich immer perverser. Aber für viele Menschen mit Behinderung könnte sie ein Segen sein.

Der Brite Neil Harbisson ist der weltweit erste offiziell anerkannte Cyborg. Er war völlig farbenblind, kann aber jetzt dank einer eingebauten Kamera und Antenne Farben unterscheiden. Das Foto entstand bei einem Vortrag in Brisbane (Australien) im August 2015. (Foto: EPA/Dan Peled Australia)

Der Brite Neil Harbisson ist der weltweit erste offiziell anerkannte Cyborg. Er war völlig farbenblind, kann aber jetzt dank einer eingebauten Kamera und Antenne Farben unterscheiden. Das Foto entstand bei einem Vortrag in Brisbane (Australien) im August 2015. (Foto: EPA/Dan Peled Australia)

Aufgepolsterte Brüste und Fitnessarmbänder, die unsere Schritte zählen, sind nur zwei von inzwischen Hunderten von tragbaren Hilfsmitteln zur körperlichen „Selbstoptimierung“. Eine kleine Gruppe experimentierfreudiger Technik-Fans geht noch einen Schritt weiter. Sie lässt sich ohne Not und medizinische Notwendigkeit Magneten oder Chips unter der Haut einpflanzen, um dadurch das Spektrum ihrer körperlichen Funktionen und Sinneswahrnehmungen zu erweitern.

„In einer liberalen Gesellschaft wie der unseren, kann jeder seine Selbstoptimierung nach eigenen Wünschen handhaben, solange er nichts Verbotenes oder für andere Gefährliches tut“, sagt Alena Buyx, Leiterin der Arbeitsgruppe Medizinethik an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel. Dies gelte auch für Implantate sowie für verschreibungspflichtige Medikamente, mit denen sich die geistige oder körperliche Leistungsfähigkeit steigern ließen.

Kein Cyberborg, sondern eine Wissenschaftlerin nur aus Knochen, Fleisch und Blut: die Kieler Medizinethikerin Alena Buyx (Foto: Giles Park/BEIEM)

Kein Cyberborg, sondern eine Wissenschaftlerin nur aus Knochen, Fleisch und Blut: die Kieler Medizinethikerin Alena Buyx (Foto: Giles Park/BEIEM)

Die schwedische Firma, die ihren Mitarbeitern vor einigen Monaten anbot, sich einen Chip implantieren zu lassen, der mit der Schließanlage ihres Büros und dem Kopierer interagiert, ist dagegen schon ein anderes Kaliber. Denn die Mitarbeiter wurden zwar nicht gezwungen, sich den reiskorngroßen Radiofrequenz-Identifikationschip einpflanzen zu lassen. Ein Implantat zum Vorteil des Arbeitgebers findet Buyx dagegen „aus ethischer Sicht problematisch“.

Cochlea-Implantant
Mädchen mit Cochlea-Implantat: Der Sprachprozessor sowie die Sendespule, die außen am Kopf getragen werden, bleiben nach der OP sichtbar. (Foto: dpa)

Mädchen mit Cochlea-Implantat: Der Sprachprozessor sowie die Sendespule, die außen am Kopf getragen werden, bleiben nach der OP sichtbar. (Foto: dpa)

Was für die meisten selbstverständlich ist, ist für taube Menschen etwas ganz Besonderes: hören zu können. Möglich wird das mit einem Chip, der ins Innenohr des Patienten eingesetzt wird, dem sogenannten Cochlea-Implantat.
Die technische Anwendung besteht aus zwei Teilen: zum einen aus einem Sprachprozessor mit Mikrophon und einem Audioprozessor, die extern angebracht werden. Der Audioprozessor wandelt mit Hilfe von Radiowellen die Information fürs Ohr in elektrische Impulse um.
Zum anderen aus einem Implantat im Innenohr, das diese elektrischen Impulse aufnimmt. Allerdings sind der Klangwiedergabe mit Cochlea-Implantaten derzeit noch enge Grenzen gesetzt: Die Patienten können 20 bis 50 verschiedene Tonhöhen unterscheiden, das ist gemessen an den ungefähr 2000 Tönen, die das gesunde menschliche Ohr wahrnehmen kann, recht wenig. Es ermöglicht aber, Gesprochenes in einer ruhigen Umgebung gut zu verstehen. Ehemals gehörlose Menschen müssen nach der Operation bei Null anfangen und wie ein Säugling das Hören lernen. Zur Erkennung von technischen Defekten und zur Einbringung von Neuerungen sind lebenslang technische Kontrollen erforderlich.
In Deutschland leben rund 30.000 bis 40.000 Menschen mit solch einer Innenohr-Prothese.

Der Soziologe Dierk Spreen spricht in seinem jüngst erschienenen Buch über den „Körper in der Enhancement-Gesellschaft“ von einer „Upgradekultur“ in der „verdatete und vernetzte Körper“ um individuelle Optimierung ringen. Er findet, angesichts der jetzt schon starken Durchdringung des Leibes mit Technologien wirke es fast schon mittelalterlich wenn jemand versuche, klar zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Wesen zu unterscheiden.

Besuch bei einem Cyborg

Stefan Greiner vom Verein Cyborgs e.V. ist fasziniert von den Möglichkeiten, die implantierte Chips bieten. (Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Stefan Greiner vom Verein Cyborgs e.V. ist fasziniert von den Möglichkeiten, die implantierte Chips bieten. (Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Auch Stefan Greiner (31) aus Berlin fasziniert die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Er arbeitet gerade mit seinen Kollegen an einem Armband, das Migräne-Attacken vorhersagen soll. Greiner, der im Allgäu ohne Fernseher im Haus aufgewachsen ist, gehört einem Verein an, der sich „Cyborgs“ nennt.

Mit dem Begriff „Cyborg“ bezeichnet man Menschen, deren Körper durch künstliche Bauteile verändert worden sind. Den kleinen, mit Silikon ummantelten Magneten, den er sich in den Finger hatte einpflanzen lassen, trägt er zu Zeit nicht mehr. „Ich musste mich zur Untersuchung meiner Rückenprobleme in die Röhre legen, und da hatte ich Angst, dass mir das Gerät den Magneten aus dem Finger zieht“, sagt er.

Und wie war seine Erfahrung mit dem Magneten? „Toll, ich überlege sogar, ob ich mir wieder einen implantieren lassen soll.“ Dass es Menschen gibt, die eine technische Selbstoptimierung, die nicht der Heilung von Krankheiten dient, ablehnen, kann er nicht nachvollziehen. Er sagt: „Das sind meist Menschen, die von einem normierten Menschenbild ausgehen, das ich selbst grundsätzlich infrage stellen würde, denn jeder Mensch ist anders.“

Auch sei die Grenze zwischen medizinisch gebotenen Implantaten und der Verbesserung des eigenen Körpers ohnehin fließend. „Denn oft ist es ja auch so, dass ein medizinisch indiziertes Implantat besser funktioniert als das biologische Original“, sagt Greiner.

Er reibt mit dem Daumen über die Fingerkuppe. Ja, die Entfernung des Magneten habe schon ein wenig wehgetan, sagt er. Doch so dramatisch sei es dann auch wieder nicht gewesen.

Laserbetriebenes Chip-Implantat
Das israelische Unternehmen Nano Retina hat das erste bionische Auge entwickelt, das direkt auf die Netzhaut geklebt wird, anstatt auf externe Kameras zu vertrauen. Der Sensor wird auf die Netzhaut gesetzt, 576 Elektroden verbinden sich mit dem Sehnerv. Der Chip wandelt die Bilder in elektrische Signale um, die es dem Gehirn ermöglichen, ein Bild mit 24 x 24 Pixel in Graustufen zu rekonstruieren. Für blinde Menschen ist das noch nicht wirklich der Durchbruch – aber Experten erwarten in den kommenden Jahren auch in diesem Bereich Fortschritte.

Für einen Cyborg sieht Greiner relativ unauffällig aus. Denn in der Szene tummeln sich viele Menschen mit großflächigen Tätowierungen und ungewöhnlichem Körperschmuck. Greiner trägt nur einen kleinen Ring im Ohr. Äußerlichkeiten sind ihm persönlich nicht so wichtig. Wie die meisten Forscher zum Thema Mensch-Maschine, so erwartet auch Greiner, „dass der maschinelle Part in unserem Leben weiter nach oben gehen wird“. Er sagt: „In Zukunft gibt es extreme Potenziale und Gefahren. Dabei ist vor allem die Frage entscheidend, wer die Hoheit über unsere Daten hat.“

Zwerchfellschrittmacher
Ein Atemschrittmacher oder Zwerchfellschrittmacher ist ein Implantat mit elektrischer Stimulation des Zwerchfells, um Tetraplegiker (Querschnittgelähmte, die vom Hals abwärts gelähmt sind) zu beatmen.
Hochgelähmte Tetraplegiker müssen beatmet werden, da die Anregung (Innervierung) des Zwerchfells über die beiden Phrenikusnerven nicht mehr funktioniert. Früher geschah diese Beatmung mit Hilfe der so genannten eisernen Lunge – heute mit Beatmungsgeräten über ein Tracheostoma. Die funktionelle Elektrostimulation bietet eine Alternative, indem das noch intakte Zwerchfell inklusive der dazugehörigen Motornerven (Nervus phrenicus) für die Atmung wieder aktiviert wird. Ein implantierter Elektrostimulator reizt den/die Phrenikusnerven mit kleinen Elektroden, die dort angenäht sind. Das Zwerchfell kontrahiert sich und erzeugt dadurch einen Unterdruck in der Lunge.
Atemschrittmacher werden selten eingesetzt, obwohl die technischen Voraussetzungen gegeben sind. Der Hauptgrund dafür liegt bei den hohen Kosten für die Herstellung, Implantation und Wartung solcher Systeme.
Chip für Querschnittgelähmte
Weltweit „experimentieren“ Mediziner damit, Querschnittgelähmten mit der Hilfe eines Chips wieder zu Mobilität zu verhelfen. So haben in den USA Neurochirurgen einem querschnittgelähmten 23-Jährigen, der seit einem Unfall weder Beine noch Arme bewegen kann, einen Chip ins Gehirn implantiert. Dieser ist über Kabel mit einem sogenannten Port im Schädelknochen des Mannes verbunden, von dem aus elektrische Impulse aus dem Gehirn über Kabelverbindungen zu einem Computer geschickt werden.
Wissenschaftler von der University of Louisville haben vier Unfallopfern mit Querschnittlähmung Elektroden auf dem Rückenmark platziert, die es den Verletzten mittlerweile nicht nur ermöglichen, die Arme und Beine während der Stimulation zu bewegen, sondern sogar einige Minuten zu stehen. Trotz solcher Erfolge steht aber auch hier der Durchbruch zu einer ausgereiften Technologie noch aus.

(RP/Anne-Béatrice Clasmann, dpa)

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2 Kommentare

  • Thomas Schmidt

    eine debatte, die wir endlich führen müssen, bevor medizin und konzerne vollendete tatsachen geschaffen haben!

    19. Oktober 2015 at 14:09
    • dasuxullebt

      Welche Debatte meinen Sie? Ob man behinderten Menschen neue Hilfsmittel bereitstellen soll um ihre Lebensqualität zu verbessern? Ob man nach irgendeiner Norm gesunden Menschen dasselbe verbieten sollte? Ob man Arbeitgebern erlauben sollte, Arbeitnehmer zu Körpermodifikationen zu nötigen?

      21. Oktober 2015 at 11:50

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