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Merkel und die junge Frau Natalie – „Ich will auf der Welt bleiben“

Wieso darf man Babys mit Down-Syndrom bis kurz vor der Geburt noch abtreiben?

Natalie Dedreux (18) hat das Down-Syndrom und arbeitet in einem Café der Caritas und als Redakteurin bei „Ohrenkuss“, einem Magazin von Menschen mit Down-Syndrom. (Foto: ARD)

Natalie Dedreux (18) hat das Down-Syndrom und arbeitet in einem Café der Caritas und als Redakteurin bei „Ohrenkuss“, einem Magazin von Menschen mit Down-Syndrom. (Foto: ARD)

Angela Merkel muss schlucken. Eine 18 Jahre junge Frau in Jeans und Lederjacke fragt die Kanzlerin am Montag in der ARD-Live- Sendung „Wahlarena“, wie sie zum Thema Spät-Abtreibung bei Kindern mit Down-Syndrom stehe. Die Frau heißt Natalie und sagt:

„Frau Merkel, Sie sind Politikerin, Sie machen Gesetze. (…) Neun von zehn Babys mit Down-Syndrom werden in Deutschland nicht geboren. Sie werden abgetrieben. Ein Baby mit Down-Syndrom darf bis wenige Tage vor der Geburt abgetrieben werden.“

Es ist der bewegendste, vielleicht auch der beklemmendste Moment in dieser 75-minütigen Sendung (siehe auch: Das ist Alexander Jorde – der Krankenpfleger, der die Kanzlerin herausforderte). Natalie selbst hat das Down-Syndrom.

Merkel ist sichtlich berührt. Sie bewegt sich zaghaft auf die junge Frau zu, aber das widerspricht der Regie. Merkel ist keine Politikerin, die gern umarmt und Nähe sucht. Sie bleibt lieber auf Abstand. Aber in diesem Augenblick hat man das Gefühl, sie würde Natalie am liebsten einmal drücken – so wie vor zwei Jahren das „Flüchtlingsmädchen“ Reem Sahwil.

„Ich finde es toll, dass Sie diese Frage so vorbringen“, sagt die 63-Jährige. Die Frage lautet so:

„Wieso darf man Babys mit Down-Syndrom bis kurz vor der Geburt noch abtreiben? Ich finde es politisch nicht gut. (…) Ich will nicht abgetrieben werden, sondern auf der Welt bleiben.“

Vielleicht schaut Merkel ja vorbei

Beifall im Publikum. Merkel reagierte sichtlich gerührt, antwortete zunächst persönlich:

„Ich bin in der DDR aufgewachsen auf einem Gelände, wo geistig behinderte Kinder waren. Da gab es überhaupt keine Förderung, da gab es gar nichts. Und das ist einer der großen Vorteile der Deutschen Einheit, dass man heute an Ihnen sieht, was man mit Förderung, guter Betreuung und Bildung machen kann.“

Dann verwies sie darauf, dass ihre Union dafür gekämpft habe, dass bei Spätabtreibungen eine Beratungspflicht und eine Entscheidungsdauer von drei Tagen eingeführt wurde. Und sie berichtet, dass es unglaublich schwer gewesen sei, dafür eine Mehrheit zu bekommen. Viele Eltern hätten große Angst, ein behindertes Kind zu bekommen. Sie wüssten oft nicht, wie gut sie unterstützt werden können.

Was sie derzeit mache, fragt Merkel nun Natalie zurück. Sie arbeite im Café „Querbeet“ bei der Caritas, erzählt Natalie. „Ja super“, sagt Merkel. „Vielleicht führt mich der Weg da mal hin.“

(RP/dpa)

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1 Kommentar

  • dasuxullebt

    Was für eine Stimmungsmache, immer schön auf die Tränendrüsen.

    „Ich will nicht abgetrieben werden, sondern auf der Welt bleiben.“ – was für eine Aussage? Ich hätte geantwortet „Postnatale Abtreibung ist ja auch nicht erlaubt.“

    Menschenrechte beginnen ab der Geburt. Nicht früher, nicht später.

    13. September 2017 at 20:12

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