Michael Johnson stänkert gegen Oscar Pistorius

Eine alte Debatte flammt wieder auf: Der amtierende Weltrekordhalter Johnson hält den Start des unterschenkelamputierten 400 Meter-Läufers Pistorius bei den Olympischen Spielen für ungerecht. Er steht mit seiner Meinung nicht alleine da.

Michael Johnson vergangene Woche in Stonehenge (Großbritannien) mit dem Olympischen Feuer für die Spiele 2012 in London. (Foto: dpa)

„Wir wissen nicht, welche Vorteile er durch seine Prothesen hat, das ist unfair seinen Konkurrenten gegenüber“, zitiert die britische Zeitung „The Telegraph“ in ihrer Online-Ausgabe den ehemaligen Leichtathleten Michael Johnson (44). Der Amerikaner rennt nicht mehr aktiv, ist jedoch nach wie vor mit 43,18 Sekunden amtierender Weltrekordhalter über 400 Meter.

Zwischen 1993 und 1999 gelang Johnson auf dieser Strecke eine bis heute einmalige Erfolgsserie, als er bei allen vier Weltmeisterschaften den Titel erringen konnte. Darüber hinaus gewann er in dieser Disziplin bei den Olympischen Spielen 1996 und 2000 jeweils die Goldmedaille.

Der 25 Jahre alte Oscar Pistorius, der mit zwei sichelförmigen Karbonprothesen rennt, ist für die südafrikanische 4×400-Meter Staffel in London nominiert. Er ist damit der einzige körperbehinderte Leichtathlet, der an den Sommerspielen teilnimmt (ROLLINGPLANET berichtete: Olympia 2012 – er ist doch dabei: Oscar Pistorius). Bereits unmittelbar nach dieser Entscheidung hatte es dafür Kritik anderer Läufer gegeben.

Mit seiner persönlichen Bestzeit von 45,07 Sekunden hätte Pistorius zwar keine Medaillenchance in London, legt Johnson nun nach. „Trotzdem kann er damit einige Athleten schlagen, die dadurch verärgert werden könnten“.

Pistorius war bereits bei der WM in Daegu im vergangenen Jahr über dieselbe Distanz gestartet, dort allerdings im Halbfinale ausgeschieden.

Befürworter und Kritiker

Titelblatt des FT Weekend Magazine am 26. Mai 2012 mit Oscar Pistorius.

Prothesen als „Technik-Doping“ sind schon seit Jahren ein umstrittenes Thema in der Leichtathletik-Szene, das aufgrund der in wenigen Tagen beginnenden Olympischen Sommerspiele in London (Auftakt ist am Freitag kommender Woche, am 27.7.2012) aktueller denn je ist.

Noch vor vier Jahren war Pistorius, der als Selbstvermarktungs-Genie gilt, in Peking nicht zugelassen worden. Die Befürworter des Südafrikaners halten seine jetzige Teilnahme für einen wichtigen Fortschritt in Richtung einer Gleichberechtigung von Behinderten und insbesondere deren Gleichberechtigung im Sport.

Der Eurosport-Journalist Sigi Heinrich hält dagegen und sieht in seinem Blog einen “,Bladerunner‘ im falschen Film“. Heinrich könne sich noch gut erinnern, wie vor einigen Jahren Oskar Pistorius meinte, dass er nie daran denke, den Vergleich mit „gesunden Sportlern“ zu suchen. „Doch dann stellte sich heraus, dass der Südafrikaner einen Markt für sich entdeckte. Sponsoren wurden auf ihn aufmerksam. Er strengte Gerichtsprozesse an beim Internationalen Sportgerichtshof (CAS), die einen normalen Leichtathleten, der Zeiten läuft wie Pistorius, schon nach dem ersten Prozesstag in den Ruin getrieben hätten.“

Betont diplomatisch hatte sich die deutsche Paralympics-Medaillenhoffnung Heinrich Popow in einem „kicker“-Interview im April geäußert. Der 100-Meter-Sprinter, ebenfalls Prothesenträger: „Um es klar zu sagen: Der Name Oscar Pistorius ist super wichtig für uns Behindertensportler. Er macht natürlich seine eigene Show aus den Auftritten und findet so starken Anklang in den Medien. Doch der Pistorius-Hype bringt eine Riesenwelle in unseren Sport. Ich hoffe aber, dass die Blicke auch nach links und rechts gehen. Da gibt es zum Beispiel Rollstuhlathleten, die den Diskus aus dem Sitzen fast auf 60 Meter werfen.“

„Pistorius schadet dem Behindertensport“

Zu den Kritikern zählt auch der Autor Matthias Heitmann („Mythos Doping“, Parodos Verlag): „Mit den beiden Federn, die er zum Laufen benötigt, ist er nicht-behinderten Läufern, die ansonsten über eine ähnliche körperliche Fitness verfügen, um einiges voraus. Dies zeigt sich daran, dass er in der zweiten Hälfte von 400-Meter-Läufen – im Gegensatz zu Läufern ohne diese Federn – erheblich an Tempo zulegen kann, da ihn das Laufen mit den Sprungfedern muskulär weniger stark belastet als das gleichschnelle Sprinten auf zwei gesunden Beinen“, schreibt Heitmann in der „Welt“.

Er glaubt sogar, dass Pistorius Teilnahme nicht nur den olympischen Gedanken, sondern auch den Behindertensport insgesamt abwertet: „Genau dies(e Achtung für Behindertensportler) stellt Pistorius jedoch implizit infrage, wenn er meint, seine Leistung könne nur über den Vergleich zu nicht-behinderten Sportlern respektvoll gewürdigt werden.“

(RP/dapd)


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1 Kommentar

  • Benedikt Lika

    „Technik-Doping“… Na dann bin ich ja mal gespannt, ob sich nach dem Auftritt von Pistorius die ersten scheinbar nicht-behinderten Arhleten die Beine amputieren lassen, um von diesem „Technik-Doping“ zu profitieren…

    17. Juli 2012 at 18:23

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