Miami: Eine Woche mit dem E-Rolli im Sunshine State Florida

Florida, und dabei insbesondere Miami, ist gerade für Menschen mit Behinderung, die sich dort vor Ort sehr frei und weitgehend barrierefrei bewegen können, immer wieder ein lohnenswertes Reiseziel. Von Rafaela Bertels (Text und Fotos)

Einzigartiger Service: Den Strandrollstuhl mit elektrischem Antrieb kann man sich kostenlos ausleihen.

Fast wie ziemlich beste Freunde…: Pierre-Luc von „ABC Nurse“ und mein Freund in unserem Hotel, Miami Beach.

Schnelle Fakten Miami

Allgemeines
Reise
Klima
Sprachen
Religion
Touristische Attraktionen

uch wenn es bereits unser dritter Aufenthalt im Süden von Florida war (was uns die Orientierung vor Ort etwas erleichterte), so haben wir dennoch viele gänzlich unbekannte oder allenfalls am Rande „gestreifte“ Orte innerhalb der Stadt entdeckt. Ein Aufenthalt in Florida lohnt, auch wenn man sich auf die Stadt Miami beschränkt. Zwar ist bei einer Rundreise der Entdeckungsradius größer, bedingt durch die entstehenden Fahrzeiten und die wechselnden Standorte jedoch auch stressiger als bei einem festen Standort in einer Stadt, zumal dann auch das immer wieder lästige Kofferpacken entfällt…

Miami hat eine gute barrierefreie Infrastruktur

Behindertengerechtes Telefon im Biltmore Hotel, Coral Gables

Angesichts der Tatsache, dass mein Freund Rollstuhlfahrer ist, war ein wesentlicher Aspekt (neben dem guten Wetter natürlich) für die Wahl von Miami als Reiseziel die gute barrierefreie Infrastruktur vor Ort. Das hat uns sowohl die Mobilität als auch die Freizeitgestaltung vor Ort wesentlich erleichtert. Ein Aspekt, warum wir die USA als Reiseziel für behinderte Menschen uneingeschränkt empfehlen können. So findet sich in den USA kaum ein Restaurant oder ein öffentliches Gebäude ohne Rollstuhleingang, es gibt nach Geschlechtern getrennte Behindertentoiletten (offenbar gibt es in den USA – anders als bei uns – keine behinderten Neutren), und die öffentlichen Busse verfügen durchweg über elektrische Rampen, die der Fahrer vom Fahrersitz aus per Knopfdruck bedienen kann.

Jeder Bus verfügt über zwei Rollstuhlplätze (hier werden einfach an beiden Seiten die Sitzreihen hochgeklappt, um Platz zu schaffen), und Rollstuhlfahrer werden in den Bussen extra „gesichert“, um ein Wegkippen des Rollstuhls bei der zuweilen etwas rasanten Fahrweise zu vermeiden. Zudem gibt es an jedem Bus den Hinweis: „Please allow wheelchairs customers board/exit first“ (Rollstuhlfahrer haben Vorrang beim Ein- und Aussteigen), womit die übrigen Passanten zu besonderer Rücksichtsnahme aufgefordert werden.

Überhaupt konnten wir die Erfahrung machen, dass Behinderten in den USA sehr zuvorkommend und hilfsbereit begegnet wird. Jedoch nicht nur die Busse, sondern ebenso der Metromover (eine in Downtown Miami verkehrende, führerlose Hochbahn, die übrigens kostenlos genutzt werden kann) sowie die Metrorail (eine Art S-Bahn, die auch die Vororte mit dem Stadtzentrum verbindet) waren barrierefrei zugänglich. So verfügt nicht nur jede Station über Aufzüge, auch der Abstand zwischen Bahnsteig und Fahrzeug ist ebenerdig, so dass Rollstuhlfahrer vom Bahnsteig ohne fremde Hilfe in den Zug fahren können (etwas, was in Deutschland bei vielen Zügen – bedingt durch die unterschiedliche Höhe zwischen Fahrzeug und Bahnsteig oder einem zu großen Spalt zwischen beiden – oftmals nur mit fremder Hilfe möglich ist).

Rollstuhlservice am Flughafen klappt reibungslos

och zurück zur eigentlichen Reise… Nachdem wir nach der Landung in Miami, begleitet von dem vorbestellten und reibungslos funktionierenden Rollstuhlservice am Flughafen, problemlos die Passkontrolle durchschritten haben (Rollstuhlfahrer dürfen übrigens den Eingang, der für die Crewmitglieder vorgesehen ist, nutzen, so dass ihnen längeres Anstehen bei der Einreisekontrolle erspart bleibt; der „Zeitverlust“, der zunächst dadurch entsteht, dass man als Rollstuhlfahrer erst als letztes von Bord der Maschine darf, wird somit wieder ausgeglichen), sind wir mit dem öffentlichen Bus zu unserem Hotel Ocean Five, 436 Ocean Drive in Miami Beach gefahren.

Klar, es gibt auch behindertengerechte, das heißt mit Rampe ausgestattete Taxis am Flughafen, jedoch wollten wir uns die 30 US-Dollar für die Taxifahrt schlichtweg sparen, schließlich ist der Bus doch um einiges preiswerter. Die aufgrund unserer vorherigen Besuche bereits vorhandene Ortskenntnis bestärkte uns in unserem Vorhaben.

Die Autorin und ihr Freund: Nach einem kleinen Schock zum Anfang ganz relaxt

Angekommen an unserem Hotel, mussten wir jedoch erfahren, dass der Aufzug zu dem reservierten Rollstuhlzimmer zwischenzeitlich defekt war. Das Hotel konnte nicht sagen, wann mit einer Reparatur zu rechnen sei und bot uns zunächst ein normales Zimmer an. Das kam jedoch für uns nicht in Frage, zumal mein Freund gerade im Badezimmer auf entsprechende Haltegriffe an der Toilette, ein unterfahrbares Waschbecken und eine befahrbare Dusche angewiesen ist.

Daraufhin wurde uns ein behindertengerechtes Zimmer im Sense South Beach Hotel, nur zwei Häuser weiter, vorgeschlagen. Dieses Angebot nahmen wir nach kurzer Besichtigung an. Das im Reisepreis eingeschlossene Frühstück konnten wir in unserem Hotel einnehmen – hierauf hätten wir jedoch auch verzichten können, da dieses ohnehin äußerst spartanisch ausfiel: dünner Kaffee, Orangensaft, Toast und abgepackte Marmelade, ein bisschen Obst. Das macht allerdings nichts, gibt es doch in Miami Beach unzählige Möglichkeiten, ein leckeres Frühstück einzunehmen, zumal wir direkt am Ocean Drive untergebracht waren.

Kerline, eine alten Bekannte, vorm Segafredo am Espanola Way, Miami Beach.

An dieser Stelle möchten wir das legendäre „News Cafe“ direkt am Ocean Drive empfehlen, wo man rund um die Uhr lecker frühstücken kann. Die Auswahl dort ist sehr groß. Zudem treffen sich dort, anders als bei den meisten anderen Lokalen am Ocean Drive, auch die Einheimischen – ein zusätzlicher Pluspunkt. Aus unserer Sicht auch preislich – unter Berücksichtigung der auf der Speisekarte zunächst nicht ausgewiesenen, jedoch in der Rechnung enthaltenen „Tax“ (Steuer) und dem in den USA obligatorischen „Tip“ (Trinkgeld) – vollkommen in Ordnung, zumal die Portionen sehr reichhaltig waren und wir gut gestärkt den Tag beginnen konnten.

Lieber mit den öffentlichen Verkehrsmitteln

Während unserer Tage in Miami haben wir sehr viel gesehen. Dabei machten wir alle unsere Erkundungen entweder zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Die Benutzung eines Mietwagens ist in Miami angesichts des guten öffentlichen Verkehrsnetzes nicht erforderlich und in Anbetracht der recht hohen Parkgebühren in Miami Beach (insbesondere direkt am Ocean Drive) wenig sinnvoll.

Zudem kommt man durch die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel eher in Kontakt mit den Einheimischen. Allein dadurch, dass man an Haltestellen oder in den Straßen mal nach dem Weg fragen muss, ergibt sich immer mal wieder ein kurzer „Smalltalk“. So haben wir auf diese Weise von einer netten, gebürtig aus Haiti stammenden US-Amerikanerin das Restaurant „Chef Creole“ in Little Haiti genannt bekommen, was wir allein wohl kaum entdeckt hätten (zugegebenermaßen wirkte es von der Optik her eher einfach, dem Geschmack des Essens war dies jedoch keineswegs abträglich).

Was haben wir sonst noch gemacht? Was lohnt sich?


Kein Reichtum ohne Nachteil: Dieser Millionär muss ebenso bewundernde wie neugierige Blicke von Schiffstouristen ertragen.

un, vorrangig zu nennen wäre hier unsere 1,5-stündige Schiffstour auf dem Miami River, von wo wir bei herrlichem Wetter einen tollen Blick auf die Skyline von Miami hatten und entlang der Millionärsvillen auf Fisher Island „schipperten“. Zwar war das Schiff nicht mit dem Elektrorollstuhl, sondern nur mit einem manuellen Rollstuhl befahrbar, dieses Problem wurde jedoch schnell gelöst. Kurz nachdem wir die Tickets erworben hatten, kam auch schon der Kapitän, einen manuellen Rollstuhl schiebend, auf uns zu. Mein Freund wechselte den Rollstuhl und wurde von zwei kräftigen Männern mit diesem ins Boot gehoben. Der elektrische Rollstuhl blieb am Pier zurück und wurde nach dem Ausflug unversehrt wieder in Empfang genommen. Alles kein Problem, und es hat sich sehr gelohnt.

Sehr gut gefallen hat uns auch unser Tagesausflug nach Coral Gables. Coral Gables ist zwar kein Stadtteil von Miami, gilt somit als eigene Stadt, liegt jedoch in dessen Stadtgebiet und kann somit auch mit den Bussen von Miami Dade County (u. a. Linie 24) erreicht werden. Es handelt sich um eine sehr wohlhabende Gegend, bestehend aus schicken, gepflegten Einfamilienhäusern und vielen Villen. Unser persönliches Highlight an diesem Tag war der Besuch des legendären Bitmore Hotels, wo wir in dem Pool-Restaurant zu Mittag gegessen haben. Abgerundet haben wir diesen Tag mit einem Bummel über die berühmte Miracle Mile mit netten kleinen Geschäften, Boutiquen und Restaurants.

Amerikanische Sportbegeisterung

NBA Spiel in der American Airline Arena, Miami.

Besonders fasziniert waren wir auch von der Sportbegeisterung der Amerikaner während eines Spiels der nordamerikanischen Profiliga NBA zwischen Miami Heat und Milwaukee Bucks. Das Spiel fand in der barrierefrei zugänglichen American Airlines Arena (neben dem Port of Miami) statt. Basketball hat in den USA einen ähnlichen Stellenwert wie bei uns Fußball. Europäischer Fußball wird in den USA als „Soccer“ bezeichnet, ist dort jedoch (zumindest verglichen mit Europa) weniger populär. Leider hat Miami das Spiel mit 82 zu 91 recht eindeutig verloren. Für uns war dieser Besuch jedoch angesichts der Atmosphäre in der Halle und der frenetischen Anfeuerung der Mannschaft durch die Fans auf jeden Fall ein echtes Highlight. Wie echte Amerikaner haben wir während des Spiels einen Hot Dog und amerikanisches Bier konsumiert.

Einzigartiger Service: E-Strandrollstuhl

Da man in Miami Beach selbstredend auch am Strand gewesen sein sollte (wozu fährt man sonst nach Miami BEACH?), haben wir natürlich auch dies gemacht.

Besonders toll war, dass sich mein Freund einen Strandrollstuhl ausleihen konnte, das Ganze war kostenlos, und – das gibt es zumindest nach unseren bisherigen Reise-Erfahrungen offenbar nur in Amerika – dieser Rollstuhl war elektrisch betrieben. Damit konnte er eigenständig den Strand entlang fahren. (Es gibt ebenso manuelle Strandrollstühle, auch bei uns in Europa, bei diesen ist der Betroffene jedoch darauf angewiesen, dass er von jemanden geschoben wird.) Ausleihbar war der E-Strandrollstuhl an den Zugängen zum Strand an der Südspitze sowie an der 10. Straße am Ocean Drive. Dort waren deutliche Hinweisschilder mit einer Telefonnummer angebracht, an wen sich ein Rollstuhlfahrer bei Bedarf wenden kann.

Zwar kann man mit einem elektrischen Strandrollstuhl nicht ins Wasser, jedoch ist die Flexibilität, die der Betroffene durch die elektrische Steuerung gewinnt, ein absoluter Pluspunkt.

Das History Miami.

An einem Vormittag haben wir (obwohl das Wetter dafür fast zu schade war… ) das Historical Museum of Southern Florida in Downtown Orlando (Metromover Station „Government Center“) besucht. Wer mal einen Tag etwas anderes sehen oder dem Trubel in Miami Beach entfliehen will, sei dieser Besuch wärmstens empfohlen (und zwar nicht nur als „Schlechtwetteralternative“). In dem zu dem Museum gehörigen Gift Shop kann man zudem sehr schöne Florida-Souvenirs kaufen, die sich auch von dem üblichen Massentourismus-Kitsch abheben.

Wie man sieht, wir haben in der Kürze der Zeit (eine Woche ist für einen Florida Urlaub wahrlich nicht viel…) sehr viel erlebt, wobei die oben genannten Highlights besonders zu empfehlen sind.

Art Deco Architektur aus den 30er Jahren

Das Design District in Miami.

u guter Letzt noch ein besonderer Tipp: Wofür Miami Beach neben dem Strand (dafür steht ja bereits der Name „Beach“ im Stadtnamen) im übrigen besonders bekannt ist, ist seine Art Deco Architektur aus den 30er Jahren, die sich besonders auf den Bereich South Beach konzentriert. Eine ausführliche, mittels Audio-Guide selbstgeführte „Art Deco Walking Tour“ in South Beach haben wir jedoch bereits bei unserem ersten Besuch gemacht, so dass wir diese architektonisch sehr interessanten Bauwerke, in denen in der Mehrzahl Restaurants und Hotel untergebracht sind, bei unserem diesjährigen Besuch nur am Rande „mitgenommen“ haben. Wer mehr über die Art Deco Architektur oder über entsprechende Führungen erfahren will, sei ein Besuch Art Deco Welcome Center an der 10. Straße am Ocean Drive (mit einem sehr interessanten, mitunter sehr verrückten Gift Shop) empfohlen.

Immer eine Reise wert

Florida, und dabei insbesondere Miami, ist gerade für Menschen mit Behinderung, die sich dort vor Ort sehr frei und weitgehend barrierefrei bewegen können, immer wieder ein lohnenswertes Reiseziel. Die Infrastruktur in den USA macht es dieser Zielgruppe sehr leicht, das Land zu entdecken. Sicher, hier gibt es ebenfalls immer mal wieder Hindernisse, gerade bei älteren Gebäuden, an denen auch aus Denkmalschutzgründen keine bautechnischen Veränderungen vorgenommen werden können, jedoch sind die Amerikaner hier ungemein bemüht und hilfsbereit, möglich zu machen, was eben möglich gemacht werden kann.


Weitere Impressionen


Hafen von Miami.

Poollandschaft im Biltmore Hotel, Coral Gables

Im Hard Rock Cafe Miami

Typisch Florida: Palmen bestimmen auch das Straßenbild.

Das Betsy Ross Hotel am Ocean Drive, Miami Beach.

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

2 Kommentare

  • angelika

    Ach ich beneide Euch um den wundervollen Urlaub.
    Besonders der eleketrische Strandrollstuhl hat es mir angetan.

    Wünsche euch weiterhin so traumhafte Urlaube
    Gruß Angelika

    25. Juni 2012 at 12:15
  • Christoph

    Hallo zusammen, ich habe auch vor kurzem mit meinem Rollstuhl einen 8 tägigen Urlaub in Miami Beach gemacht. Leider hatten wir nicht so einen tollen Rollstuhl für den Strand wie ihr. Die ersten beiden Reiseberichte könnt ihr auf http://www.keep-rollin.de finden. Miami als Reiseziel für Rollstuhlfahrer kann ich aber auch nur empfehlen 🙂

    Schöne Grüße
    Christoph

    6. November 2016 at 18:36

KOMMENTAR SCHREIBEN