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Meyra Ortopedia an polnisches Unternehmen verkauft

Das ist das endgültige Ende einer deutschen Erfolgsgeschichte.

Meyra-Zentrale in Kalletal-Kalldorf

Meyra-Zentrale in Kalletal-Kalldorf

Das Drama um den seit März insolventen Rollstuhlhersteller Meyra Ortopedia aus Kalletal-Kalldorf (Nordrhein-Westfalen) hat ein vorläufiges Ende gefunden – oder wird, je nach Lesart, erst beginnen. Nachdem vor einigen Wochen 50 potentielle Investoren angekündigt wurden, waren es am Schluss nur zwei Unternehmen, mit denen Insolvenzverwalter Hans-Peter Burghardt „ernsthafte Verhandlungen“ um einen Verkauf von Meyra Ortopedia führte. Bekannte Player wie Otto Bock hatten abgewunken.

Nun steht fest: Die 1991 gegründete polnische Reha- und Orthopädietechnik-Gruppe Medort übernimmt mit
Wirkung zum 1. November 2013 Meyra Ortopedia. Ein entsprechender Kaufvertrag wurde in der Nacht von Freitag auf Samstag, den 21. September 2013 unterzeichnet. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart.

Von den rund 400 Arbeitsplätzen in Kalletal-Kalldorf sollen 240 erhalten bleiben, sagte Hans-Peter Burghardt. Vor zehn Jahren hatte der Sponsor der deutschen Rollstuhlbasketball-Nationalmannschaft und einstige europäische Rollstuhl-Marktführer über 1000 Menschen beschäftigt.

Von der im hessischen Dietzenbach angesiedelten Tochtergesellschaft Petri + Lehr werde nur das Ersatzteilgeschäft mit drei bis vier Beschäftigten übernommen. Den Kern der auf behindertenfreundliche Auto-Umrüstung spezialisierten Tochter Petri + Lehr will Burghardt gesondert verkaufen.

Asset Deal – um die Schulden kümmert sich der Investor nicht

Hinter Medort (350 Mitarbeiter in Polen) steht der polnische Finanzinvestor Avallon mit Sitz in Lodz. Zu den Töchterfirmen und Marken des Reha-Konzerns zählen Vitea Care, Paraopdium, Qmed, memo und inflox. Seit rund drei Jahren fährt das Unternehmen einen aggressiven Expansionskurs.

Neben Deutschland hat es Russland als Hauptmarkt für sich ausgerufen, investiert jedoch auch in Ländern wie Ungarn. Im Heimatland profitiert Medort, eigenen Angaben zufolge Europas führendes Produktions- und Handelsunternehmen für orthopädischen Bedarf, seit einiger Zeit vom zunehmenden Ausbau des Medizinsektors.

Die Polen erwerben das Unternehmen im Zuge eines so genannten Asset Deals. Dabei werden Vermögensgegenstände wie Gebäude oder Produktionsmaschinen übernommen, nicht aber die Schulden.

Nach Informationen der „WirtschaftsWoche“ summieren sich diese auf einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag. Gläubiger sind je zur Hälfte Lieferanten sowie die drei Banken HSH Nordbank, IKB und Commerzbank.

Was der Verkauf für die Mitarbeiter bedeutet

Zur Personalpolitik erklärt Burghardt:

„Um die Kapazitäten des Unternehmens weiter an die Nachfrage anzupassen, ist ein Abbau von weiteren 43 Arbeitsplätzen bei Meyra Ortopedia notwendig. Die Angebote anderer potenzieller Investoren beinhalteten einen weit größeren Abbau von Arbeitsplätzen.“ Bereits Ende Mai 2013 hatte Burghardt darüber informiert, dass aus Kapazitäts- und Kostengründen 149 Mitarbeiter freigestellt werden.

Der neue Eigentümer von Meyra Ortopedia habe in den Verhandlungen seine Absicht bekräftigt, die Standorte Kalletal (Hauptsitz) und Kiel (Ortopedia Meyra Service GmbH & Co. KG) zu erhalten. Zudem sei bereits ein Haustarifvertrag abgeschlossen, der eine Laufzeit bis ins Jahr 2022 hat. Für die verbliebenen Mitarbeiter bedeutet das erhebliche Einschritte.

Das ist der neue Haustarifvertrag

Der Vertrag sieht eine Erhöhung der wöchentlichen Arbeitszeit auf 40 Stunden sowie einen Verzicht auf Weihnachts- und Urlaubsgeld bis zum Jahr 2016 vor. Ab 2017 soll die wöchentliche Arbeitszeit wieder schrittweise reduziert werden und die Belegschaft an einem positiven Geschäftsverlauf beteiligt werden.

Meyra war lange Zeit eine deutsche Erfolgsgeschichte: Das Unternehmen Meyra wurde 1936 in Vlotho von Wilhelm Meyer gegründet. Er betrieb zunächst eine Schlosserei und Werkstatt für Krankenfahrzeuge.

Webseite: Medort

(RP)


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