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Meyra-Insolvenz: Jetzt spricht Geschäftsführer Frank Meyer

Exklusiv: ROLLINGPLANET-Interview mit dem Chef des Traditionsunternehmens, das sich in erheblichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten befindet.

Meyra-Zentrale in Kalldorf (Kalletal)

Meyra-Zentrale in Kalldorf (Kalletal)

Der ROLLINGPLANET-Bericht schlug in der „Szene“ ein: Meyra, der weltbekannte Hersteller von Rollstühlen und Rehahilfsmitteln, hat vor Ostern Insolvenz angemeldet und will einen Neuanfang organisieren. Das Unternehmen in Kalldorf (Nordrhein-Westfalen) beschäftigte bisher 430 Mitarbeiter.

Wer den Schaden hat, braucht für die Kritik nicht zu sorgen – Frank Meyer, geschäftsführender Gesellschafter des 1936 gegründeten Traditionsunternehmens, hat sich dennoch den ROLLINGPLANET-Fragen gestellt. Er zeigt sich dabei selbstbewusst und kündigt an: „Nach der erfolgreichen Sanierung des Unternehmens werden wir schlagkräftiger und wettbewerbsfähiger sein als zuvor.“ Sämtliche Teile der Unternehmensgruppe (neun Firmen) sollen fortgeführt werden. Das Interview wurde per E-Mail geführt.

Interview: „Wir werden schlagkräftiger und wettbewerbsfähiger sein als zuvor“

Wir können die Erklärung Ihres Hauses anlässlich des Insolvenzantrags nicht ganz nachvollziehen. Sie nennen mehrere Gründe – unter anderem „untragbare Altlasten“. Um welche handelt es sich?

Es handelt sich unter anderem um Altlasten aus der Übernahme der Firma Ortopedia aus dem Jahr 1992/93 sowie Lasten aus notwendigen, strukturellen Anpassungen der Vergangenheit, die sich aus dem veränderten Erstattungsniveau und Wiedereinsatzverhalten der Krankenkassen und Fachhandelslandschaft ergeben haben. Diese Anpassungen haben hohe Kosten verursacht und die Eigenkapitalausstattung negativ beeinflusst.

Sind nicht alle Anbieter in dem Rehamarkt von einem sinkenden Erstattungsniveau betroffen?

Es sind alle Anbieter im Rehamarkt betroffen, wobei Hersteller und Anbieter mit unterschiedlichen Konzepten diesen Trend begegnen.

Kommen die meisten Zahlungen nicht von finanziell sicheren Kunden wie beispielsweise Krankenkassen? Wie können da erwartete Zahlungseingänge ausbleiben?

Grundsätzlich ja, allerdings sind unsere Kunden nicht die Krankenkassen, sondern Fachhändler, Einkaufsgenossenschaften, Verbände, Gemeinden etc. im In- und Ausland. Die Zahlungsbedingungen werden in der Regel individuell vereinbart. Eventuelle Zahlungsausfälle sind nicht durch die Krankenkassen gedeckt.

Insbesondere im Ausland kommt es aufgrund der zum Teil sehr angespannten, wirtschaftlichen Situation in einzelnen Ländern zu Zahlungsausfällen bzw. Überschreitung der vereinbarten Zahlungsziele.

Meyra wird kritisiert, wichtige Produktentwicklungen verschlafen zu haben, beispielsweise Elektroantriebe für Rollstühle. Außerdem sagen Kritiker, Sie hätten dem geriatrischen Bereich zu viel Bedeutung beigemessen und sich mit dem Einstieg in das Geschäft mit Bandagen und Orthetik verhoben. Haben Sie sich etwas vorzuwerfen?

Im Segment der Elektro-Rollstühle sind wir Marktführer in Deutschland mit einem Marktanteil von mehr als 40 Prozent. Im Bereich der Antriebe arbeiten wir mit Systemlieferanten eng in der Entwicklung von Antriebssystemen zusammen.

Der geriatrische Bereich ist aufgrund der demografischen Entwicklung in vielen Ländern ein stark wachsender Bereich. Ein Unternehmen wie Meyra kann sich dieser Entwicklung grundsätzlich nicht verschließen.

Der Einstieg in den Bereich mit Bandagen und Orthetik hat viel Kraft, Zeit und Ressourcen gekostet. Ob die Bündelung der Ressourcen in anderen Bereichen ggf. erfolgreicher gewesen wäre, lässt sich im Nachhinein nur schwer beantworten.

Was macht Sie so optimistisch für einen Neuanfang? Welche konkreten Maßnahmen gibt es für die von Ihnen angekündigte Neuaufstellung in den Bereichen Produktion, Vertrieb und Verwaltung?

Meyra-Ortopedia ist eine starke und weltweit bekannte Marke mit hoher Kundenbindung und einer der wenigen noch verbleibenden, namhaften deutschen Hersteller mit einer mehr als 77-jährigen Tradition. Das alleine und der Zuspruch der vielen Nutzer unserer Produkte und Kunden verpflichten uns, weiterzumachen.

Nach der erfolgreichen Sanierung des Unternehmens werden wir schlagkräftiger und wettbewerbsfähiger sein als zuvor. Wir haben das letzte Jahr genutzt, um ein tragfähiges Konzept zu erarbeiten, welches wir zu gegebener Zeit unseren Geschäftspartnern präsentieren werden.

Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir Ihnen derzeit keine konkreten Maßnahmen nennen können. Wir stehen aber gerne zu gegebener Zeit für ein weiteres Interview zur Verfügung.

Gibt es schon Schätzungen, wie viele Ihrer Mitarbeiter um ihren Job fürchten müssen?

Erst mit Abschluss der Ergebnisse des Restrukturierungskonzepts können Aussagen über den zukünftigen Personalbedarf gemacht werden.

Werden Ortopedia und der Autoumrüster Petri + Lehr, die zu Ihrer Firmengruppe gehören, erhalten bleiben?

Erklärte Absicht ist es, den Geschäftsbetrieb mit allen Teilen der Unternehmensgruppe fortzuführen.

Gab es schon Anfragen von Mitbewerbern zwecks einer Übernahme von Meyra?

In einer solchen Situation gibt es naturgemäß eine große Anzahl von seriösen und weniger seriösen Anfragen.

Sind Sie auf Mitbewerber zugegangen, um durch Abgabe von Firmenanteilen frisches Kapital zu akquirieren?

Nein, und dies ist auch nicht geplant.

Laut unseren Recherchen waren vergangene Woche viele Geschäftspartner aus dem Sanitätsfachhandel noch nicht über Ihren Insolvenzantrag informiert. Ist dies inzwischen erfolgt?

Dies ist sehr zeitnah erfolgt, zusätzlich wurden viele Kunden persönlich durch die Geschäftsführung und unseren Vertriebsmitarbeitern von der Entscheidung informiert.

Wird Ihre Situation Auswirkungen auf Ihren Sponsoringvertrag mit dem Deutschen Rollstuhlsportverband (DRS) für die Basketball-Nationalmannschaften, das „Team Germany“, haben?

Wir arbeiten seit der Gründung des DRS vertrauensvoll mit dem DRS zusammen und möchten diese erfolgreiche Zusammenarbeit auch in der Zukunft fortführen.

Unterstützen Sie weitere Rollstuhlbasketball-Mannschaften? Welche? Wird Ihr Insolvenzantrag für diese Auswirkungen haben?

Es bleibt bei der bewährten Form der Unterstützung.

Vielen Dank für das Interview.

(Foto Firmenzentrale: Wikipedia/Grugerio. Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.)

Meyra-Insolvenz
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7 Kommentare

  • Willi Schroeder

    Interessant …

    3. April 2013 at 19:26
  • Fabi West Side

    Eher weniger 🙂

    3. April 2013 at 19:57
  • Willi Schroeder

    Wenn man marketingtechnisch etwas geschult ist, kann man einiges zwischen den zeilen lesen 😉

    3. April 2013 at 19:59
  • Fabi West Side

    Dann auf, schlüpf zwischen die Zeilen aber pass auf,. das du nicht stecken bleibst 😀 (Gott, bin ich böse heute 😀 )

    3. April 2013 at 20:00
  • Stephan

    Dank meiner Krankenkasse muss ich einen Elektrorollstuhl von Meyra fahren. Sie mögen ja Marktführer sein aber das liegt nicht an ihrer Technik, sondern nur am Preis. Hauptsache billig …. nur das interessiert die Kassen und Meyra kann dort punkten. Qualität und Weiterentwicklung sieht aber anders aus.

    4. April 2013 at 10:38
  • Jens

    Der Sanitätsfachhandel wird zeitnah Informiert. Ich arbeite im Sanitätsfachhandel und wir wurden erst durch Kunden und der Zeitung Informiert das Meyra Insolvenz ist.Erst nach einen Anruf bei Meyra sagt man uns die Wahrheit das Meyra Insolvenz ist. Meyra Produkte haben leider sehr an Qualität nachgelassen. Früher waren die Produkte besser.

    4. April 2013 at 18:09
  • Frieder Sorg-Eckert

    Meyra Aktiv-Rollstühle sind die besten der Welt ,
    Drei Kinder sind auf dem Beinen der Mutter
    als Säuglinge mitgefahren .
    Die Kasse hat uns schon einen B&B geschickt ,
    zurück ins Mittelalter .
    Die Krankenkassen mit Ihrer falschen Sparpolitik
    sind die Täter , die haben Ihren Hintern noch in keinem
    B&B gehabt , sonst würder sie anders handelnn .
    Aber auch hier sollte gelten „Aus der Region für die Region “ .

    14. Mai 2013 at 22:39

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