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Militär und Behindertensport: Passt das zusammen?

In Deutschland fehlt es an Programmen und prominenten Werbern – ganz im Gegenteil zu den USA oder Großbritannien. Von Martin Kloth

Der Segler Siegmund Mainka war in London einer von nur zwei deutschen Paralympics-Teilnehmern, die ihre Behinderung als Militärangehörige davon getragen haben. (Foto: LWL)

Der Segler Siegmund Mainka war in London einer von nur zwei deutschen Paralympics-Teilnehmern, die ihre Behinderung als Militärangehörige davon getragen haben. (Foto: LWL)

Das Bild ging um die Welt: Prinz Harry in Tarnhose und Briten-Shirt spielt Sitz-Volleyball. Bei den Warrior Games Mitte Mai in Colorado Springs scherzte, lachte und wetteiferte der Spross des englischen Königshauses mit britischen Kriegsveteranen (ROLLINGPLANET berichtete: Willkommen im Club: Mumie, Prinz Harry, Mubarak, Wöhrl, Kaya.)

Abseits des royalen Glanzes feierte bei den Krieger-Spielen der US-Streitkräfte der deutsche Behindertensport eine Premiere: Erstmals starteten dort Bundeswehr-Soldaten, die bei Einsätzen verwundet wurden. „Zum Teil haben sie ganz gut abgeschnitten“, berichtet Karl Quade, Vizepräsident Leistungssport im Deutschen Behindertensportverbandes (DBS).

Prinz Harry bei den „Warrior Games“ in Colorado (Foto: dpa)

Prinz Harry bei den „Warrior Games“ in Colorado (Foto: dpa)

Schwierige Annäherung

Die Annäherung an das Thema Kriegsversehrte und Sport ist in Deutschland noch schwierig. Die USA haben ein paralympisches Militärprogramm, das von einem großen Wirtschaftsprüfungs-Unternehmen gesponsert wird. Zahlreiche Paralympics-Sieger wie Brad Snyder, der mit Prinz Harry die Warrior Games als Fackelträger eröffnet hatte, sind daraus hervorgegangen. In Großbritannien ist Prinz Harry Botschafter der Aktion „Help for Heroes“. Kanada hat das „SoldierOn“-Programm.

Deutschland ist von einem solch offensiven Umgang noch weit entfernt – allein schon sprachlich. Denn Kriegsversehrte heißen Einsatzgeschädigte. Und ihre Integration in den Behindertensport steckt noch in den Kinderschuhen.

„In ganz engen Gesprächen mit der Bundeswehr“

„Wir sind in ganz, ganz engen Gesprächen mit der Bundeswehr“, sagt DBS-Präsident Friedhelm Julius Beucher diplomatisch. „Da sind die Amerikaner, die Kanadier und die Briten seit Jahren vor uns, weil sie aufgrund ihrer vielen Teilnahmen in Konfliktherden dieser Welt eine ungleich größere Zahl von verletzten Soldaten haben.“ Und Quade fügt an: „Zum Glück trifft es nicht so viele deutsche Soldaten.“

Ein wenig neidisch schaut man beim DBS auf die sogenannten Veteranen-Programme in den USA, Kanada, Großbritannien oder auch Israel. „Diese Veterans Programs führen eindeutig von ihren Strukturen innerhalb der jeweiligen Armeen in den paralympischen Zyklus. Wir sind hier am Anfang. Aber wir gehen offen aufeinander zu“, meint Beucher.

DBS-Präsident Friedhelm Julius Beucher, im Hintergrund: Michael Ilgner, Vorsitzender des Vorstandes der Deutschen Sporthilfe. (Foto: Frank Rumpenhorst dpa/lhe)

DBS-Präsident Friedhelm Julius Beucher, im Hintergrund: Michael Ilgner, Vorsitzender des Vorstandes der Deutschen Sporthilfe. (Foto: Frank Rumpenhorst dpa/lhe)

Ein Prinz Harry ist nicht in Sicht

Doch klar ist auch: „Was nicht geht, sind Programme wie in den USA“, so Quade. Und prominente Werber sucht man auch vergeblich. „Wir haben kein Königshaus und wir haben auch keine Persönlichkeiten wie Prinz Harry“.

In London 2012 hatte der DBS in Segler Siegmund Mainka und Sitz-Volleyballer Heiko Wiesenthal zwei Sportler im Team, die ihre Behinderung als Militärangehörige mit nach Hause gebracht haben. Radsportler Tino Käßner, der 2005 bei einem Sprengstoffanschlag in Afghanistan den rechten Unterschenkel verloren hatte, verpasste die Quali für die Paralympics.

Die Bundeswehr bietet derweil seit diesem Jahr drei dreiwöchige Lehrgänge „Sporttherapie nach Einsatzschädigung“ in ihrer Sportschule Warendorf an. „Wir finden das sehr beachtlich und auch beispielhaft, wie die Bundeswehr ihre eigenen Strukturen solchen Besonderheiten anpassen will“, lobt Beucher.

DBS ist skeptisch

In Warendorf sollen bei der Militär-EM der Leichtathleten vom 12. bis 14. September erstmals auch einsatzgeschädigte Soldaten starten. Mit fünf Soldaten habe man Gespräche geführt.

Aus den Reihen der versehrten Soldaten künftig eine Vielzahl von Paralympics-Startern zu rekrutieren, kann man sich beim DBS nicht vorstellen. „Leistungssport ist für sie ein Buch mit sieben Siegeln“, glaubt Quade. Allein die Prozedur der Klassifizierung, bei der die Startklassen festgelegt werden, bedarf der Übung.

„Der Weg von der körperlichen Schädigung, die den Soldaten zum Einsatzgeschädigten macht und somit zum Sport für Menschen mit Behinderung bringt, zu den Paralympics ist kein Automatismus“, erklärt DBS-Chef Beucher.

(dpa)


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