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Menschenrechtsverletzung an Menschen mit Behinderung endeten nicht mit der NS-Herrschaft

Erinnerung wach halten, Aufarbeitung vorantreiben: Ein Kommentar von Corinna Rüffer zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus.

Ehre den vergessenen Opfern (Foto: flickr.com/leolumix, CC BY-NC SA 2.0)

Ehre den vergessenen Opfern (Foto: flickr.com/leolumix, CC BY-NC SA 2.0)

Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen gehörten zu den ersten Opfern der Nationalsozialisten. An ihnen erprobten sie den staatlich koordinierten Massenmord an den Juden. Bereits ab 1934 wurden schätzungsweise 400.00 behinderte und psychisch kranke Menschen aufgrund der Rassengesetze zwangssterilisiert, viele Tausend starben an den Folgen des Eingriffs. Unter dem Decknamen „Aktion T4“ töteten die Nationalsozialisten ab 1940 planmäßig etwa 300.000 behinderte und psychisch kranke Menschen.

Es dauerte viele Jahrzehnte, bis es ein angemessenes Gedenken an die Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns gab. Seit 2014 gibt es in der Berliner Tiergartenstr. 4, wo die für die Morde verantwortliche NS-Behörde saß, endlich einen Gedenk- und Informationsort. In diesem Jahr werden die nationalsozialistischen Verbrechen an Menschen mit Behinderungen erstmals im Mittelpunkt der Bundestags-Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus stehen. Dabei wird mit dem Berliner Schauspieler Sebastian Urbanski auch zum ersten Mal ein Mensch mit Down-Syndrom im Bundestag zu Wort kommen. Die Erinnerung an die grausamen Verbrechen darf nicht verloren gehen.

Recht auf Aufklärung und Entschädigung

Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass die Abwertung von und die gravierenden Menschenrechtsverletzung an Menschen mit Behinderungen nicht mit der NS-Herrschaft endeten. Bis in die 1980er Jahre haben Kinder und Jugendliche in Behindertenheimen und Psychiatrien schlimmste Grausamkeiten erlebt. Hunderte, eventuell sogar Tausende von ihnen wurden dort offenbar auch für Medikamententests missbraucht – in manchen Fällen anscheinend von Ärzten mit NS-Vergangenheit wie beispielsweise Waldemar Strehl, der in den 1950er Jahren Anstaltsarzt im Essener Franz-Sales-Haus war. Möglicherweise geschahen die Medikamententests sogar mit Billigung staatlicher Behörden.

Diese schrecklichen Vorwürfe müssen dringend systematisch und umfassend aufgeklärt werden. Die Opfer haben ein Recht darauf, dass das Unrecht, das sie erleiden mussten, benannt, anerkannt und entschädigt wird.

(RP/PM)

Die Autorin ist Sprecherin für Behindertenpolitik der Bundestagsfraktion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN.

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1 Kommentar

  • Elisabeth Wirthensohn

    Ich danke der Autorin, Frau Corinna Ruffer, der Sprecherin für Behindertenpolitik der Bundestagsfraktion der Grünen für ihr Engagement für uns behinderten Menschen an dieser Stelle. Habe auch Jahrzehnte lang auf das angemessenes Gedenken an die Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns für behinderte Menschen gewartet. Denn wir behinderte Menschen müssen uns heute noch oft genug Sätze, wie „zu Hitlers Zeiten hätte man uns vergast“ oder Ähnliches leider anhören.

    26. Januar 2017 at 21:11

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