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Milliardeneinsparungen bei Arzneimitteln auf dem Weg

Nervosität bei der Pharmaindustrie: Erstmals kommen vergleichsweise teure Präparate für Millionen Patienten auf den Prüfstand. Bringen sie wirklich mehr – oder kosten sie nur mehr als altbewährte Mittel?

Arzneimittelproduktion (Foto: Boehringer Ingelheim)

Arzneimittelproduktion (Foto: Boehringer Ingelheim)

Gängige Arzneimittel gegen Schmerzen, Herzleiden, Diabetes und andere Krankheiten werden einer neuen Prüfung mit dem Ziel enormer Einsparungen unterzogen. Dazu machte das oberste Gremium des deutschen Gesundheitswesens, der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) von Ärzten, Krankenkassen und Kliniken, heute den Weg frei. Er beschloss erstmals einen Fahrplan für eine Bewertung dieser breit angewendeten Medikamente, die den Pharmakonzernen teils hohe Umsätze bringen.

G-BA-Chef Josef Hecken sagte, ausschlaggebend sei, welches weitere Potenzial auf dem Markt diese Mittel erwarten ließen. Insgesamt für sechs Wirkstoffgruppen wurde eine Nutzenbewertung beschlossen, darunter auch für Mittel gegen Osteoporose, Depressionen und rheumatoider Arthritis. „Pharmazeutische Unternehmen können damit nachvollziehen, ob und wann ihre Präparate einer Nutzenbewertung unterzogen werden.“

Industrie reagiert mit Kritik

Auf den Prüfstand stellen will der G-BA solche Medikamente auf Basis von Dossiers der Hersteller und einer wissenschaftlichen Expertise. Auf Grund dieser Nutzenbewertung sollen Kassenverband und Hersteller über den Erstattungspreis verhandeln – nur was mehr bringt als Altbewährtes ohne Patentschutz, soll auch mehr kosten.

Die Industrie reagierte erwartungsgemäß mit Kritik. Zwar ist das Verfahren vom Gesetzgeber mit der schwarz-gelben Pharmareform AMNOG angestoßen, wie die Herstellerverbände BAH, BPI, Pro Generika und vfa einräumten.

Entgegen früherer Zusagen sei die Industrie aber nicht an der Vorbereitung der Bewertungen beteiligt gewesen. „Aus Sicht der Herstellerverbände muss daher das Vorgehen des G-BA dringend überdacht werden.“ Einzelne Unternehmen könnten diskriminiert werden.

Ersparnis von zwei bis drei Milliarden Euro?

Die Krankenkassen hingegen begrüßten – ebenfalls erwartungsgemäß – die Bewertung der Mittel. „Wir wollen und müssen da jetzt ran, denn aus den Portemonnaies der Beitragszahler sollte nur das zusätzlich bezahlt werden, was auch einen Zusatznutzen hat“, so ihr Verbandssprecher Florian Lanz.

Der Bremer Gesundheitsexperte Gerd Glaeske sagte: „Es werden zwei bis drei Milliarden Euro für diese Medikamenten ausgegeben, die man einsparen könnte.“ Auch um Patientenschutz gehe es. „Je länger die Präparate im Markt sind, desto mehr tauchen unerwünschte Wirkungen auf.“ Lange bewährte Präparate seien sicherer als jene, die noch relativ jung seien und unter Patentschutz stünden.

Bisherige Konsequenzen aus der Nutzenbewertung

Bereits bisher gibt es das Verfahren der Nutzenbewertung. Aber nur zahlreiche neue Mittel wurden bisher – gleich nach der Markteinführung – auf ihren Mehrwert gegenüber älteren Mitteln bewertet.

In rund drei Dutzend Fällen schloss der G-BA Bewertungsverfahren ab. In vielen Fällen wurde ein Zusatznutzen anerkannt, teils aber nur für weit weniger Patienten als von den Herstellern angegeben. In einigen Fällen stoppten Firmen Neuentwicklungen in Deutschland, etwa Boehringer Ingelheim und Lilly das als zuvor als künftiger Firmen-Wachstumstreiber betrachtete Diabetesmittel Trajenta, weil sie keinen ausreichenden Erstattungspreis erwarteten.

Die nun folgende Bewertung von Präparaten des sogenannten Bestandsmarkts war von der Branche mit wachsender Nervosität erwartet worden. Insgesamt haben die Mittel dieses Markts nach Industrieangaben ein Umsatzvolumen von rund fünf Milliarden Euro. Auf mehr als 31 Milliarden Euro waren die Kassen-Ausgaben für Arzneimittel im vergangenen Jahr gestiegen.

(dpa)

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