Merkel und das Mädchen mit dem Rollstuhl – eine Begegnung mit Folgen

Flüchtlingskind Reem will der Kanzlerin „einfach nur Danke sagen“.

Bundeskanzlerin Angela Merkel beugte sich während der Veranstaltung zu Reem Sahwil herunter, und versuchte sie zu trösten. (Foto: Steffen Kugler/Bundesregierung)

Bundeskanzlerin Angela Merkel beugte sich zu Reem Sahwil herunter und versuchte, sie zu trösten. (Foto: Steffen Kugler/Bundesregierung)

Das Flüchtlingsmädchen Reem, das vor einem Jahr in einer öffentlichen Diskussion mit der Kanzlerin in Tränen ausbrach, bewertet das Treffen heute als Wendepunkt in seinem Leben.

Der sogenannte Bürgerdialog, der von der Regierung organisiert worden war, stand unter dem Motto „Gut leben in Deutschland – Was uns wichtig ist“. Auf die Frage, was sich seit dem Zusammentreffen mit Angela Merkel am 15. Juli 2015 in Rostock für sie verändert habe, sagt Reem Sahwil in einem Interview in der kommenden Ausgabe von „Bild am Sonntag“: „Ich bin selbstbewusster und mutiger geworden (…). Bis vor einem Jahr saß ich im Rollstuhl und konnte nicht alleine laufen. Vor ein paar Monaten hatte ich den Mut, es auszuprobieren.“ Heute könne sie alleine gehen. „Ich bin wahnsinnig glücklich darüber und weiß nicht, ob ich diesen Mut auch ohne das Treffen mit Frau Merkel gehabt hätte.“

Reem Sahwil am 6. Dezember mit Moderator Günther Jauch beim RTL Jahresrückblick 2015 „Menschen, Bilder, Emotionen“. (Foto: Henning Kaiser/dpa)

Reem Sahwil am 6. Dezember mit Moderator Günther Jauch beim RTL Jahresrückblick 2015 „Menschen, Bilder, Emotionen“. (Foto: Henning Kaiser/dpa)

Aufenthaltsrecht für die Familie

Die Palästinenserin hatte damals eine vorübergehende Aufenthaltsgenehmigung. Vor laufender Kamera berichtete sie in akzentfreiem Deutsch über die schwierige Situation ihrer vor vier Jahren aus dem Libanon geflüchteten Familie und über ihre mögliche Abschiebung: „Es ist wirklich sehr unangenehm zuzusehen, wie andere das Leben genießen können und man es selber halt nicht mitgenießen kann.“ Und: „Ich weiß nicht, wie meine Zukunft aussieht.“

Merkel antwortete, Deutschland könne nicht alle Flüchtlinge aufnehmen. Daraufhin fing Reem an zu weinen. Merkel ging das sichtlich nahe. „Ach komm“, sagte sie, eilte zu Reem und versuchte, sie zu trösten. Merkel wirkte unbeholfen. „Du hast das doch prima gemacht.“ Darum ging es doch gar nicht, warf der Moderator schnippisch ein. „Ich weiß, dass das eine belastende Situation ist – aber trotzdem möchte ich sie einmal streicheln“, erwiderte die Kanzlerin. Auf Twitter gab es unter dem Hashtag #merkelstreichelt die unvermeidliche Empörungswelle. „Hilflos“, „Herzlos“, „Sprachlos“ lauteten die Vorwürfe gegen Merkel.

Im Dezember wurde bekannt, dass die damals 14-Jährige einen sogenannten Aufenthaltstitel bekommen hat, der bis Oktober 2017 gültig ist. Damit ist auch ein entsprechendes Aufenthaltsrecht für Reems Eltern und ihren Bruder verbunden.

Ihr Vater Atef Sahwil erzählt: „Seit diesem Treffen ist so viel passiert. Eine Sprecherin von Frau Merkel hat uns angerufen, um sich nach uns zu erkundigen, der Rostocker Bürgermeister Roland Methling hat sich für unsere Aufenthaltsgenehmigung eingesetzt, meine Frau und ich haben Arbeit gefunden.“ Reem sagte, wenn sie die Kanzlerin heute träfe, würde sie „einfach nur Danke sagen wollen“.

(Vorerst) Ende gut, alles gut: Reem Sahwil (Foto: Henning Kaiser/dpa)

(Vorerst) Ende gut, alles gut: Reem Sahwil (Foto: Henning Kaiser/dpa)

(RP/dpa)

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5 Kommentare

  • Klaus-Dieter Dingel

    Wieder ein Flüchtling der 1 Million im Schrank gefunden hat und sie zur Polizei bringt.

    14. Juli 2016 at 11:23
    • Haakon Nogge

      Wieder einer, der glaubt, mit seinen dummen Vorurteilen und seiner Ignoranz ein paar Likes abstauben zu müssen.

      14. Juli 2016 at 11:38
  • Karola Bujarski

    ich freue mich für Sie! Keine Frage! Aber es zeigt was wir sind! Menschen mit einer Behinderung sind was zum streicheln! Und ein Publikumsmagnet! Aber ich verstehe warum sie es gemacht hat irgend jemand muss ja helfen und so kann man es eben auch erreichen!

    14. Juli 2016 at 11:46
  • Marianne Kunert

    Ich freue mich mit der Familie über diese Entscheidung. Aber es wäre auch eine gute Entscheidung beim nächsten Bürgerdialog mit der Kanzlerin, ein paar Behinderte aus unserem Land einzuladen. Nur so kann sie von Betroffenen erfahren, welche Probleme wir haben und welche Lösungen wir brauchen.

    14. Juli 2016 at 13:45

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