Mirko Korder: Der Nashorn-Mann, der nie aufgibt. Niemals.

ROLLINGPLANET-Interview (Teil 1) mit dem dreifach amputierten Manager des Rollstuhlbasketballvereins Rhine River Rhinos, dem kaum ein Unglück fremd ist. Vor einem Jahr erkrankte er zudem an Leukämie. Von Max Kramer

Könnte den Stoff für mindestens fünf Schnulzdramen liefern: Mirko Korder (Foto: privat)

Könnte den Stoff für mindestens fünf Schnulzdramen liefern: Mirko Korder (Foto: privat)

Mirko Korder verlor mit sechs Jahren seinen Vater, mit 13 Jahren seine Mutter, und mit 14 Jahren nach einem Stromschlag beide Beine und einen Arm, die amputiert werden mussten. Vor zweieinhalb Jahren war er einer der treibenden Kräfte bei der Gründung des Rollstuhlbasketballclubs Rhine River Rhinos unter dem Dach der Wiesbadener IFB-Stiftung (ROLLINGPLANET berichtete).

Mit der Erfolgstrainerin Christa Weber schaffte der Verein auf Anhieb den Sprung in die 2. Bundesliga Süd. In der vorigen Saison 2014/15 gelang den Nashörnern als Aufsteiger ein starker dritter Platz. Daneben überzeugen die Rhinos auch durch ihr Marketing – sie gehören neben den Erstligisten RSV Lahn-Dill und USC München zu den drei deutschen Rollstuhlbasketballvereinen, die in diesem Bereich am professionellsten auftreten.

Eine schöne Erfolgsgeschichte, die auch eine tragische Seite hat: Im Sommer vergangenen Jahres wurde bei Mirko Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert. Im großen ROLLINGPLANET-Interview spricht der 34-Jährige über seinen Sport, seine Leidenschaft und Krankheit und seinen Lebensmut.

„Hinfallen, aufstehen, Krone rücken, weitermachen!“

Mirko Korder am Ball: Er ist einer der Initiatoren der Rhine River Rhinos (Pressefoto)

Mirko Korder am Ball: Er ist einer der Initiatoren der Rhine River Rhinos (Pressefoto)

Eure Neugründung war ganz schön mutig. Mit den Frankfurter Skywheelers, den Heidelberger Chocolates, der Übermannschaft RSV Lahn-Dill oder auch den Teufeln aus Kaiserslautern habt Ihr starke regionale Rivalen. So viele gute Rollstuhlbasketballer auf einem Fleck gibt es bekanntlich nicht – wo siehst Du angesichts der etablierten Konkurrenz mittelfristig die Chancen der Rhinos?

Konkurrenz belebt bekanntermaßen das Geschäft. Sie treibt uns sowohl auf als auch neben dem Feld zu Höchstleistungen an. Nicht nur ich finde, dass die 2. Bundesliga Süd in den vergangenen Jahren viel stärker geworden ist und es keine einfachen Siege mehr gibt. Manche behaupteten sogar, dass die 2. Bundesliga Süd noch nie so stark aufgestellt war wie in der Saison 2014/2015.

Trotzdem ist es uns als Aufsteiger und erst zwei Jahre altem Verein gelungen, am Ende der letzten Saison direkt den dritten Tabellenplatz zu belegen (Anm.d.Red.: Derzeit liegen die Rhinos nach vier Spieltagen auf Platz 2 der 2. Bundesliga Süd). Das spricht für die Qualität unserer Arbeit. Nun gilt es aber, daran wieder anzuknüpfen und unsere Strukturen, die schon jetzt auf einem sehr guten Niveau sind, weiter auszubauen.

Wie wollt Ihr diesen Prozess vorantreiben?

Wir versuchen, Bedingungen zu schaffen, in denen sich unsere Spielerinnen und Spieler wohl fühlen, damit sie sich auf ihre sportliche Entwicklung konzentrieren können. Bei uns können Sportler wirklich Sportler sein, auch weil sich das Management bemüht, störende Faktoren von den Spielern fernzuhalten. Wir haben bei den Rhinos das Glück, dass wir als Verein Teil der IFB Stiftung sind und so auf deren Know-how sowie viele schon vorhandene Ressourcen zurückgreifen können.

Rockte vor einigen Tagen „The Voice“: Rhinos-Lowpointer Thomas Gundert (Foto: ProSieben/Claudius Pflug)

Rockte vor einigen Tagen „The Voice“: Rhinos-Lowpointer Thomas Gundert (Foto: ProSieben/Claudius Pflug)

Durch den Erfolg unseres doch sehr jungen Vereins können wir definitiv sagen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Wenn es uns weiterhin gelingt, Größen wie eine Trainerin vom Kaliber Christa Weber, internationale und erfahrene Topspieler wie Janet McLachlan, Serdar Antac, Thomas Gundert und David Amend zu holen und gleichzeitig Nachwuchstalente wie unter anderem unsere U22-Welt- bzw. Europameister und natürlich die mit allen Wassern gewaschenen Veteranen nach Wiesbaden hier zu halten, dann stehen unsere Chancen auch in Zukunft sehr gut.

Du hast es bereits angesprochen: Christa Weber ist einer der Schlüssel für Euren schnellen Erfolg. Keine Angst, dass Eure Trainerin weiterzieht, wie es bei ihren anderen Vereinen in der Vergangenheit schon öfter der Fall war?

Ich kenne Christa nun schon seit ziemlich genau 20 Jahren, wir haben ein tolles Verhältnis und die Zusammenarbeit läuft auch sehr gut. Selten habe ich so einen ehrgeizigen und taffen Menschen kennengelernt. Christa spornt uns immer wieder aufs Neue zur Perfektion an, ist in der Basketballszene gut vernetzt und eine sehr gute Trainerin. Sie war für mich wie eine Ausbilderin und Mentorin, ich habe verdammt viel von ihr lernen können und bin ihr auch sehr dankbar dafür.

In vielerlei Hinsicht ist sie maßgeblich an unserem Erfolg beteiligt, das stimmt und ist uns natürlich bewusst. Gerade am Anfang hat sie uns häufig im Management unterstützt, gibt uns aber auch heute immer wieder gute Ratschläge mit auf dem Weg. Mittlerweile sind wir jedoch solide aufgestellt und müssen in der Lage sein, einen Funktionsträger, egal in welchem Bereich, ersetzen zu können, und wir überlassen da auch nichts dem Zufall. Aber natürlich würden wir Christa schmerzlich vermissen, und es wäre speziell in diesem Fall ein für den Verein nur schwer zu kompensierender Verlust.

Engagiert: Rhinos-Trainerin Christa Weber ist eine der profiliertesten Persönlichkeiten im deutschen Rollstuhlbasketball (Foto: Chris Vo)

Engagiert: Rhinos-Trainerin Christa Weber ist eine der profiliertesten Persönlichkeiten im deutschen Rollstuhlbasketball (Foto: Chris Vo)

Trotz starker Mannschaftsleistungen ragten bei Euch auch einzelne Akteure heraus. Welcher Spieler hat Dich bisher besonders beeindruckt und warum?

Wo soll ich anfangen? Auf unsere Jungen Wilden sind wir besonders stolz. Da ist zum Beispiel Lukas Jung (U22 Weltmeister und Vize-Europameister: Lukas hat, wenn er so weiter macht, noch eine große Karriere vor sich, er ist optimal ausgebildet und auch charakterlich ein toller Typ. Aber nicht nur er ist außerordentlich talentiert: Mit Marcel Gerber (Vize-Europameister), Oliver Hoffmann (Juniorenländerpokal-Sieger) und Christoph Spitz haben und hatten wir eine ganze Reihe von großartigen Talenten, von denen man in der Rollstuhlbasketball-Szene schon einiges gehört hat und mit Sicherheit noch viel hören wird.

Am meisten beeindruckt mich aber Matthias Güntner, der kürzlich von der „Rollt.“ zu Recht zum MVP der 2.Bundesliga Süd in der vergangenen Saison gekürt wurde. Er ist extrem talentiert, ein wahrer Teamplayer, einer der trainingsfleißigsten Spieler und besitzt zudem einen tollen Charakter. Ich bin ein Matze-Fan! (lacht)

Nun zur aktuellen Saison. Das erste Spiel gegen die Roller Bulls St.Vith, dem starken Absteiger aus der ersten Bundesliga, wurde gleich verloren. Wie realistisch ist denn jetzt noch der Aufstieg für diese Saison?

Wir hatten extremes Pech, gerade im ersten Spiel der Saison mit einem noch nicht ganz so eingespielten Team, gleich gegen unseren größten Konkurrenten, und das auch noch auswärts, im bekannten St. Vither Hexenkessel, ran zu müssen. Die enorme Erstliga-Aggressivität der Roller Bulls hat uns zusammen mit ihrer Routine und einem extrem gut aufgelegten Boterberg einfach überrascht. Der Druck war enorm und wir haben zu lange gebraucht, um richtig ins Spiel zu finden.

Wir haben noch zu viel unausgeschöpftes Potential in der Abstimmung und im Zusammenspiel. Christa Weber hat in der Vorbereitung zwar bei der Integration der Neuzugänge innerhalb kürzester Zeit einen super Job gemacht, aber man benötigt einfach mehr Zeit, bis gewisse Abläufe funktionieren.

Das heißt, Ihr macht Euch immer noch Hoffnung auf den Aufstieg?

Es ist positiv anzumerken, dass wir gegen die Roller Bulls bis zum Schluss gekämpft und durch die knappe Niederlage, mit sechs Punkten Unterschied, eine gute Chance haben, den direkten Vergleich mit einem Sieg in Wiesbaden für uns zu entscheiden. Alle anderen Spiele konnten wir bisher klar gewinnen und liegen auch in der Korbdifferenz vor den Rollerbulls. Wir vom Management sind auf jeden Fall zuversichtlich und glauben fest daran, dass wir unsere Ziele dennoch erreichen werden.

„Ich denke nicht im Entferntesten daran, aufzugeben!“

Neben den erfreulichen Entwicklungen bei den Rhinos erreichte Dich im vergangenen Sommer die niederschmetternde Nachricht, dass Du an Lymphdrüsenkrebs erkrankt bist. Bedeutet diese Diagnose für Dich Halbzeit, Auszeit im vierten Viertel oder Abpfiff?

Auszeit im vierten Viertel. Wir liegen nahezu aussichtslos zurück, aber mit viel Glück könnten wir das Wunder schaffen. Meine Krankheit befindet sich im „IV“-Stadium, quasi das Endstadium dieser Krebserkrankung. Therapierbar ist diese mit moderner Medizin nicht mehr, aber ich denke nicht im Entferntesten daran aufzugeben!

Außerdem gibt es hin und wieder Wunder: Es soll Fälle geben, bei denen sich der Krebs auf unerklärliche Weise komplett zurückgebildet hat oder andere, bei denen er einfach aufgehört hat zu wachsen und in diesem Zustand verbleibt. Mittlerweile ist das auch bei mir der Fall, seit nun gut einem Jahr ist mein Gesundheitszustand ziemlich stabil und die Krankheit schreitet, wenn überhaupt, nur langsam voran. So kann’s ruhig weitergehen!

Mirko mit seiner Hündin Ronja, die ein Siberian Husky ist. (Foto: privat)

Mirko mit seiner Hündin Ronja, die ein Siberian Husky ist.

Wie waren die Reaktionen Deines Umfelds, also von Freunden, Verwandten und Mannschaftskollegen auf die Diagnose? Wie schwer war es für Dich, sich ihnen anzuvertrauen?

Schock, Unglaube, pure Verzweiflung, brennende Motivationsreden, Verdrängung, Trauer, Wut – es war von allem etwas dabei. Es war anfangs sehr komisch, da ich gemerkt habe, dass mein Umfeld nicht wusste, wie es damit umgehen soll.

Irgendwann ist es mir dann zu bunt geworden, habe alle zusammengetrommelt und gefordert, dass sie mich einfach ganz normal behandeln und offen mit mir reden sollen. Es hat aber nicht lange gedauert, bis sich alles normalisiert hat. Der Vorstand hat toll reagiert und mir gesagt, dass ich mir so viel Zeit nehmen kann, wie ich brauche, mir keine Sorgen um meine Position innerhalb des Vereins machen muss, und sie auf mich warten. Das kann ich unserer Vereinsführung gar nicht hoch genug anrechnen.

Inwiefern beeinflusst die Krankheit Deinen Alltag?

Erfreulicherweise ist bisher alles sehr gut aushaltbar. Ich werde nur etwas schneller müde und bin nach einem anstrengenden Tag oft sehr geschlaucht. Ich bin also insgesamt körperlich weniger belastbar, aber sonst merke ich bisher eigentlich nicht wirklich viel davon.

Hat sich durch die Diagnose Deine Einstellung zum Leben geändert? Hast Du etwa gelernt, gewisse Dinge mehr wertzuschätzen?

Oh ja! Ich lebe seit der Erkrankung viel mehr und vor allem bewusster im Jetzt. Früher habe ich immer in der Zukunft gelebt und mein Glück vom Erreichen irgendwelcher Ziele abhängig gemacht, nach dem Motto: „Nur wenn ich die Position XY im Berufsleben erreiche, geht es mir gut.“

So ein Unsinn! Ich habe viel zu schnell gelebt und war mit meinen Gedanken ständig überall, nur nicht im Jetzt und habe zudem noch Existenzängste mit mir herumgeschleppt. Heute lebe ich einfach und versuche den Tag, die Begegnungen, Erfahrungen, Gespräche und das Erlebte zu genießen. Ich verschwende meine Zeit nicht mehr mit unwichtigen Dingen und surrealen Ängsten, sondern erfülle mir lieber Träume und versuche, öfter neue Erfahrungen zu machen.

Teil 2 dieses ROLLINGPLANET-Interviews – Mirko Korder: „Ich wollte und will leben! Welche Alternativen hat man denn?“

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4 Kommentare

  • David

    Wahnsinn, wieviel Lebensmut kann ein Mensch haben…

    14. November 2015 at 22:17
  • Stigmaman

    Ich bin wirklich sehr beeindruckt. Manchmal wundert man sich, wo die Kraft her kommt.

    15. November 2015 at 12:06
  • Sunshine

    Ja wirklich Wahnsinn, wieviel Lebensmut und positive Energie ein Mensch, mit derartigen Schicksalsschlägen haben kann – einfach nur bewundernswert.
    Zu:
    „Außerdem gibt es hin und wieder Wunder: Es soll Fälle geben, bei denen sich der Krebs auf unerklärliche Weise komplett zurückgebildet hat oder andere, bei denen er einfach aufgehört hat zu wachsen und in diesem Zustand verbleibt. Mittlerweile ist das auch bei mir der Fall, seit nun gut einem Jahr ist mein Gesundheitszustand ziemlich stabil und die Krankheit schreitet, wenn überhaupt, nur langsam voran. So kann’s ruhig weitergehen!“
    Mirko, streich mal den letzten Satz – denn dann schreitet die Krankheit, zwar nur langsam, aber sie schreitet voran – und entscheide dich für die zuerst genannte Möglichkeit!!
    Mit deiner Einstellung zum Leben, mit deiner Kraft schaffst du das! Positiv Denken und positiv Fühlen, damit ist jede Krankheit therapierbar – du schaffst es! Ich wünsche es dir von ganzem Herzen, du hast es verdient.

    17. November 2015 at 00:21
  • Christoph

    Wahnsinn, toller Mensch. Ich wünschte ich hätte auch nur Ansatzweise so viel Lebensmut.

    14. November 2016 at 14:43

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